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SZ-Serie "Ist die Globalisierung am Ende?" (3):Auf und Ab im Umgang mit den globalen wirtschaftlichen Strukturen

Bald zeigten sich aber die aus politischer Sicht paradoxen Effekte des Freihandels, da dessen Nutzen keineswegs alle gleich begünstigt. Großbritannien führte im 17. Jahrhundert wiederholt Krieg gegen die im europäischen und Welthandel weit überlegenen Niederlande, ja verfolgte einen aggressiven Wirtschaftsnationalismus, bis es schließlich am Ende des 18. Jahrhunderts erfolgreich alle Konkurrenten, von Spanien über die Niederlande bis zu Frankreich, aus dem Weg geräumt hatte. Seither vertrat London bis 1914 einen Freihandelsstandpunkt, der zugleich Bedingung, Ausdruck und Folge der sich mit ihm verknüpfenden, weltumspannenden Pax Britannica war.

Man kann diese Erfahrungen verallgemeinern: Die Vorteile globaler Arbeitsteilung sind unterschiedlich verteilt, diese Ungleichverteilung ist aber keineswegs stabil. Hier liegt auch der eigentliche Grund für staatliche Interventionen: Staaten, die glauben, schlecht wegzukommen, suchen sich zu schützen; überlegene Staaten zielen auf die Durchsetzung von Freihandelsstrukturen.

Wo ökonomisch alles für engere Zusammenarbeit spricht, tendiert die Politik oft zum Gegenteil

So finden sich im gesamten, vermeintlich freihändlerischen 19. Jahrhundert eben auch Gegenbewegungen gegen die englische Freihandelsdoktrin. Die USA gingen seit den 1820er-Jahren zu einer Hochschutzzollpolitik über, an der sie bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent festhielten. Die Staaten des europäischen Kontinents folgten dem englischen Vorbild nur zeitweilig; im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden fast überall die Zollsätze erhöht, wenn in der Regel auch nur moderat, aber immerhin: Schutzlos wollten viele Staaten der überlegenen britischen Wirtschaft nicht ausgeliefert sein. Die Staatenkonkurrenz war nicht der einzige Grund, der die globalen Strukturen verschob. Der wirtschaftliche Strukturwandel selbst spielte und spielt bis in die Gegenwart eine große Rolle.

Großbritanniens weltwirtschaftliche Dominanz war eine Folge seiner starken Stellung in der Frühzeit der modernen Wirtschaft; doch schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ab, dass mit den neuen Technologien - chemische, elektrotechnische Industrie, Maschinenbau, Feinmechanik, Optik und so weiter - sich die Gewichte verschoben. Die USA und in Europa Deutschland waren nun wirtschaftlich erheblich dynamischer, während die englische Dominanz geringer wurde, zweifellos eine Verschiebung, die die Konfliktsituation, die dann in den Ersten Weltkrieg führte, nicht entschärfte. Schließlich spielen regionale Verschiebungen aufgrund unterschiedlicher Ausstattung mit Ressourcen eine bedeutende Rolle. Europas Aufstieg hat viel mit der leichten Verfügbarkeit von Kohle zu tun; die Bedeutung des Erdöls ist für die globalen weltwirtschaftlichen Beziehungen kaum zu überschätzen. Und der Wandel, man denke nur an Chinas Aufstieg seit seiner weltwirtschaftlichen Öffnung, hält an.

Das Auf und Ab im Umgang mit den globalen wirtschaftlichen Strukturen hat mithin vor allem politische Ursachen. Die Stellung in der Weltwirtschaft entscheidet über politische Handlungsmöglichkeiten; also war und ist die Weltwirtschaft, obwohl selbst sehr viel mehr wirtschaftlich, technisch und geografisch bestimmt, immer auch ein Politikum. Während unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten fast alles für eine Vertiefung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung spricht - spätestens seit den außenhandelstheoretischen Überlegungen von David Ricardo ist das auch wissenschaftlich gut begründet -, wiesen die politisch bedingten Pendelschläge häufig in die gegenteilige Richtung. Abschluss wie Öffnung der Weltwirtschaft hingen daher stets mit politischen Entscheidungen zusammen; gerade die großen Globalisierungswellen im 19. Jahrhundert und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren politisch geprägt: Pax Britannica und Pax Americana.

Seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts aber ist ein weiteres Moment hinzugetreten. Nimmt man die Steigerung des globalen Handelsvolumens und der entsprechenden Austauschbeziehungen, die durch die Liberalisierung des Welthandels sowie die dramatische Absenkung der Transportkosten möglich geworden sind, so ist die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung mittlerweile derart intensiv, dass die jeweiligen Staatsgrenzen, jedenfalls wirtschaftlich gesehen, im Grunde ihre Bedeutung verloren haben. Nur sind die Folgen dieser weltwirtschaftlichen Integration weitaus dramatischer als früher, denn die Bedeutung ganzer Regionen ist plötzlich zur Disposition gestellt.

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