Süddeutsche Zeitung

Depressionen:Betäubende, alles erstickende Watte

Depression ist mehr als Traurigkeit und Melancholie. In dieser Krankheit ist der Tod ganz nah. Wie sich das anfühlt? Eine Betroffene erzählt.

Eine Depression ist kein Autounfall, keine plötzliche Scheidung, kein finanzieller Verlust. Meine Depression saß in mir und wartete geduldig, bis sie von äußeren Umständen und meinem unvorsichtigen Verhalten entfesselt wurde. Dann hat sie mich geprägt und mein Leben verändert.

Ich kann nicht genau sagen, wann sie angefangen hat, oder durch welches Ereignis sie ausgelöst wurde. Man isst ja auch nicht den einen Bissen zu viel und ist plötzlich übergewichtig. Die Depression erschien als Stimmung. Sie gewann Kontur in einem Prozess von Überforderung, Arbeitsbelastung und Einsamkeit. Ich kannte mich selbst nicht gut genug, um den Prozess als gefährlich wahrzunehmen. Sowohl die Frage nach dem Anfang und erst recht die Frage, wie ich da wieder herausgekommen bin, verlangen nach eigenen Geschichten. Hier geht es darum, wie sich das für mich anfühlte: depressiv zu sein.

Da ist die Todessehnsucht. Ihr Ausmaß nachzuvollziehen, fällt mir heute selbst schwer. Der Wunsch zu sterben, war meine Alltagsflucht, mein Ausweg, mein tröstlicher Gedanke, wenn ich nachts nicht schlafen konnte. So wie Menschen sich vor dem Einschlafen den kommenden Urlaub oder ein romantisches Erlebnis vorstellen, stellte ich mir vor, wie ich mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne liege. Wie ich dem Ganzen ein Ende setze.

Ich pflege engen Kontakt zu meiner Familie und habe viele Freunde, die zwar wussten, dass es mir schlecht ging, denen aber die persönliche Erfahrung fehlte, um meine Verzweiflung nachzuvollziehen. Deshalb begriff kaum jemand, wie sehr ich am Rande der Katastrophe lebte. Vielleicht hat mich die Vorstellung, dass mein Suizid ihr Leben erschüttern würde, es mich nicht tun lassen.

Niemand jedoch konnte mich davon abhalten, meinen Körper anzugreifen. Ich leide unter chronischem Bluthochdruck. Die Tabletten abzusetzen, war ein erster Schritt, meine Gesundheit zu sabotieren. Die Möglichkeit eines Infarkts war meine Chance, dem Leben passiv ein Ende zu setzen.

Ich fing an, stark zu rauchen, viel zu trinken und harte Drogen zu nehmen. Mit diesem Lebensstil fühlte ich mich wohl, konnte ich mich identifizieren. Er ästhetisierte mein desaströses Seelenleben. Die Frau, die rauchend mit einem Glas Whisky an der Bar sitzt, die innere Leere durch Zynismus erträgt und ungeduldig auf das Ende wartet - ich entwickelte einen Hang zum Pathos, der mir früher fremd war. Antriebslosigkeit und Selbsthass verstärkten sich mit jedem Rausch und jedem Kater. Eine Verbindung, die ich erst viel später erkannte.

Leben ohne Gefühle

Todessehnsucht als Gefühl zu benennen, ist einfach für mich. Es fällt mir schwer, andere Kategorien zu akzeptieren. Zum Beispiel die Vorstellung, die depressive Person sei schlicht unglücklich. Es ist eben nicht so, als wäre ich unglücklich gewesen. Ich war jung, mit meinem Aussehen zufrieden, hatte ein Studium und Jobs und lebte in der Stadt meiner Wahl mit guten Freundinnen zusammen. Und ich hatte einen Freund, der mich liebte.

Es war eher so, als hätte ich keine Gefühle mehr. Der Kontakt zur Welt und zu mir war abgebrochen. Als hätte ich den einfach verloren und wüsste nicht mehr, wie ich dahin komme, wo alle anderen zu sein schienen.

