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Versöhnung:Erste Schritt raus aus dem inneren Gefängnis

Ursula Buchfellner

Ursula Buchfellner mit 18 Jahren: Ich glaube, dass wir zehn Geschwister nur deshalb überlebt haben, weil wir uns damals hatten und bis heute noch haben

(Foto: privat)

Wir Kinder wollten da ausbrechen. Mit 15 besuchte ich mit meiner Schwester Brigitte erstmals einen Kurs, der uns dabei helfen sollte: Wir wollten lernen, wie man richtig kommuniziert, wie man auf Menschen zugeht. Das war unser erster Schritt aus dem inneren Gefängnis, raus aus diesem gewalttätigen Milieu. Ich bin davon überzeugt, dass ein Trauma von einer Generation auf die nächste übertragen wird, wenn man nichts dagegen tut. Und wir Kinder wollten diesen Kreislauf ein für allemal durchbrechen.

Es gibt heute viele Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen. Möglichkeiten, die meine Eltern noch nicht hatten. Meine Schwester und ich holten uns psychologische Hilfe, lasen Bücher über Psychologie. Ich musste erkennen, dass meine weibliche Seite restlos deformiert war. Später halfen mir Familienaufstellungen dabei, auch die Rolle meines Vaters zu verstehen. Denn bis dahin war unser Vater für mich nur der Täter, meine Mutter das Opfer. Doch das war nicht so. Er hat mich zwar brutal geschlagen, aber sie stand daneben und sah zu.

Ich hatte den inneren Antrieb, das anders machen zu wollen. Mit zehn Jahren prophezeite ich einer Nachbarin, einmal nicht so zu werden wie all die anderen Familien aus dem Hasenbergl. Später bin ich in viele Länder gereist und konnte den Reichtum in der Armut erkennen. Allerdings gibt es den auch nur dann, wenn die emotionalen Grundbedürfnisse gedeckt sind. Niemals habe ich glücklichere Kinder erlebt als in den ärmsten Ländern der Welt. Doch für mich hieß das Paket Armut lange nur: Hungern, schrecklich frieren, Schläge, Angst vor Erwachsenen, Hilflosigkeit, Missbrauch.

Missbrauch war alltäglich

Missbrauch war alltäglich am Hasenbergl. Das erste Mal erlebte ich ihn mit sieben Jahren. Durch meine Schüchternheit und Ängstlichkeit war ich wohl auch mehr in der Opferrolle als meine Geschwister. Es scheint, als ziehen Opfer Täter an - Pädophile müssen das spüren. Männer haben mir den Rock hochgehoben, haben mir ihren Penis gezeigt, ich sollte ihnen einen Schlüssel aus der Hose holen und hatte plötzlich einen Penis in der Hand. Ein Lehrer ließ mich in der 4. Klasse ständig auf seinem Schoß sitzen, bis ich merkte, dass er das wohl aus einem bestimmten Grund machte. Das prägt ein Kind. Ein Penis war für mich lange das schrecklichste, was ich mir vorstellen konnte. Ich konnte sehr, sehr lange keine natürliche, erfüllende Sexualität entwickeln.

Ich bin kinderlos. Lange Zeit hatte ich panische Angst davor, mich um ein Kind kümmern zu müssen, weil ich mich nicht einmal um mich kümmern konnte. Negatives Vorbild war meine komplett überforderte Mutter. Körperlich war ich gesund und hätte Kinder haben können. Doch drei Ärzte attestierten mir, dass ich aufgrund einer seelischen Verweigerung nicht schwanger werden könne. Als ich das mit 37 Jahren endlich begriffen und verarbeitet hatte, wurde ich nicht mehr schwanger.

Wenn meine Partner später nicht so geduldig gewesen wären, hätte ich wohl noch immer keine befreite Sexualität. In meiner Welt hatte sich eine Frau zu ergeben, herzugeben für den Mann. Ein Mann war sehr lange für mich bedrohlich, gewalttätig und gefährlich. Erst mit Anfang 30 konnte ich Männer als etwas Wunderbares begreifen.