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"Tatort" vor der Sommerpause:Persönlich betroffen und musikalisch wie nie

Tatort Köln Ohnmacht Klaus J. Behrendt als Max Ballauf

In "Ohnmacht" wird Max Ballauf Opfer von U-Bahn-Schlägern. Dass die Kommissare selbst ins Geschehen verwickelt sind, ist im Tatort keine Seltenheit mehr.

(Foto: WDR/Martin Menke)

Der "Tatort" geht in die Sommerpause - und mit ihm ermittelnde Handy-Verweigerer, persönlich involvierte Kommissare und hervorragend besetzte Nebenrollen. Vier Beobachtungen, die uns auch in der nächsten "Tatort"-Saison beschäftigen werden.

Das war's vorerst mit dem Tatort. Die ARD-Krimireihe verabschiedet sich in die Sommerpause. Was bleibt von der vergangenen Saison? Die Themen reichten von U-Bahn-Schlägern über Schlepperbanden bis hin zu untragbaren Zuständen im Knast. Einige Gemeinsamkeiten aber hatten die Fälle: Trends, die uns auch in der nächsten Tatort-Saison begegnen werden.

Tatort digital

Selbst wenn laut SZ-Kritiker Holger Gertz bislang "jeder Computer ein einziges Geheimnis für deutsche Ermittler" bleibt, zeichnete sich eines schon vor dieser Tatort-Saison ab: "Dieses Internet" ist einfach überall. Yalcin Gümer in Hamburg und Sarah Brandt in Kiel etwa sind Ermittler, die sich nicht mehr auf Logik, Intuition und Fingerabdrücke allein verlassen können. Eine digitale Welt erfordert digitale Methoden, die die neue Ermittlergeneration mehr oder weniger legal einsetzt, im Netz, auf Laptops und Smartphones von Verdächtigen und Opfern. Manchmal macht es Spaß, zuzusehen, wie charmant sich die jungen Hacker mit Polizeimarke durch ihre Fälle klicken. Nach dem Motto: Ein Wisch und der nächste Beweis liegt vor. Alte Haudegen wie Kommissar Max Ballauf wehren sich da vergeblich: "Free speech, am Arsch!" und "löschen sollte man den ganzen Dreck", tobte der Handy-Verweigerer aus Köln in der Folge "Ohnmacht" vor wenigen Wochen.

Manchmal kann es dem Zuschauer aber auch kalt den Rücken hinunterlaufen. In der Berliner Folge "Gegen den Kopf" konnten die allgegenwärtigen Überwachungskameras nicht bei der Aufklärung des Falles helfen, im April wurden in der Folge "Kaltstart" die Bundespolizisten Falke und Lorenz selbst ausgespäht. Es gibt kaum mehr Räume, die vor dem virtuellen Blick geschützt sind, Räume für Verbrechen finden sich jedoch mehr als zuvor. Der internationale Überwachungsskandal und die Alltäglichkeit der Ausspähung - ein realer Hintergrund, der auch kommenden Tatorten Spannung und Brisanz verleihen kann.

Ermittlerseelen

Die Zeiten, in denen es im Tatort lediglich um einen Mordfall ging, scheinen passé. Immer öfter geht es um das Privatleben der Kommissare: Sie werden mit ihrer Kindheit und ihrer Kinderlosigkeit konfrontiert (Ritschard und Flückinger in Luzern), ermitteln zum Tod der eigenen (Ex-)Affäre (Falke in Norddeutschland, Leitmayr in München) und verlieren ihre liebste Kollegin durch mehr (Schenk und Ballauf in Köln) oder minder grausame Entwicklungen (Steier in Frankfurt), die tiefe Wunden hinterlassen. Von der ersten Folge der nun endenden Saison an lieferten sich die Tatort-Autoren einen Wettbewerb, welche Ermittler am dramatischsten persönlich betroffen sind.

