Sexismus im Hip-Hop Wo die Widerwärtigkeit Norm ist

Sexismus im Rap: Big Sean (hier auf dem Cover seines Albums mit Metro Boomin) bekannte sich der Freiheitsberaubung für schuldig.

(Foto: Universal Music)

Gewalt gegen Frauen ist im Rap inzwischen beinahe ein PR-Tool. Warum gibt es in der Branche trotzdem keine #MeToo-Debatte?

Von Jakob Biazza

Zum Beispiel Big Sean: 2011 auf einem Konzert in New York festgenommen wegen des Vorwurfs von "third degree sexual assault". Bei dieser Form von Missbrauch geht es um Penetration (Penis, Zunge, Finger oder andere Gegenstände; vaginal oder anal) und zwar unter Zwang. In den USA stehen darauf bis zu 15 Jahre Haft. Die Frau, nein, das Mädchen, das den Rapper beschuldigte, war damals 17. Die Männer waren zu zweit. Beide bekannten sich lediglich der Freiheitsberaubung für schuldig. Das brachte ihnen einen Deal vor Gericht - und eine Strafe von 750 Dollar.

Zum Beispiel Freddie Gibbs: 2016 vom Vorwurf der Vergewaltigung nach einem Konzert in Wien freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen. Die Anklage warf Gibbs vor, er (oder jemand aus seiner Crew) hätten einer jungen Frau K.O.-Tropfen verabreicht.

Empört Euch richtig!

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Zum Beispiel XXXTentacion, bürgerlich Jahseh Dwayne Onfroy: Der Rapper soll 2016 seine schwangere Freundin wiederholt missbraucht, verprügelt, getreten haben. Die Aussagen der Frau, im September dieses Jahres vom Portal pitchfork.com geleakt, lesen sich wie ein Logbuch des Grauens. Onfroy sitzt aktuell im Gefängnis - wegen des Vorwurfs, seine Freundin gezwungen zu haben, ihre Vorwürfe zurückzuziehen.

Zum Beispiel Nelly. Zum Beispiel The Game. Zum Beispiel Kodak Black. Zum Beispiel Chris Brown. Und was man eben noch so findet, wenn man "sexual assault rap" googelt: wenige Beweise. Viele Mosaiksteine. Ein grauenhaft stimmiges Gesamtbild. Und kein Aufschrei. Kein #MeToo. Nirgends.

Dabei wäre alles da in der Rap-Szene: die dokumentierten Übergriffe, zum Teil sogar Gerichtsurteile. Und dazu eine Kultur, die ihren Frauenhass wahrlich nicht selten in ihrer Kunst, ihrem eigentlichen Produkt in die Auslage stellt.

Wo in Hollywood zumindest langsam ein sexistisches System immer weiter offengelegt wird, wo man dort Machtstrukturen freigräbt, begafft man im Hip-Hop immer noch kuhäugig vermeintliche Einzelfälle. Nein, eigentlich schlimmer noch: Wo man in Hollywood zumindest angemessen fassungslos vor der institutionalisierten Gewalt von Männern steht und sich fragt, wie es nur so weit kommen konnte, wirkt Missbrauch, wirkt Vergewaltigung im Rap wie - man muss es wohl so zynisch sagen - eine Vollzugsmeldung. Alltagsgeschäft. Die Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln vielleicht sogar. Sicher jedenfalls nicht wie etwas, das irgendwen überrascht.

Wieso auch? Die Diskussion ist ja nicht neu: Wie frauenfeindlich ist Rap? Wie frauenfeindlich darf er sein? Wie ernst ist das alles gemeint, was da so getextet wird? Und welchen Einfluss hat es auf die Hörer? Auf die - Achtung - Kids? Die Diskussion kam aber zu oft nur von außen, war aufgezwungen. Und ein abgeschlossenes System reagiert auf Druck von außen mit Gegendruck. Im Inneren dominieren dann Trotz und jene Debattenleere, die homogene Gruppen überall gern befällt.

Und drum herum, so wirkt es jedenfalls, hat man sich an die verbalen Entgleisungen in der Szene tatsächlich gewöhnt. Die steten Erniedrigungen von und die Widerwärtigkeiten gegen Frauen: sie erscheinen wie eine zwar dann und wann noch irritierende, aber auch weithin akzeptierte Norm. Wer sich also immer noch fragt, ob Sprache, ob eine bestimmte Form von Kunst, von Männlichkeitsgebaren, von Machismo, von rhetorischer Übergriffigkeit eine Gesellschaft prägt, ob sie sie abstumpft und damit ein Klima erzeugt, das Missbrauch und Gewalt befördert: Hier lässt sich ein prächtiges Anschauungsobjekt finden.

Zum Beispiel Rick Ross: "Put molly all in her champagne/ She ain't even know it/ I took her home and I enjoyed that/ She ain't even know it" (aus dem Song, "U.O.E.N.O"). Da werden der Frau also heimlich Drogen in den Champagner getan, damit man sie gefügig mit nach Hause nehmen und das alles richtig schön "genießen" kann. Sie weiß ja nix davon.

Die Songs sind so verbreitet, dass es Listen gibt - nach Jahren sortiert

Zum Beispiel Lil' Wayne: "And all she eat is dick/ She's on a strict diet/ That's my baby" (aus dem Song "Love Me"). Seine Kleine ist also auf einer strengen Diät: nur Schwänze lutschen. Mehr gibt es für sie nicht. Zum Beispiel Kurupt, im Dr.-Dre-Song "XXplosiv": "Hoes forgot to eat a dick can shut the fuck up." Huren, die keine Schwänze lutschen, können gleich die Fresse halten. Dafür schickt man sie ein paar Zeilen später mit ein paar saftigen Rückhandwatschen auf den Strich. Zum Beispiel N.W.A., zum Beispiel Snoop, zum Beispiel Kanye, zum Beispiel Big L., zum Beispiel Eminem.

Wer denn eigentlich nicht? Es gibt im Netz unzählige Listen mit den frauenfeindlichsten Rap-Songs. Sogar nach Jahren sortiert. Und solche mit den offensivsten Rape-Lyrics, den krassesten Texten über Vergewaltigungen also: "I had to rape his bitch cause the hoe was stacked/I fucked her from the back, with my gun to her back." Lassen wir die Übersetzungen.