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Anne Will über CDU-Parteitag:"Es kommt jetzt nicht auf das Ego eines Einzelnen an"

Anne Will; Anne Will 17.01.2021

Christian Lindner (FDP), Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Volker Bouffier (CDU), Saskia Esken (SPD) und zugeschaltet Markus Söder (CSU) diskutierten am Sonntagabend mit Anne Will.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Nach der Wahl Laschets zum neuen CDU-Chef lässt Bayerns Ministerpräsident Söder durchblicken, dass das letzte Wort in der K-Frage noch nicht gesprochen ist.

Von Joachim Käppner

Stellen wir uns nur zum Spaß einmal vor, Menschen aus einem sehr fernen Land, die wenig über deutsche Politik wissen, hätten sich am Sonntagabend in der ARD die Talkshow mit Anne Will angesehen und übersetzt bekommen. Man hätte sie gefragt: Wer in der Runde würde lieber nicht eine Koalition mit der CDU eingehen? Grünen-Co-Chef Robert Habeck, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner? Nein. Man tut der SPD-Co-Vorsitzenden Saskia Esken wohl kein großes Unrecht mit der Vermutung, dass diese Zuschauer sagen würden: Die Dame da mit der roten Jacke, Saskia Esken, sie möchte am wenigsten mit der CDU zu tun haben.

Die SPD-Chefin trat einmal mehr wie jemand auf, die die CDU/CSU aus der Perspektive einer kämpferischen Opposition betrachtet. Manche Punkte wie das von ihrer Partei im Zuge der Corona-Bekämpfung geforderte "Recht auf Home-Office" sind, keine Frage, berechtigt und bedenkenswert. Aber das Problem ist eben: Die SPD ist nicht in der Opposition, sondern seit Langem Juniorpartner in der Bundesregierung. Sie gebärdet sich jedoch, als sei das Ende dieser Regierung ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit. So weit kann Identity-Suche führen: in die Opposition gegen sich selbst.

Doch was reden wir da schon wieder über das Elend der niedersinkenden SPD, es ging doch um die CDU und den frohsinnigen Rheinländer, der sie jetzt anführen wird. (Apropos Frohsinn: Täuscht eigentlich der Eindruck, dass Anne Will mit den Jahren immer deutlicher ein dezentes Amüsement über Redeschlachten ihrer Gäste zu empfinden scheint?) Armin Laschet selbst ist nicht dabei, aber es gibt andere, die seinen Job erledigen, nämlich möglichst nichts über die K-Frage zu sagen: Wer wird Kanzlerkandidat der CDU/CSU? Hessens CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier weicht Anne Wills kritischen Fragen so geschickt aus wie ein Skirennfahrer den Torstangen.

Laschets K-Konkurrent Markus Söder jedoch, als einziger Gast nur zugeschaltet, folgt der Debatte via Video. Manchmal wirkt er, die starken Augenbrauen missbilligend zusammengezogen, vor den Türmen Münchens wie ein - freilich bemerkenswert gelassener - Graf Nosferatu vor seinem Spukschloss in den Karpaten. Söders Botschaft an Laschet ist angemessen gruselig: Der Bayer (früher: "Mein Platz ist in Bayern") lässt deutlich durchblicken, dass das letzte Wort in der K-Frage noch nicht gesprochen ist. Dann sagt er mit ungerührter Miene: "Es kommt jetzt nicht auf das Ego eines Einzelnen an."

Der in der Sache engagierteste Gast des Abends dürfte Robert Habeck gewesen sein. Der Grünen-Co-Vorsitzende möchte gern debattieren: Hat die Union mit Laschet wirklich auch eine Richtungsentscheidung getroffen, was ist mit den Merz-Nostalgikern? Was macht die CDU, wenn EVP-Chef Donald Tusk sie mahnt, endlich Haltung gegen Ungarns Rechtsnationalisten zu zeigen? Und belehren wir die Leute mit den Corona-Verordnungen nicht zu sehr von oben herab? Keine schlechten Fragen, aber Pech, dass die anderen so gar nicht mitdebattieren wollen.

Auch der gut angezogene, dezent bärtige Lindner - schade, dass er jener Mann ist, der den Leuten gern Selbstverantwortung predigt, 2017 bei den Koalitionsgesprächen aber vor eben dieser Verantwortung davonhastete wie der Teufel vor dem Weihwasser -, Lindner also sagte durchaus Bedenkenswertes. Warum eigentlich werden die Parlamente so wenig mit den Lockdown-Maßnahmen betraut? Kann man so viele Beschränkungen der Freiheit einfach verordnen?

Ein wichtiger Punkt. Als freilich gleich danach die Talkshow endete, meldeten die "Tagesthemen": Bei der Ankunft in Moskau wurde Kreml-Kritiker Alexej Nawalny umgehend verhaftet. Manche Menschen mögen das heute nicht mehr so sehen: Aber welch ein Segen, in einem Land zu leben, dessen größte Sorgen - so ernsthaft sie sein mögen - jene sind, die sonntags am Abend bei Anne Will diskutiert werden.

© SZ/cat
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