Ich fing an, mir Stimmungen zu übersetzen. Ich stellte mir die Frage, ob mein verschwundenes Ich sich in diesen Mann verlieben würde. Ob jener Moment objektiv schön ist. Ob ich jetzt gerade Freude empfinden würde. Ich erinnerte mich an Verhaltensweisen: Dass ich mit Freundinnen zusammen lache. Jeden zweiten Tag Duschen, zumindest ein Mal am Tag Essen.

Es fing mit Watte an. Plötzlich war sie da. Ich nahm diese betäubende, alles erstickende Watte als solche war - und wusste, dass ich ein ernsthaftes Problem habe. Ich fand mich in diesem dumpfen Zustand wieder, fühlte mich gänzlich umhüllt. Diese Watte schirmte mich ab von jedem Gefühl, jeder Kommunikation und jedem Verständnis für das, was in der Außenwelt vor sich ging. Ich war mit mir allein und gleichzeitig hatte ich nicht mal mehr mich.

Die Watte erstickte die Beziehung zu mir genauso wie die Beziehung zu anderen. Diese Isolation führte dazu, dass ich falsche und unvorsichtige Entscheidungen traf. Ich wurde unachtsam. Die Räusche und der verheerende Lebensstil, die Beziehung, in der ich unglücklich war, Aufgaben, denen ich mich nicht gewachsen fühlte. Alles produzierte ein Schamgefühl. Ich schämte mich meiner Unfähigkeit, das Leben zu meistern, ich fühlte mich unzulänglich und faul.

Isolierter Zombie

Dann kam die Angst. Angst in Supermärkten und U-Bahnen, Angst vor alltäglichen Gesprächen mit Kollegen, Angst vor dem nächsten Tag. Meine Todessehnsucht wurde zur beruhigenden Fluchtfantasie. Der Tod war mein Versprechen an mich selbst, die Möglichkeit des Suizids beruhigte mich, ließ mich den Alltag etwas einfacher ertragen.

Dann kam der Brandbeschleuniger, der mich die Kontrolle vollends verlieren ließ: die Schlaflosigkeit. Tagsüber fühlte ich mich wie ein isolierter Zombie, den die Hoffnung auf Schlaf durch den unproduktiven Tag trug; abends lag ich im Bett und verfing mich in Gedanken. Eine bedrohliche Anhäufung meiner Versäumnisse, die mir vor Augen führten, wie mühsam ich mein Leben nur noch im Griff hatte: die nicht gemachte Steuererklärung. Die Hausarbeit, die ich nicht schrieb. Texte, die ich nicht verstand. Das Studium, das mich heillos überforderte. Keine Zukunftspläne. Jobs, für die ich mich bewerben müsste. Der Mann neben mir, für den ich zu wenig empfand.

Ich schlief regelmäßig erst gegen vier Uhr ein und wachte um sechs Uhr auf. Diese Nächte voller Dunkelheit und Verzweiflung zermürbten mich, gaben mir den Rest. Längst bestand mein Leben aus Kraftlosigkeit, Angst und Scham. Mein Selbst war das Gefühl, auf ganzer Linie zu versagen. Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, war ich zu müde. Eine Therapie zum Beispiel hätte bedeutet, dass ich mich diesen Problemen und meinen Ängsten stellen müsste. Dazu hatte ich schlicht keine Kraft mehr. Ich wollte einfach tot sein.

Eine Fassade blieb aufrecht

So funktionierte ich erstaunlich lange. Es ist bemerkenswert, wie gewaschene Haare, ein bisschen Make-up und soziale Grundfähigkeiten eine Fassade aufrechterhalten. Ich verfüge über ein freundliches Wesen und lache gerne, das habe ich mir erhalten können.

