Zukunftsvisionen Das Ende ist nah

Szene aus der Dokumentation "Near and Elsewhere" über den Zustand der Zukunftsdiskussion.

(Foto: Verleih)

Früher haben die Menschen optimistisch in die Zukunft geschaut. Inzwischen ist jedoch die Dystopie zum Mainstream geworden. Muss das sein?

Von Nicolas Freund

Die Zukunft ist schon jetzt eine Katastrophe. Klimawandel, Insektensterben, autoritäre Politiker und neue, schwer einschätzbare Technologien wirken wie die bedrohlichen Boten einer kommenden Zeit, die nichts Gutes bereithalten kann.

Die Zukunft jetzt schon als Katastrophe? Muss das sein? Natürlich ist es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, was alles schiefgehen könnte und vielleicht sogar für den schlimmsten Fall vorauszuplanen. Aber nur die Vorboten einer Katastrophe zu sehen schränkt die Perspektive ein und lenkt das Denken in vorbestimmte Bahnen. Auch, weil der möglicherweise kommende Untergang so zunehmend als unvermeidlich erscheint und nicht mehr als eine Möglichkeit unter vielen.

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Eine solche Vorstellung von der Unvermeidbarkeit der Zukunft ist eigentlich Merkmal eines religiös geprägten Geschichtsbildes. Seit der Aufklärung war dieser Determinismus überwunden, nun kehrt er in der Form populärwissenschaftlicher Erzählungen sowie dystopischer Science-Fiction-Romane und Filme wieder in die Köpfe zurück. Diese Art von Erzählung ist besonders mächtig, denn es sind gerade die Fiktionen, die unsere Vorstellung von der Zukunft stark in eine Richtung lenken können.

Das dachten bereits die Romantiker, in deren Schriften sich oft das Politische mit dem Persönlichen zu einer Welt, wie sie sein könnte, verband. 1826 erschien Mary Shelleys Roman "The Last Man" ("Verney, der letzte Mensch"), in dem eine Seuche die Menschheit dahinrafft. Der Roman der "Frankenstein"-Autorin wurde auch als negative Wendung der Ideale der Aufklärung gelesen. Eine schlechte Zukunft ohne göttlichen Einfluss war denkbar geworden, genauso wie der alles besser zu machen versprechende Fortschritt. Es entstand ein Bewusstsein der Katastrophe und der Rolle des Menschen darin.

Bessere Welten können Einfluss auf die Gegenwart nehmen

Wie in den philosophischen Theorien dieser Zeit findet sich in den Kunstwerken die Perspektive eines Menschen wieder, der im Angesicht einer überwältigenden Macht auf sich selbst zurückgeworfen wird, was einen Reflexionsprozess in Gang setzt. Die Vorstellung der Katastrophe und der Rolle des Menschen in ihr eröffnet im Umkehrschluss ein Spektrum alternativer Möglichkeiten. Es könnte auch ganz anders kommen, es könnte alles anders sein, als es jetzt ist.

Vielleicht sortierte sich in den folgenden Jahrzehnten die Welt deshalb aus dieser säkularen Geisteshaltung einer offenen Zukunft heraus in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vollkommen neu. Die konkurrierenden Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts - Kapitalismus und Kommunismus, Demokratie und Totalitarismus - lassen sich auch als verschiedene Entwürfe von Zukunft verstehen.

Dabei ging es nie nur um Katastrophen - Katastrophen waren diese Zukunftsentwürfe höchstens für die anderen -, sondern um Utopien, um bessere Welten. Parallel zu den Weltuntergangsszenarien entwickelte nicht nur die Politik, sondern auch die Kunst solche besseren Welten, die in manchen Fällen direkten Einfluss auf die Gegenwart nahmen. Der geostationäre Satellit wurde von dem Sci-Fi-Autor Arthur C. Clarke erfunden und ist heute Wirklichkeit. Die sich im 19. Jahrhundert formierenden Nationalstaaten bezogen Teile ihrer Identität aus literarischen Texten. Gerade die Literatur hat eine wichtige Funktion für das Denkbarmachen von Zukunft und Alternativen zur bestehenden Ordnung.