Frauen auf der Berlinale Diese große gefährliche Welt, auwei

Auf den ersten Blick: eher nicht. Den Auftakt machte mit Juliette Binoche in "Niemand will die Nacht" eine Story über eine reiche US-Amerikanerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die ihrem Forscher-Mann in die Arktis hinterher reist. Dort angekommen, muss sie erkennen, dass ihr Göttergatte sein Herz an einem Eskimomädchen wärmt. Nun sind es schon zwei Frauen, die ihm hinterher schmachten - und zwar gemeinsam. Emanzipation sieht anders aus.

Gut, könnte man sagen, das war nun ein Nostalgiefilm, für damalige Verhältnisse war es ja bemerkenswert, dass die Frau überhaupt ohne Erlaubnis ihres Mannes eine so gefährliche Reise tut. Doch dann folgt eben "Queen of Desert", und auch das ist pure Nostalgie: Nicole Kidman schlägt sich als "weiblicher Lawrence von Arabien" eben nicht vorwiegend mit politischen Themen, sondern mit Herzschmerz herum.

Gibt es Frauen in Extremsituationen nur in der Vergangenheit?

Okay, aber dann sind doch wenigstens die anderen Filme, die nicht so nostalgisch sind, von politischer Relevanz? Leider ist aber auch "Tagebuch einer Kammerzofe" mit Léa Seydoux ein Nostalgiefilm, dem die ansonsten zauberhafte Hauptdarstellerin außer einem prägnant rebellischen Gesichtsausdruck wenig entgegenzusetzen hat. Gibt es denn Frauen in Extremsituationen in den Vorstellungen deutscher und internationaler Regisseure nur in der Vergangenheitsform? Haben heutige Frauenleben nicht genügend Extremsituationen zu bieten? Oder sind Frauen heute nicht mehr stark - oder müssen nicht mehr stark sein?

Gottseidank gibt es außerhalb des Wettbewerbs ein paar Perlen. Hakie natürlich, obwohl auch sie bald aus der Zeit zu fallen scheint. Aber auch Margarethe von Trotta liefert mit "Die abhandene Welt" ein interessantes Portrait zweier Frauen, die erst in der zweiten Lebenshälfte erfahren, dass sie dieselbe Mutter haben. Katja Riemann und Barbara Sukowa lösen den Konflikt auf eine sehr elegante Weise.

"50 Shades of Grey" - ein Mädchenfilm

Dass "50 Shades of Grey" nicht zu den Frauenfilmen gehören würde, war klar. Beziehungsweise: In gewisser Hinsicht ist auch dies ein Frauenfilm, aber ebenfalls ein gestriger: Weil er das Bild vom gefühligen Mädchen zementiert, das davon träumt, einem starken Mann zu begegnen, der ihr die Welt zu Füßen legt - auch wenn sie groß und schrecklich gefährlich ist. Sonnenuntergangs-Twilight-Fanfiction eben, mit ein bisschen Aua.

Bestrafung des eigenen Körpers als Frustbewältigung

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Aber da wäre auch noch"Woman of Gold" mit der großartigen Helen Mirren, die zusammen mit Ryan Reynolds auf die Mission geschickt wird, Gustav Klimts berühmte "Frau in Gold" als Nazi-Beutekunst zu enttarnen. Auch dies eine wahre Geschichte, immerhin nicht aus dem vorigen Jahrhundert. Und sie zeigt wahrlich eine starke Frau in einer sehr extremen Situation, wie sie sich durch Verdrängen, Vergessen, staatliche Gier und die Eitelkeiten des Kunstgewerbes bis zum Obersten Gerichtshof der USA durchkämpft - und gewinnt.

Manchmal spielen die Dramen direkt vor der Haustür

Die Berlinale will ein politisches Filmfestival sein, und das ist gut so. Doch fragwürdige Politik spielt sich nicht immer nur in fernen Ländern ab, wo Regisseure oder unterdrückte Künstler an der Ein- oder Ausreise gehindert werden. Manchmal spielen sich die Dramen direkt vor der eigenen Haustüre ab, oder sogar dahinter. Ein paar mehr davon zu zeigen, täte auch der Berlinale gut. Gerade in Bezug auf das zu recht neuentdeckte Thema Frauen.

Einen Anfang macht die Organisation "pro Quote Regie", die in einem Zelt am Potsdamer Platz darauf aufmerksam macht, wie die Berlinale zahlenmäßig aufgestellt ist in Sachen Frauen: Von den 445 eingereichten Filmen stammen 115 von Frauen. Von den 23 Wettbewerbsfilmen sind nur drei aus Frauenhand. Parität sieht anders aus, finden 280 Regisseurinnen und fordern mehr Unterstützung für Filmemacherinnen. Schweden hat die Frauenquote für den Film übrigens schon umgesetzt: Seit 2003 müssen schwedische Filmfördermittel zu gleichen Teilen an Frauen und Männer gehen. Seitdem haben sich die dort vergebenen Filmpreise für Männer halbiert.