Heroin-Sucht:Abhängig bleibe ich

Heute weiß ich, dass ich ein Suchtmensch bin. Ich muss bei allem aufpassen: Wie lange ich vor dem Laptop sitze, wie viel Kaffee ich trinke oder sonst was. Meine Kifferfreunde von damals leben alle noch. Von denen, die weiter gegangen sind, kann ich das nicht behaupten. Der, der mir das erste Kokain und Heroin besorgt hatte, der schaut inzwischen schlimm aus. Ich versuche auch den direkten Kontakt zu vermeiden: Ich gehe nicht über den Hauptbahnhof und halte die Augen gesenkt, wenn ich auf Leute treffe, von denen ich Drogen bekommen könnte.

Abhängig bleibe ich. Würde ich wieder etwas konsumieren, wäre ich sehr schnell wieder drin. Das Suchtgedächtnis wäre umgehend wieder eingeschaltet. Deshalb hilft bei mir nur völlige Abstinenz. Wenn ich beschäftigt bin, dann geht das auch.

Im Rückblick sage ich, dass vieles völlig schief gelaufen ist. Aber daran kann ich nichts mehr ändern. Ich muss nach vorne schauen und gebe nicht auf. Bis auf angegriffene Zähne habe ich mit den Spätfolgen meiner Sucht bislang ziemlich Glück gehabt.

Inzwischen haben wir uns einen Zirkuswagen gekauft, wollen künftig darin wohnen, suchen aber noch einen Stellplatz in München. Seit gut zwei Jahren bin ich komplett clean. Stück für Stück habe ich mich wieder heraus gekämpft, um da zu stehen, wo ich jetzt bin: ohne Schulden, ohne Hepatitis C-Erkrankung, mit sauberem Führungszeugnis. Mit meiner Freundin habe ich zwei wundervolle Söhne, mache Musik mit meiner Band und engagiere mich in der Drogenhilfe.

Ein Bekannter nannte mich mal den 'glücklichsten Junkie' der Welt. Dem kann ich inzwischen zustimmen."

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Alexander Donnelly, 45, wohnt in München und tritt hier auch öfters mit seiner Band "The Donnelly Connection" auf. Zudem ist er Mitglied bei Getaway München e. V. (einem Verein zur Drogenaufklärung an Schulen) und arbeitet ehrenamtlich bei der SuchtHotline München.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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