In Dortmund wird Kommissar Fabers Liebes- und Leidensgeschichte sogar über mehrere Folgen hinweg aufgerollt. Musste noch kurz vor der vergangenen Sommerpause der Bremer Uljanoff das Zeitliche segnen, gipfelte in diesem Jahr das Spiel in dem gewaltsamen Tod der Kölner Assistentin "Franziska". Auch einen Münchner Kommissar traf es: In der Mai-Episode "Am Ende des Flurs" erleidet er eine lebensgefährliche Verletzung, nach der die Fans erst einmal wieder beruhigt werden mussten:

Da sage einer noch, die Kommissare wären nicht mit Leib und Seele bei der Sache.

Musikalisch wie nie

Pharrell Williams - im Tatort. Naja, zumindest sein Song "Get Lucky", den er gemeinsam mit Daft Punk aufgenommen hat. Im vergangenen Bremer Tatort untermalt der Endlos-Hit eine Autofahrt-Szene. Das ist fast schon avantgardistisch für ein Format, in dem bislang höchstens die Titelmelodie für Aufmerksamkeit gesorgt. Und das auch nur, weil einige sie längst austauschen wollen. Aber in der vergangenen Saison wurde der Musik offenbar mehr Beachtung geschenklt als je zuvor. In dem Bremer Fall "Alle meine Jungs" läuft neben Williams auch "Daddy Cool" (naja) und "Sympathy for the Devil" von den Rolling Stones (hier geht's zur Playlist).

Und nicht nur Radio Bremen ist auf musikalische Entdeckungstour gegangen: Im Münchner Tatort "Am Ende des Flurs" zieht sich das Oldies-Motiv wie ein roter Faden durch den Fall. Schon in der ersten Szene (im Bild sitzt das spätere Mordopfer im weißen Kleid auf weißer Couch vor weißen Lilien) schmachtet Brenda Lee "Love Letters" (das eigentlich von Ketty Lester stammt) aus dem Off und sorgt für Gänsehaut-Stimmung. Leitmayrs innigste Stunden wären ohne die Oldie-Untermalung nicht so glücklich, die Todesfahrt eines Verdächtigen nicht so tragisch. Zuletzt fein ausgewählt: Elvis Presleys "(You're the) Devil in Disguise" untermalte einen Verdächtigen im Stuttgarter Fall "Freigang". Musikalisch war der Tatort lange nicht so weit vorn wie in der vergangenen Saison.

Besetzt die Nebenrollen!

Im Tatort tummelten sich immer schon großartige Nebendarsteller. Die berühmteste: Nastassja Kinski, die das zugeknöpfte Publikum 1977 mit ihrer Nacktszene in "Reifezeugnis" verstörte. Oder Matthias Schweighöfer. Der gab im preisgekrönten Frankfurter Fall "Weil sie böse sind" ein verwöhntes adeliges Söhnchen - und dem Tatort gehörig Pep. Und Gisbert, hach: Der Münchner Sidekick nervte die Kommissare so grandios, dass die Fans seinen Tod nach nur einer Folge kaum verschmerzen konnten. In der vergangenen Saison haben Franz Xaver Kroetz (in "Am Ende des Flurs"), Andreas Patton (in "Kaltstart") und Felix von Manteuffel (im Kölner Fall "Ohnmacht") bewiesen, wie hervorragend gespielte Episodenfiguren den Tatort bereichern können.

Allerdings treten viele von ihnen inzwischen selbst als Kommissare auf, wie Adele Neuhauser (die auch im schon erwähnten Frankfurter Fall mitspielte) oder Mark Waschke (in Til Schweigers Premiere mimte er dessen Ex-Partner, bald übernimmt er die Berliner Ermittlungen). Und auch Fabian Hinrichs alias Gisbert kommt zurück: als Ermittler im Franken-Tatort. Also allez hopp, von der Episoden- zur Hauptrolle? Iwo. Anstatt gefühlt alle zwei Monate neue Kommissare zu präsentieren, könnten sich die Macher darauf konzentrieren, die Nebenrollen gut zu besetzen. Es muss ja nicht ganz so platt enden wie im vergangenen Münsteraner Fall: Da spielte Frank Zander mit. Als Leiche.

© SZ.de/cag/ihe/tob/rus

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