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Franz Hartwig im Porträt:Beiläufig bedeutend

Der Pass

Für die Zuschauer ist es beängstigend, wie Franz Hartwig den Serienkiller Gregor Ansbach in der Serie „Der Pass“ spielt. Aber wegschauen kann man bei ihm auch nicht.

(Foto: Sky Deutschland)

Der Schauspieler Franz Hartwig prägt sich als bester Freund von Bert Brecht genauso ein wie als perverser Killer in der Serie "Der Pass". Über einen, der Theater und Kamera gleichermaßen liebt.

Am 23. November 1917 schreibt der 19-jährige Bert Brecht an seinen Freund Caspar Neher, der sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat: "Wenn du totgeschossen wirst, werde ich ein gewöhnlicher Singular von Leute. Bitte werde NICHT!" Mit Brecht und Neher ist es etwas Lebenslanges. Im Dokudrama Brecht von Heinrich Breloer sieht man die beiden gelegentlich nebeneinander in die gleiche Richtung schauen, ein schönes Bild für diese Freundschaft.

Franz Hartwig, Theaterschauspieler und bis 2014 festes Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne, spielt den "Cas". Er spielt ihn beiläufig bedeutend, also so, dass man diese Freundschaft wirklich sieht. Selbst mit einer so kleinen Rolle fällt er auf, und das ist selten, verglichen mit dem, was im deutschen Fernsehen sonst zu sehen ist. Was er erst aus einer großen Rolle macht, bekam man vor Kurzem in der Sky-Serie Der Pass vorgeführt, wo er als narzisstischer, pervers-intelligenter Killer Gregor Ansbach der Gegenspieler von Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek war. Bei Hartwig ist Ansbach ein Typ mit dem nettesten Bubi-Gesicht und von ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Nur das Flackern ist in seinen Augen, und allein dieses Flackern bleibt übrig, wenn er die Harmlosigkeit auszieht wie ein Kostüm und wieder mordet. Die Intensität, mit der Hartwig diesen Mann spielt, ist etwas beängstigend. Man hat ihn gesehen, man ist neugierig. Und man will wissen: Wer ist das?

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An dem jungen Mann mit akkuratem Haarschnitt, den man von dieser Neugier getrieben in Berlin zum Kaffee trifft, fallen zwei Dinge auf. Eine erfrischende Mischung aus bemerkenswert reflektiert und lustig aufgelegt. Und die Art zu sprechen - mit der Stimme von oben herab und gewählt, was eigentlich blasiert wirken müsste, es aber gar nicht ist. "Ich bin immer ich selbst, Franz Hartwig, der sich nur ganz weit nach hinten zurückziehen kann. Ich bin nie die Figur", erklärt er, wenn man ihn nach Gregor Ansbach fragt. "Ich will nicht gefallen - aber ich will die Figuren zumindest nahbar machen."

Seinen Schuh-Tick lebt er gerne aus: "Ich mag einfach schöne Dinge!"

Hartwig wurde 1986 in Dresden geboren, nicht in eine Künstlerfamilie, aber als Achtjähriger erlebte er im Kulturpalast Otto Waalkes. Die Witze konnte er noch nicht verstehen, aber er sah jemanden, der so lustig war, dass er den ganzen Saal zum Toben brachte. Das wollte er auch, den Saal, das Publikum, das Lachen. Er muss das so überzeugend vorgebracht haben, dass seine Mutter ihn beim "Theater der Jungen Generation" in der Jugendschauspielgruppe anmeldete, worüber er fürchterlich erschrak. Er erzählt das nicht wie eine Hollywood-Story, sondern wie eine Komödie. Später, nach dem Abitur, hielt er den Beruf des Schauspielers für zu abstrakt; Bühnenmeister wollte er werden. Als Praktikant kam er zu einem kleinen Privattheater in Berlin, blieb ein Jahr statt drei Monate, trug enge Jeans, Lederjacke, Britpop-Frisur, machte alles, was dort zu machen war, lief einige Produktionen lang durch die Kulissen und erinnert sich noch, wie der Gedanke immer stärker wurde: Schade, jetzt soll ich hier hinter die Bühne. Es musste einfach die Schauspielschule sein.

