Regisseurin Nadine Labaki "In diesem Durcheinander ist echtes Chaos entstanden"

Im Libanon gibt es Rassismus, mangelnde Grundrechte von Arbeitsmigranten und Kinderarbeit. Allerdings ist die Menschenrechtslage sehr viel besser als in den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens. Ist der Libanon ein besseres Land, als Sie es im Film darstellen?

Ich fürchte, die Realität dort ist härter und noch weniger auszuhalten, als sie in "Capernaum" beschrieben wird. Natürlich hat der Libanon auch Zeichen der Humanität gesetzt, indem er trotz seiner ökonomischen und politischen Probleme mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Es gibt Idealisten, die die syrischen Flüchtlinge willkommen heißen, genauso gibt es aber auch ein System der Korruption, in dem Politiker mit Einfluss und andere Leute am Flüchtlingsstrom verdienen wollen. In diesem Durcheinander ist ein echtes Chaos entstanden. Das ist der Grund, warum ich den Film "Capernaum" genannt habe. Wenn man diesen Begriff im Wörterbuch nachschlägt, steht er für Unordnung und Wirrnis - für einen Ort, an dem sich die Dinge sinnlos aufeinander türmen. Im Libanon herrscht oftmals Rassismus, es bestehen moderne Formen der Sklaverei, Mädchen werden im Kindesalter verheiratet, und das sind längst nicht alle Missstände.

Tritt in "Capernaum - Stadt der Hoffnung" auch in einer kleinen Rolle auf: Regisseurin Nadine Labaki als Zains Anwältin vor Gericht.

(Foto: Alamode Film)

Sind die Probleme, die Sie in Ihrem Film darstellen, der spezifischen Lage im Libanon geschuldet?

Nein, sie bestehen auf der ganzen Welt, natürlich in unterschiedlichem Ausmaß. Auf Armut stößt man überall, ob in Los Angeles oder in München. Jede Gesellschaft grenzt Menschen aus und will sie am liebsten unsichtbar machen. Ob das nun in Äthiopien ist, in Indien, in Brasilien oder in Syrien: Als erste bezahlen die Kinder für unsere Kriege und Konflikte. Mein Ziel war es, ihnen durch meinen Film eine Stimme zu geben.

Die Figur des Zain ist allerdings recht spezifisch. Ein Kind syrischer Flüchtlinge im Libanon.

Ja, wobei er für viele Kinder steht. Ich wollte wissen, was würde der Junge sagen, der am Randstein übernachtet, und kein Auge zubekommt, weil es dort viel zu unbequem ist? Was würde Alan Kurdi sagen, der kleine Junge, der ertrunken ist, und dessen Foto vom Strand von Bodrum um die Welt ging? Was würden die Kinder sagen, die an der Grenze zwischen den USA und Mexiko ihren Eltern weggenommen werden?

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Dass Kinder von Flüchtlingen wie in den USA von ihren Eltern getrennt werden, zeigen Sie auch in Ihrem Film. Ist das tatsächlich Praxis im Libanon?

Wenn sie entdeckt werden, ja. Arbeitsmigranten haben im Libanon kein Recht, Kinder bei sich zu haben. Einige schaffen es trotzdem, als Familie zu leben, doch das ist illegal. Wenn man sie erwischt, werden sie entweder zusammen mit den Kindern in ihre Heimatländer wie Äthiopien abgeschoben, oder die Kinder werden ohne die Eltern deportiert. Das passiert jeden Tag und ist Teil des korrupten Sponsorensystems im Libanon, durch das Arbeitnehmer praktisch anderen Menschen gehören. Diese können ihnen alles vorschreiben: dass sie in seinem Haus leben müssen, keine Beziehungen eingehen oder Kinder haben dürfen. Es ist moderne Sklaverei.

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