Dokumentarfilmer Matthew Heineman Mit Wahnsinn zur Wahrheit

"Wenn wir unserem Herzen folgen, haben wir schon verloren." Drogenköche im mexikanischen Wald.

(Foto: DCM Filmverleih)

Für seine gespenstische Doku "Cartel Land" hat sich Matthew Heineman in höchste Lebensgefahr begeben. Dem Albtraum des mexikanischen Drogenkrieges kam er dadurch näher als je ein Filmemacher zuvor.

Von Paul Katzenberger

Die Szene, die am Anfang von Matthew Heinemans Doku "Cartel Land" steht, wirkt friedlich: Mitten in den Wäldern Mexikos stehen da ein paar Männer und kochen Crystal Meth, während sie über ihr Metier reden, ganz entspannt, ruhig, ja sogar vernünftig: "Wir wissen, welchen Schaden wir mit all diesen Drogen anrichten", sagt einer von ihnen. Die Fähigkeit zur Einsicht macht ihn fast schon vertrauenserweckend, obwohl er vermummt ist.

"Aber was sollen wir machen?", fährt er fort. "Wir sind arm. Wenn wir Geld hätten, wären wir wie ihr, würden um die Welt fahren und gute Jobs haben", sagt er, und es scheint, als richte er sich direkt an uns, die Zuschauer aus den reichen Abnehmerländern der Drogenproduzenten. "Aber wenn wir unseren Herzen folgen, haben wir schon verloren. Also werden wir das hier machen, solange es Gott erlaubt. Und jeden Tag werden wir mehr von diesem Zeug kochen, denn das hier wird es immer geben, habe ich recht?"

Er hat recht. Das, wovon er spricht, wird es immer geben. Und wer diese Erkenntnis sacken lässt, dem muss die Szene plötzlich ganz ungeheuerlich erscheinen. Mexikos Drogenkrieg zählt inzwischen 100 000 Tote und 20 000 Vermisste, und dass der Regisseur diese Leute mitten in der Nacht im Nirgendwo interviewt, ist mit Draufgängertum nur unzureichend beschrieben - es ist der glatte Wahnsinn. Würden er und seine Crew hier auf der Stelle erschossen und zerstückelt - die Chancen, dass ihre Überreste überhaupt je gefunden würden, wären gering.

Video Cartel Land Video
Trailer

Cartel Land

Der mexikanische Drogenkrieg aus nächster Nähe: Der Trailer zur Doku "Cartel Land".

Doch Matthew Heineman konnte offenbar einen Schutzengel engagieren - er ist während des Drehs von "Cartel Land" nicht nur aus dieser heiklen Lage heil herausgekommen, sondern auch aus etlichen weiteren Extremsituationen - mit teilweise barbarischen Szenen: blutüberströmte Leichen, die am Boden liegen; Gefolterte, die vor Schmerzen brüllen, hysterische Töchter, die um das Leben des Vaters betteln. Sogar mitten in eine Schießerei geriet der Regisseur.

Das mag ihn einige Nerven gekostet haben, doch nicht so viele, dass er je vergessen hätte, mit seiner agilen Handkamera direkt auf alles draufzuhalten, was ihm vor die Linse kam. Die Bilder, die er so einsammelte, führen uns den Alptraum des mexikanischen Drogenkrieges so direkt vor Augen wie kaum ein Film zuvor.