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Depressionen:Betäubende, alles erstickende Watte

Depression

(Foto: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de)

Depression ist mehr als Traurigkeit und Melancholie. In dieser Krankheit ist der Tod ganz nah. Wie sich das anfühlt? Eine Betroffene erzählt.

Eine Depression ist kein Autounfall, keine plötzliche Scheidung, kein finanzieller Verlust. Meine Depression saß in mir und wartete geduldig, bis sie von äußeren Umständen und meinem unvorsichtigen Verhalten entfesselt wurde. Dann hat sie mich geprägt und mein Leben verändert.

Ich kann nicht genau sagen, wann sie angefangen hat, oder durch welches Ereignis sie ausgelöst wurde. Man isst ja auch nicht den einen Bissen zu viel und ist plötzlich übergewichtig. Die Depression erschien als Stimmung. Sie gewann Kontur in einem Prozess von Überforderung, Arbeitsbelastung und Einsamkeit. Ich kannte mich selbst nicht gut genug, um den Prozess als gefährlich wahrzunehmen. Sowohl die Frage nach dem Anfang und erst recht die Frage, wie ich da wieder herausgekommen bin, verlangen nach eigenen Geschichten. Hier geht es darum, wie sich das für mich anfühlte: depressiv zu sein.

Da ist die Todessehnsucht. Ihr Ausmaß nachzuvollziehen, fällt mir heute selbst schwer. Der Wunsch zu sterben, war meine Alltagsflucht, mein Ausweg, mein tröstlicher Gedanke, wenn ich nachts nicht schlafen konnte. So wie Menschen sich vor dem Einschlafen den kommenden Urlaub oder ein romantisches Erlebnis vorstellen, stellte ich mir vor, wie ich mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne liege. Wie ich dem Ganzen ein Ende setze.

Ich pflege engen Kontakt zu meiner Familie und habe viele Freunde, die zwar wussten, dass es mir schlecht ging, denen aber die persönliche Erfahrung fehlte, um meine Verzweiflung nachzuvollziehen. Deshalb begriff kaum jemand, wie sehr ich am Rande der Katastrophe lebte. Vielleicht hat mich die Vorstellung, dass mein Suizid ihr Leben erschüttern würde, es mich nicht tun lassen.

Niemand jedoch konnte mich davon abhalten, meinen Körper anzugreifen. Ich leide unter chronischem Bluthochdruck. Die Tabletten abzusetzen, war ein erster Schritt, meine Gesundheit zu sabotieren. Die Möglichkeit eines Infarkts war meine Chance, dem Leben passiv ein Ende zu setzen.

Hilfe bei
Depressionen

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Ich fing an, stark zu rauchen, viel zu trinken und harte Drogen zu nehmen. Mit diesem Lebensstil fühlte ich mich wohl, konnte ich mich identifizieren. Er ästhetisierte mein desaströses Seelenleben. Die Frau, die rauchend mit einem Glas Whisky an der Bar sitzt, die innere Leere durch Zynismus erträgt und ungeduldig auf das Ende wartet - ich entwickelte einen Hang zum Pathos, der mir früher fremd war. Antriebslosigkeit und Selbsthass verstärkten sich mit jedem Rausch und jedem Kater. Eine Verbindung, die ich erst viel später erkannte.

Leben ohne Gefühle

Todessehnsucht als Gefühl zu benennen, ist einfach für mich. Es fällt mir schwer, andere Kategorien zu akzeptieren. Zum Beispiel die Vorstellung, die depressive Person sei schlicht unglücklich. Es ist eben nicht so, als wäre ich unglücklich gewesen. Ich war jung, mit meinem Aussehen zufrieden, hatte ein Studium und Jobs und lebte in der Stadt meiner Wahl mit guten Freundinnen zusammen. Und ich hatte einen Freund, der mich liebte.

Es war eher so, als hätte ich keine Gefühle mehr. Der Kontakt zur Welt und zu mir war abgebrochen. Als hätte ich den einfach verloren und wüsste nicht mehr, wie ich dahin komme, wo alle anderen zu sein schienen.

Ich fing an, mir Stimmungen zu übersetzen. Ich stellte mir die Frage, ob mein verschwundenes Ich sich in diesen Mann verlieben würde. Ob jener Moment objektiv schön ist. Ob ich jetzt gerade Freude empfinden würde. Ich erinnerte mich an Verhaltensweisen: Dass ich mit Freundinnen zusammen lache. Jeden zweiten Tag Duschen, zumindest ein Mal am Tag Essen.

Es fing mit Watte an. Plötzlich war sie da. Ich nahm diese betäubende, alles erstickende Watte als solche war - und wusste, dass ich ein ernsthaftes Problem habe. Ich fand mich in diesem dumpfen Zustand wieder, fühlte mich gänzlich umhüllt. Diese Watte schirmte mich ab von jedem Gefühl, jeder Kommunikation und jedem Verständnis für das, was in der Außenwelt vor sich ging. Ich war mit mir allein und gleichzeitig hatte ich nicht mal mehr mich.

Die Watte erstickte die Beziehung zu mir genauso wie die Beziehung zu anderen. Diese Isolation führte dazu, dass ich falsche und unvorsichtige Entscheidungen traf. Ich wurde unachtsam. Die Räusche und der verheerende Lebensstil, die Beziehung, in der ich unglücklich war, Aufgaben, denen ich mich nicht gewachsen fühlte. Alles produzierte ein Schamgefühl. Ich schämte mich meiner Unfähigkeit, das Leben zu meistern, ich fühlte mich unzulänglich und faul.

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