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Neue Serie "Star Trek: Picard":Jean-Luc, erlöse uns!

Star Trek: Picard

So ein schönes Château, aber Jean-Luc Picard kehrt trotzdem zurück ins kalte All.

(Foto: Trae Patton/CBS)
  • Mit "Star Trek: Picard" ist von heute an die siebte Serie aus dem "Star Trek"-Universum zu sehen.
  • Ihre Handlung spielt etwa zwanzig Jahre nach der letzten Begegnung mit dem legendären Captain Jean-Luc Picard im Kinofilm "Star Trek: Nemesis".
  • Die Serie findet die richtige Balance zwischen Nostalgie und Gegenwartsbezug und bringt mit Picard eine Figur zurück, die enorm aktuell und relevant ist.

Dass ein unbestreitbar alter und weißer Mann im Jahr 2020 so eine uneingeschränkte Liebe, ja unverhohlenes Glück auslösen kann, einfach, weil er sich noch mal zu Wort meldet, das überrascht dann doch. Als sich Sir Patrick Stewart im Jahr 2018 während eines Star-Trek-Fan-Treffens auf die Bühne stellte, in weißem T-Shirt und Jeans, und erklärte, er werde als Captain Jean-Luc Picard ins Fernsehen zurückkehren, begann das Publikum so laut und so herzlich zu jubeln, dass Stewart die Stimme brach, am Ende wischte er sich eine Träne von der Wange. Bei Talkshowauftritten bekommt er stehende Ovationen, zum Beispiel, als er kürzlich Whoopi Goldberg, die in "Star Trek: Das nächste Jahrhundert" die weise Barkeeperin Guinan gespielt hat, live und offiziell einlud, in Staffel zwei von "Picard" dabei zu sein. Sie wurde ganz still vor Rührung. Dann fiel sie ihm in die Arme.

Es gäbe wohl keinen besseren, keinen dringenderen Zeitpunkt für die Rückkehr von Captain Picard. In der zweiten Serie aus dem Star-Trek-Universum, die von 1987 bis 1994 entstand, verkörperte er die ideale Führungsfigur. Hochgebildet, nachdenklich, beherrscht, loyal, mitfühlend. Picard, dieser Earl Grey trinkende, Shakespeare zitierende Franzose mit dem asketisch kahlen Kopf war kein Haudrauf-Kirk. Er war die Mensch gewordene Utopie von "Star Trek", das von einer Zukunft erzählte, in der viel erreicht worden war, aber in der es auch immer wieder galt, den Frieden und die Offenheit für Fremdes zu erhalten.

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Patrick Stewart kehrt als "Star Trek"-Captain zurück

Die Queen hat ihn zum Ritter ernannt, jetzt folgten zwei weitere Ritterschläge: Vor dem TCL Chinese Theatre wurde der Schauspieler Patrick Stewart mit Hand- und Schuhabdrücken verewigt und er kommt zurück als "Captain Jean-Luc Picard".

Die Macher von "Star Trek: Picard" wissen um dieses enorme Erlösungspotenzial ihrer Hauptfigur. Und sie gehen sehr geschickt damit um. Die Serie beginnt zwanzig Jahre nach dem letzten Auftritt des Captains im Kinofilm "Star Trek: Nemesis" und seine Welt ist eine andere geworden. Die Sternenflotte, einst forschendes Militär und Friedensgarant, scheint zum autoritären Bürokratenverein verkommen, die den von einer Supernova vertriebenen romulanischen Flüchtlingen die Tür vor der Nase zuschlägt und aus Angst auch künstliche Lebensformen vom Schlage des freundlichen Androiden Data verbannt hat. Natürlich kommt einem das bekannt vor: Eine Supermacht, die vom rechten Weg abgekommen ist, ihr Herz verloren, ihre Ideale aufgegeben hat, eine Welt, eingeengt von Furcht und Xenophobie.

Bleibt trotz Action Zeit für die großen Fragen?

Picard derweil ist 92 Jahre alt, sein Earl Grey entkoffeiniert und mit Milch entschärft. Er ist kein Sternenflotten-Admiral mehr, sondern hat aus Enttäuschung seinen Job gekündigt. Jetzt lebt er den Traum jedes Grün wählenden Wohlstandsakademikers: ein Château in Frankreich, Weinberge und abends ein Glas vom eigenen Roten auf der beblümten Terrasse. Zwei romulanische Ex-Geheimagenten führen ihm den Haushalt. Herrlich eigentlich, man würde Picard auch dabei zusehen, wie er Weinfässer streichelt, Moralphilosophen zitiert und seinem Pitbull-Terrier Französisch beibringt. Aber so gemütlich darf er es nicht haben, weil seine - wie unsere Zeit - das einem verantwortungsbewussten Menschen nicht erlaubt.

Jean-Luc ist unglücklich, traumatisiert von seiner letzten Mission vierzehn Jahre zuvor und vielleicht ist ihm auch ein klein wenig langweilig. Als jedenfalls eine mysteriöse junge Frau im Château Picard auftaucht, die glaubt, nur von ihm Hilfe erwarten zu können, erwacht wieder etwas in ihm. Vielleicht lässt sich die Welt doch noch mal in Richtung Güte schubsen, die Hoffnung ist immerhin geblieben von der gelebten Utopie der alten Zeiten.

Man schaut diese Serie mit großer Erleichterung. So viel hätte schiefgehen können. "Picard" hätte eine reine Nostalgie-Veranstaltung werden können oder das genaue Gegenteil, eine Actionserie, die ihren Helden zum Antihelden umformt, weil man das heute eben so macht im Prestige-Fernsehen. Mit Star Trek: Discovery läuft seit zwei Jahren der Versuch, Star Trek eine Art düsteres Adrenalin zu spritzen, mit schnellen Schnitten, aufgeregtem Techno-Babble und mindestens einem Lens-Flare, der pro Minute modern aufleuchtet. Fürs Nachdenken über die großen Fragen des Mensch- oder zumindest Humanoidseins bleibt da keine Zeit.

Die ersten drei Folgen von "Picard", die vorab zu sehen waren, lassen hoffen, dass diese Serie sich Zeit nehmen wird für jene Erörterungen, die "Das nächste Jahrhundert" zu einer so erstaunlich tiefgründigen, für heutige Sehgewohnheiten aber vielleicht einen Tick zu didaktischen Serie gemacht haben. Wer sich sehnt nach einem optimistischeren Blick in die Zukunft, und wer täte das momentan nicht, wird hier auf intelligente Weise enttäuscht, bevor er dann doch neue Hoffnung fassen darf. Am Ende von Folge drei steht Jean-Luc Picard, so viel sei verraten, auf der Brücke eines Raumschiffs und sagt, keinen Moment zu früh, das Wort, auf das man gewartet hat: "Energie!"

"Star Trek: Picard" ist von heute an wöchentlich mit einer neuen Folge bei Amazon Prime zu sehen.

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