Franz Hartwig sieht allen seinen Rollen ähnlich und auch wieder nicht, er ist optisch eine nicht erwartbare Schnittmenge der Personen, als die man ihn im Film schon gesehen hat: Hat etwas von dem unbegabten Pastor Thaddäus Gerlach aus Zwei verlorene Schafe, der ihm eine Nominierung zum Deutschen Schauspielpreis 2017 einbrachte. Er hat etwas von dem unauffälligen Anti-Terror-Ermittler Karl, einem Nebenpart im Spionage-Thriller A Most Wanted Man, den Anton Corbijn 2012 mit Philip Seymour Hoffman und Willem Dafoe in den Hauptrollen in Hamburg drehte; etwas von Caspar Neher, von Ansbach schon auch, und außerdem trägt Hartwig an diesem Tag eine Spur von Schnauzbart im Gesicht, das ergibt zusammen mit dem Messerhaarschnitt das Aufsteiger-Aussehen für die Dreharbeiten zum ARD-Mehrteiler Unsere wunderbaren Jahre nach dem Roman von Peter Prange. Darin spielt er einen feingeistigen Geschäftsbesitzer mit Interesse an Stoffen und Schuhen in Düsseldorf während der Aufbaujahre der Bundesrepublik. "Ich trage auch nur fantastisch gut geschnittene Kostüme", berichtet er zufrieden, um sich gleich auch noch zu einem Schuh-Tick zu bekennen. "Oh, ja. Ich mag einfach schöne Dinge!" Vielleicht ist man aber an diesem Tag auch gerade nur zufällig dabei, als Franz Hartwig und seine neue Rolle den Moment der idealen Annäherung erreicht haben.

Keine Furcht vor der Nähe der Kamera

Er bereitet sich auf Filmrollen genauso intensiv vor wie auf Theaterrollen, schreibt "ganz altmodisch Biografien" für die Personen. Wenn jemand also in dieser Phase mitten in der Nacht Gregor Ansbach, den heimlichen Killer, fragen sollte, wann bist du geboren, was hat deine Mutter gemacht, was hat dein Vater gemacht, dann muss Hartwig sofort antworten können. Antworten und nicht denken, so beschreibt er das. Wegen Cas Neher suchte er sich im Internet eine Skatrunde in Augsburg, um ein Gefühl für die Stadt und die Sprache zu bekommen. "Wenn ich irgendwann den Punkt erreicht habe, nicht mehr zu spielen, dann ist der Idealpunkt erreicht, um vor die Kamera zu gehen." Dann muss er nicht mehr das tun, was er "behaupten" nennt, sagt er. "Sobald ich anfange, etwas zu behaupten, bin ich der Meinung, das sieht jeder, weil die Kamera so nah ist, so in einen reinschaut. Ich kann im Theater ja viel mehr behaupten."

Man könnte also Furcht entwickeln, vor dieser Nähe der Kamera. Aber Hartwig, der die Schauspielschule Ernst Busch absolvierte und eine Gesangsausbildung als Tenor hat, gibt einem das Gefühl, es handle sich um zwei Sportarten mit unterschiedlichen körperlichen Anforderungen. Bei den Dreharbeiten zu A Most Wanted Man, erzählt er, fuhr er auch ans Set, wenn er gar nicht dran war. "Ich hab hinter dem Monitor gestanden und Philip zugeschaut, wie er gespielt hat, aber er hat nie gespielt." Auf die Frage, wie er selber weitermachen solle, am Theater oder mit dem Film, riet ihm der Hollywoodschauspieler Hoffman: Mach beides. "Ich versuche es", sagt Hartwig. "Ich liebe das Theater."

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