Das Lachen und die Fröhlichkeit waren keine Lüge und kein Spiel, sie waren nur ohne Substanz. Vielmehr waren es vertraute Verhaltensweisen, die mir zwar nichts mehr bedeuteten, mir aber auch nicht schadeten. Ob ich den Abend im Bett liege und die Wand anschaue oder ihn mit Freundinnen verbringe, beides machte keinen Sinn und deswegen konnte ich beides als Zeitvertreib gleichgültig hinnehmen.

Für meine Freunde und Familie war es schwer zu verstehen, dass ich mit geschminkten Lippen und gepflegter Kleidung am Tisch sitze, eben noch lachend eine Anekdote zum Besten gebe und im nächsten Moment sachlich darüber spreche: dass ich längst die Kontrolle über mein Leben verloren habe und keinen Ausweg sehe, dass die Vorstellung aus dieser Lage wieder herauszukommen, im nahezu absurden Maße meine Kräfte übersteigt. Für mich war herzlich Lachen und wirklich tot sein zu wollen so sehr zur Normalität geworden, dass ich keinen Widerspruch erkennen konnte.

Bald war ich ein zutiefst einsamer Mensch. Meine Sehnsucht zu sterben in all ihrer Radikalität meinem Umfeld mitzuteilen, das traute ich mich nicht. Die Watte umschloss mich immer fester, ich gewöhnte mich an die Isolation und richtete mich ein. Nicht ohne ein gewisses Maß an Selbstgerechtigkeit akzeptierte ich Leid und Hoffnungslosigkeit als Teil meiner Identität.

Eine lebensbedrohliche Krankheit

Nach drei sehr komplizierten und auch verschwommenen Jahren erzählte ich meinem Bruder von meinem tiefen Todeswunsch. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine abgebrochene Therapie, ein abgebrochenes Studium und eine gescheiterte Beziehung hinter mir. Die Schlaflosigkeit war mit Hilfe von Antidepressiva verschoben. Die Ernährung reduzierte sich auf Kaffee, Zigaretten und Spaghetti mit Öl. Ich war am Ende meiner Kräfte. Mein Bruder sagte mir, dass Depression eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Und dass man Krankheiten besiegen könne. Dass auch für mich ein Leben ohne Depression möglich sei. Dieser Gedanken war mir zu diesem Zeitpunkt völlig neu.

Ein Leben ohne Depression - der Weg dorthin hat mich mindestens so geprägt und verändert, wie die Depression selbst.

Heute lebe ich ein anderes Leben, ich wohne anders, liebe anders, gestalte meine Freizeit anders. Ich habe mir angewöhnt, auf mich und einen gesunden Lebensstil zu achten, Alkohol, Drogen und Zigaretten kommen nicht mehr vor. Diesen Wechsel mitzutragen, war für meine Freunde sicherlich ein genau so langer Weg wie für mich. Dass ich mich gerettet habe, macht mich stolz.

Diese vermeintlich ausweglose Krankheit zumindest für den Moment überwunden zu haben, empfinde ich als eine Art vorläufiges Lebenswerk. Immer noch wird mein Leben aber von der Depression bestimmt - nie wieder in diese Lage zu kommen, ist das alles bestimmende Ziel für mich. Jede neue Berufschance, jede Zukunftsmöglichkeit, jede mögliche Partynacht, jeder neue Mensch in meinem Leben untersteht der Prüfung: Ist das gut für mich, ist das gesund?

Oder führt es mich zurück auf den Weg, den ich damals nicht erkannt habe? Die Sorge vor neuen Wellen von Dunkelheit und Verzweiflung ist ein Teil von mir geworden. Ich bemühe mich um eine Achtsamkeit, die mir gleichzeitig nicht meine neuentdeckte Leichtigkeit und Lebensfreude nimmt. Trotzdem gilt: Nie wieder dorthin zurückzugehen, dafür bezahle ich jeden Preis, den ich für notwendig erachte.

Bis jetzt funktioniert es.

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Die Protagonistin ist 28, lebt in Berlin und arbeitet als Kellnerin.

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