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Sexismus im Hip-Hop:Jetzt also zum Beispiel Russell Simmons

Jetzt also zum Beispiel Russell Simmons: Vier Frauen haben dem Gründer des Hip-Hop-Labels Def Jam gerade Vergewaltigung vorgeworfen. Bereits im vergangenen Monat hatten zwei Frauen schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben, bei denen es allerdings noch um etwas weniger schwere Vorwürfe ging. Simmons zog sich daraufhin aus seinen Firmen zurück.

"Ich habe nichts gemacht, nur meine Augen geschlossen und darauf gewartet, dass es aufhört", sagte Tina Baker der New York Times. Sie war Anfang der Neunziger, als Simmons sie vergewaltigt haben soll, gerade eine aufstrebende Background-Sängerin mit Ambitionen auf eine Solokarriere. "Er hat mich festgehalten, und ich habe versucht, mich zu wehren. Er hat seinen Willen bekommen", sagt Sherri Hines der Los Angeles Times, damals, 1983, Mitglied einer Hip-Hop-Band. Drew Dixon arbeitete für Def Jam: "Russell war wie der König des Hip-Hop", sagte sie der Times. Simmons habe sie während Arbeitstreffen immer wieder aufgefordert, auf seinem Schoß zu sitzen. Zudem soll er ihr regelmäßig seinen erigierten Penis gezeigt haben. "Ihn abzuwehren, war ein tagesfüllender Job." Simmons bestreitet zumindest die Gewaltverbrechen.

An all die "Sexy Ladies": Das muss ein Missverständnis sein

Frauenrechte und Gleichberechtigung Ist das ein Kompliment oder Belästigung?
Sexismus-Debatte

Ist das ein Kompliment oder Belästigung?

Es geht nicht um Sex in der #Metoo-Debatte; es geht um Macht und Gewalt. Deswegen ist es für alle Beteiligten ganz einfach, zwischen Flirt und Affront zu unterscheiden.   Von Susan Vahabzadeh

Viele der Genannten tun das. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Der Punkt ist nicht das einzelne Mosaiksteinchen. Der Punkt ist das Gesamtbild. Und das Gesamtbild bleibt eindeutig, auch wenn einzelne Steine herausfallen.

Und ja, natürlich gilt auch hier: Nie den Künstler mit dem Werk gleichsetzen. Lyrisches Ich und so. Wahrscheinlich vergewaltigt Rick Ross in echt gar keine Frauen. Vermutlich bekommt Lil' Waynes Freundin manchmal auch einen Burger zu essen oder Obst. Nicht jeder, der Kurupt hört, knallt seiner Alten bei nächster Gelegenheit eine.

Alles richtig. Die Relativierungen und rhetorischen Haken werden aber auch unerträglich phrasenhaft, jetzt, da sie in einer Welt stehen, die sich durch die #MeToo-Debatte geändert hat. Gravierend vielleicht sogar. Oder wenigstens ein bisschen. Vor allem die Gangsta-Rap-Szene, die bis vor gar nicht allzu langer Zeit ja zumindest künstlerisch noch für die gegenwärtig größten Innovationen in der Popkultur stand, wirkt in dieser Post-#MeToo-Welt grotesk abgehängt. Ihre Widerwärtigkeiten erscheinen undendlich gestrig. Und leider könnte genau das gerade, mehr denn je, ihr großer Promo-Effekt sein.

Der Outlaw, der Gangsta ist wenigstens in Teilen der Rap-Welt schließlich ein Volksheld. Einer, der der Gesellschaft und ihren Zwängen trotzt. Einer, der sich durchsetzt. Entgegen aller Widrigkeiten. "Get rich or die tryin'!" Vorstrafen sind in einer solchen Welt durchaus ein Authentizitäts-Ausweis, Gewalt ist beileibe kein Makel. Man biegt vielleicht auch im Zwischenmenschlichen leichter mal falsch ab, wenn man eine solche Geisteshaltung lebt - oder zumindest besingt. In jedem Fall erschafft man aber eine Kultur, eine Norm, die viel von dem, was weiter oben steht, recht notwendig in sich trägt.

Und vermutlich ist das auch der entscheidende Unterschied zwischen der Filmbranche und dem, was gerade im Rap-Business passiert: Der Bruch fehlt. In Hollywood kracht ein Missbrauchsvorwurf in eine Kulisse aus wenigstens ausgestellter Liberalität, Toleranz, Offenheit und heiler Welt. Eine solche Szene reagiert irgendwann grundsätzlicher auf einen solchen Einschlag. Und sei es nur aus Scham. Sei es, um den Schein zu wahren.

Rick Ross gab im Zuge der Diskussion um seinen Vergewaltigungssong zu Protokoll, dass das alles doch nur ein Missverständnis sei: "Ich möchte eines klarstellen: Frauen sind das größte Geschenk, das die Menschheit kennt." Er wolle sich deshalb an "all die Königinnen" wenden, die er gerade in seiner Timeline sehe, die "sexy ladies", die sich an ihn gewandt hätten - wegen dieses Missverständnisses: "Wir billigen Vergewaltigung nicht." Er jedenfalls nicht. Aufarbeitung, Gangsta-Style.

In ihrem sehr klugen - und sehr beunruhigenden - Text "How Hip-Hop Rewards Rappers for Abusing Women" (Wie der Hip-Hop seine Rapper dafür belohnt, dass sie Frauen missbrauchen) hat die Autorin Amy Zimmerman zusammengetragen, dass tatsächlich auffallend oft jene Künstler besonders erfolgreich sind, die wegen Gewaltdelikten, auch und vor allem gegen Frauen, vor Gericht standen. Und damit besonders offensiv hausieren gehen. Ihr Fazit: Scheitert die Gesellschaft daran, (aufstrebende) Rapper für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen, werden die Missbrauchsvorwürfe gegen sie "ganz schnell zu Fußnoten in Interviews und ellenlangen Wikipedia-Artikeln".

159 Fußnoten findet man im englischsprachigen Eintrag von XXXTentacion, dem Mann, der wohl Schwangere tritt. In einigen geht es auch um Musik.

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