Artenschutz:Einmal kriminell, immer kriminell?

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Guth hält jetzt fast alle Exemplare des wertvollsten Vogels der Welt. Als Symbol des guten Willens schenkt er 2015 der brasilianischen Regierung ein Paar gezüchteter Spixe. Sie fliegen per Iberia-Flug nach São Paulo, in der Passagierkabine auf dem Mittelplatz. Vor Abflug lässt sich Umweltministerin Barbara Hendricks mit den Aras fotografieren. Guth hat sich endgültig sein Image als Artenschützer erkämpft.

Längst bieten auch andere Regierungen dem deutschen Wunderzüchter ihre Papageien zur Nachzucht an. Im März vorigen Jahres kommt es deshalb zum Eklat: Guth lässt zwölf streng geschützte Kaiseramazonen und Blaukopfamazonen, von denen es jeweils nur noch wenige Dutzend Stück gibt, von der Karibikinsel Dominica nach Berlin holen. Ein Hurrikan hat zuvor weite Teile der Insel zerstört. Guth soll die Tiere aufbewahren und eine Sicherheitspopulation züchten. Nur: langjährig vor Ort tätige Hilfsorganisationen hat man nicht informiert. Darunter die RSCF von Paul Reillo. In einer gepfefferten Protestnote werfen daraufhin er und dreißig Experten dem deutschen Verein vor, die Vögel "heimlich" ausgeflogen zu haben - mit Unterstützung korrupter einheimischer Beamter und des Bundesamtes für Naturschutz, das den Import erlaubt hat. Der Brief liest sich wie das Protokoll einer Entführung.

Spricht man Guth darauf an, stapft er los, in den Anbau seiner Volieren, vorbei an Tierpflegern, die gerade zu Heavy-Metal-Musik Näpfe mit Sonnenblumenkernen füllen. Hinter einer Labortür bleibt er stehen und deutet auf einen Glaskasten. Darin sitzen zwei Jungvögel. "Gucken Sie hier: Blaukopfamazonen. Offiziell nicht züchtbar." Der offene Brief, der Artikel im Guardian: Rufmord, findet Guth. Angezettelt von Leuten wie Paul Reillo. Weil die wegen seiner Erfolge um ihre Spenden bangten. "Wir haben deren Cashcow erschossen, das ist passiert."

Und das Bundesamt für Naturschutz? Erklärt, ein Staatssekretär der Karibikinsel habe wegen der "Notsituation" offiziell um "dringende Unterstützung" gebeten. Alle Vögel seien Eigentum Dominicas und könnten "jederzeit zurückgeführt werden". In seinem Antwortbrief an die Kritiker wettert Guth in holprigem Englisch von einem "Revierkampf" in der Karibik. Er fügt ein privates Foto von Reillo an, es zeigt diesen mit einer Kaiseramazone. Die halte der angeblich als "Haustier" - was Reillo wiederum bestreitet.

"Im Grunde ist das auch nicht verwerflicher als Hundezucht"

Der Streit ist längst eine Schlammschlacht. Geht es Guth wirklich nur um den Artenschutz? Oder nutzt er ihn, wie seine Kritiker sagen, als Vorwand, um eine private Vogelsammlung aufzubauen?

Tatsächlich fällt auf, dass Guths Verein nur in Ländern aktiv wird, aus denen er im Gegenzug Vögel bekommt: 2011 spendete der ACTP drei Geländewagen für die Insel St. Vincent - und exportierte 15 Königsamazonen. Dieses Jahr baut der Verein auf der Nachbarinsel St. Lucia ein Wildtierzentrum für mehr als 800 000 Euro. Dafür durfte er Küken von seltenen Blaumasken-Amazonen aus der Wildnis entnehmen und nach Deutschland bringen. Für viele Experten ein Skandal. Für Guth "notwendig, um den Zuchtstamm zu stärken". Wer hat recht?

Roland Wirth, ein international anerkannter Artenschützer und Gründer des Vereins ZGAP, sieht die Causa Guth gelassen. Der wisse nun mal offenbar, wie man sich durchsetzt. "Deshalb kommt er an Tiere, von denen die Papageienzüchterszene träumt." Ein kleiner Kundenkreis spende dafür mutmaßlich viel Geld, etwa private Zoos oder Sammler. Illegitim sei das nicht: Das Geld lande im Naturschutz. Und in der zweiten oder dritten Generation dürften die Tiere verkauft werden. "Im Grunde ist das auch nicht verwerflicher als Hundezucht."

Nach der merkwürdigen Spende besuchte der Clan-Mann mit seiner Familie die Aras. Na und?

Ein Spender, der sehr viel Geld gegeben hat, ist die Firma Constantin Film. Die Sache ist zehn Jahre her. Bernd Eichinger hatte gerade Bushidos Leben fürs Kino verfilmt. In "Zeiten ändern dich" spielt Moritz Bleibtreu dessen Manager Arafat Abou-Chaker. Der echte Abou-Chaker verlangte deshalb nachträglich von Eichinger Geld für seine Persönlichkeitsrechte: 200 000 Euro. Bushido erzählte nach seiner Trennung vom Clan im vergangenen Herbst dem Stern: "Das Geld wurde irgendwie noch als Spende an einen Papageienverein deklariert oder so." Ein Hinweis darauf, wie Kritiker mutmaßen, dass der Verein von Abou-Chaker finanziert wird? Martin Guth bestätigt die Spende der Constantin Film, bestreitet aber jeglicheVerbindung zum Clan. Bushido und Abou-Chaker seien damals lediglich mal mit ihren Familien vorbeigekommen: "Wir haben den Kindern bunte Federn geschenkt, das war alles."

Ist es so, wie die Artenschützer unterstellen: Einmal kriminell, immer kriminell? Ist mangelnde Transparenz gleichzusetzen mit dubiosen Machenschaften? Oder ist es so, wie der Experte Roland Wirth sagt: "Es gibt auch im Naturschutz Fundis und Realos. Für die einen ist nur richtig, was die richtigen Leute aus den richtigen Beweggründen machen." Die anderen, und dazu zähle er sich selbst, hielten es dagegen mit Helmut Kohl: Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

Und was kommt hinten raus? In São Paulo geht Ugo Vercillo, der zuständige Mann bei der brasilianischen Umweltbehörde, ans Telefon. Er fängt gleich an zu schwärmen: knapp 3000 Hektar Land habe Guths Verein gemeinsam mit Spendern für den Spix gekauft und eingezäunt. Dazu habe der Staat 100 000 Hektar unter Schutz gestellt. Aktuell werden die Gebäude für die Aras und die Tierpfleger fertiggebaut.

Im November sollen die ersten 50 Vögel landen, mehr als je ein Brasilianer auf einmal gesehen hat. Es wird eine Feier geben, der Umweltminister kommt. Die Vergangenheit des glatzköpfigen Deutschen, der diesen Moment ermöglicht hat, wird dann wohl niemanden mehr interessieren.

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