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Artenschutz:Wie die wertvollsten Papageien der Welt in ein Dorf in Brandenburg kamen

Spix-Aras gehören zu den wenigen Papageien mit blauen Federn. Diese Nachzuchten sollen im Herbst nach Brasilien.

(Foto: Monika Keiler)

Der Spix-Ara ist der wertvollste Papagei der Welt. Ein deutscher Züchter mit dubiosem Ruf will ihn jetzt in die Wildnis zurückbringen. Kann man ihm trauen?

Zwei Dinge sind ihm besonders wichtig: Keine Namen. Und keine Menschen. Wer Tieren Namen gebe, sagt Martin Guth, der sehe sie als Haustier. "Diese Vögel", er deutet auf den Käfig neben sich, "heißen weder Hans, noch Peter, noch kommen sie auf meinen Finger. Und hier", er macht eine Armbewegung über den perfekt gemähten Rasen neben dem Käfig, "hier ist keine Bank, hier sind keine Besucher. Und das ist das, was die brauchen. Das heißt Natur."

In der Voliere, groß wie eine Doppelgarage, flattert und kreischt ein Schwarm hellblauer Vögel - ohne Namen, aber nummeriert. Die Cyanopsitta Spixii, genannt Spix-Aras, sind die seltensten der seltenen Papageien. Kenner sprechen von den "Rembrandts und Picassos" der Vogelwelt. Mythenumrankt. Längst ausgerottet in der Wildnis. Und unbezahlbar. Hüter dieses Schatzes, hinter Sicherheitstoren und Stahlzäunen, überwacht von Kameras und abgeschirmt von blickdichten Hecken, ist ein großer bulliger Mann mit Glatze und Ostberliner Akzent: Martin Guth.

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In einem unauffälligen Haus mit Spitzgiebel und riesigem Grundstück, eine Stunde von Berlin, betreibt Guth etwas, das man mit etwas Dramatisierung eine Art "Jurassic Park" nennen könnte. Statt Dinosauriern hält und züchtet der von ihm gegründete Verein, Association for the Conservation of Threatened Parrots, kurz: ACTP, ausgestorbene und stark bedrohte Papageien. Der blaue Spix-Ara ist sozusagen sein Tyrannosaurus Rex. Dass er hier wieder lebt, versetzt die Welt der Papageienfreunde seit Jahren in Aufregung. Vor Begeisterung, aber auch vor Wut.

Es geht um Korruption, Gier und organisiertes Verbrechen. Und einen berühmten Rapper

Die Geschichte des Spix-Aras wurde, leicht abgewandelt, in zwei Kinderfilmen erzählt, "Rio" und "Rio 2". Dabei wäre die wahre Geschichte guter Stoff für einen Thriller. Der Protagonist: ein Vogel, entdeckt vor genau 200 Jahren in Brasilien, von dem bayerischen Gelehrten Johann Baptist von Spix. Ausgerottet von gierigen europäischen Vogelsammlern. Und nun wieder aufgepäppelt in der brandenburgischen Provinz - von einem Mann, dem langjährige Verbindungen zu kriminellen Clans nachgesagt werden. Es geht also um organisierte Kriminalität und Kolonialismus, Größenwahn und Korruption. Ach ja: Der Rapper Bushido kommt auch darin vor.

Der Streit dreht sich im Kern um eine Frage: Sollte der Mensch bedrohte Tierarten fern ihrer Heimat züchten? Und wenn ja: Wie wichtig ist es, woher das Geld dafür kommt?

Die Frage spaltet die Naturschützer. Die eine Seite findet, dass Martin Guth unseriös arbeite und den Artenschutz sabotiere, um Geld mit seltenen Vögeln zu verdienen. Einige wollen hier nicht namentlich auftreten, weil sie Guth und seine Kontakte fürchten. Die andere Seite erklärt, der Mann aus Berlin sei zwar ein fragwürdiger Typ. Eines aber müsse man ihm lassen: er schaffe Dinge, die sonst keiner hinkriegt. Die Vögel, die in der Voliere sitzen, 25 Weibchen und 25 Männchen, sollen diesen Herbst ausgewildert werden. Eine ausgestorbene Papageienart in die Natur zurückbringen: Das hat es noch nie gegeben.

Guth setzt sich in den Besprechungsraum, das Wohnzimmer des Giebelhauses, mit Vogelkalender an der Wand. Neben ihm lässt sich sein Kompagnon nieder, ein Münchner Immobilienunternehmer namens Jürgen Dienst. Er trägt Anzug und drückt sich gewählt aus. Sobald es Guth zu langsam geht, fällt er ihm ins Wort: "Ne ne, komm Jürgen, lass mal". Manche Fragen beantwortet er, indem er die Treppe rauf brüllt zu seiner Mitarbeiterin: "Katrin, Einfuhrgenehmigungen 2010!"

Um die Bedeutung dieses Vereins zu verstehen, muss man wissen, dass für keinen Vogel je so ein Aufwand betrieben wurde wie für den Spix. Der britische Umweltschützer Tony Juniper hat ein Buch darüber geschrieben, es liest sich wie ein Öko-Thriller. Er beschreibt, wieso die Papageien zum Fetisch für Sammler wurden: Sie sind eine der wenigen Arten mit blauen Federn. Und unter denen mit Abstand die seltenste. Spix-Aras kommen am Ufer eines einzigen Flusses in Nordbrasilien vor. Nach ihrer Entdeckung 1819 dauert es 84 Jahre, bis überhaupt wieder ein Exemplar gesichtet wird. Ein Scheich bietet in den Neunzigerjahren angeblich bis zu 300 000 Dollar für ein Paar. Der Spix ist von Anfang an ein Phantom.

Wenn Guth seine Leidenschaft für Vögel umreißt, braucht er nicht viele Worte: "Ich komm aus'm Osten. Papageien waren schön bunt." Während seine Freunde in die Disco gingen, "stand ich am Vogelkäfig". Eine Ausbildung zum Tierpfleger bricht er ab und flieht 1988 über Ungarn in den Westen. Bei einem Zoohändler in Hamburg kümmert er sich um die Papageien: "Fürchterlich interessant."

Über sein Leben in den Neunziger Jahren äußert sich Martin Guth nicht. Vom Zoohandel in Hamburg wechselt er offenbar in die Halbwelt Berlins. Er führt, Zeitungsberichten zufolge, einen Nachtclub und treibt Schulden ein. 1996 wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. "Ich war ein Jugendlicher", sagt Guth, und dass seine Taten nichts mit seinem Papageienverein zu tun hätten. Tatsächlich war er damals 26. Sein Führungszeugnis ist inzwischen trotzdem wieder sauber. Er gilt als resozialisiert, seine Taten dürften keine Rolle mehr spielen. Aber seit diese Episode bekannt ist, nutzen seine Gegner sie als Munition.