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Nachlese zum Tatort "Kaltstart":Überall sind Augen

Tatort: Kaltstart;

Katharina Lorenz recherchiert mit Falke im Tatort "Kaltstart".

(Foto: NDR/Boris Laewen)

Sie wollen mitreden über den "Tatort"? Wir sagen Ihnen, welcher Trend sich im dritten Fall von Wotan Wilke Möhring abzeichnet und wer in "Kaltstart" den besten Auftritt hinlegte. Die "Tatort"-Nachlese - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Von Irene Helmes

Darum geht's:

Thorsten Falke wechselt als Ermittlungsgruppenleiter zur Bundespolizei, sein erster Fall dort wird prompt zum "Kaltstart". Die Polizei will im Containerhafen einen Menschenhändler "hochgehen lassen" - stattdessen kommen dieser und zwei Polizisten bei einer Gasexplosion ums Leben, darunter Rita Kovic, mit der Falke eine lockere Beziehung hatte. Mit Kollegin Katharina Lorenz taucht der trauernde Falke in das Umfeld des Schleusers ein, schleppt sich mosernd durch die Ermittlungen und versucht die Verstrickungen der örtlichen Unternehmer und Arbeiter zu durchschauen. Und was wird aus den Flüchtlingen, die aus Afrika nach Deutschland verschifft wurden? Nach dem Schweizer Tatort der vergangenen Woche erneut eine düstere Folge.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Bezeichnender Dialog:

Eine Befragung der in einem Container entdeckten Flüchtlinge geht trotz Übersetzerin nicht voran.

Falke zu seinem Kollegen: Sag denen, sie sollen Asylanträge stellen.

Kollege: Bitte?

Falke: Sie sollen das Wort Asyl sagen.

Kollege: Das ist doch überhaupt nicht unsere Aufgabe, wir können doch nicht ...

Falke: Digger, die sind im Scheiß-Container hergekommen! (An die Flüchtlinge gewandt:) Asyl, you have to say Asyl!

Die Flüchtlinge stimmen im Sprechchor ein: Asyl, Asyl, Asyl!

Kurz darauf:

Lorenz: Falke, warum haben Sie den Flüchtlingen das mit dem Asyl gesagt? Wenn sich rausstellt, dass sie aus dem Kongo sind, und das wird es, dann sind die ganz schnell wieder weg, der Kongo ist ein befriedetes Land.

Falke: Das wusste ich nicht.

Die beste Szene:

Ein Flüchtlingsjunge kratzt vorsichtig einen Sammelaufkleber, der einen Fußballspieler zeigt, vom Spiegel der Polizeitoilette. Ein stiller kleiner Moment, behutsam inszeniert.

Die besten Zuschauerkommentare:

Die Erkenntnis:

Früher waren Ermittlungen beim Tatort klassische Kopfarbeit - dafür sind die großen Zeiten vorbei. Sibel Kekilli in Kiel und Fahri Yardim in Hamburg werkeln sich inzwischen mit Hacker-Methoden durch ihre Fälle, bei der Bundespolizei spioniert nun Petra Schmidt-Schaller mehr oder weniger legal in Laptops und Handys von Verdächtigen. Tatort-Ermittlungen werden immer digitaler. Sogar der angebliche Abschiedsbrief eines Verdächtigen taucht in dieser Folge auf einem Tablet auf. Und auch die Ermittler werden in "Kaltstart" überwacht, Jäger wie Gejagte haben ihre Augen inzwischen überall. Die NSA lässt grüßen.

Top:

Die Kamera fängt ohne Tamtam die Tristesse des riesigen Containerhafens in Wilhelmshaven ein. Mal ist es gespenstisch still, mal scheppert der Lärm der Lademaschinen in den Ohren. Kein schöner Ort, aber schön gezeigt.

Schon mal irgendwo gehört:

"Es geht ums Geld. Ums ganz große Geld."

Bester Auftritt:

Andreas Patton als verzweifelt-übergeschnappter Logistik-Unternehmer Dreyer, der auf dem Segway durch die verlassenen Lagerhallen seiner Pleite-Firma kurvt und mit sich überschlagender Stimme über Container und verlorene Gewinnchancen lamentiert. "Was hab ich denn mit Flüchtlingen zu schaffen? Tropenholz, das wär's gewesen, oder Elektroschrott!" Auch groß: sein Gefühlsausbruch, völlig verschwitzt in Hemd und Pullunder, auf einem improvisierten Tennisplatz nach Solo-Training zwischen Hunderten Bällen.

© SZ.de/cag/tob

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