Im Kino: "Bad Luck Banging or Loony Porn":Porno mit Mund-Nase-Schutz

Berlinale 2021 - 'Bad Luck Banging or Loony Porn'

Wie soll man mit dieser Gesellschaft noch kommunizieren? Katia Pascariu in der Tribunal-Szene aus "Bad Luck Banging or Loony Porn".

(Foto: Silviu Ghetie/microFilm/Berlinale/dpa)

Der Siegerfilm der Corona-Berlinale zeigt auf geniale Weise eine Welt voller Hass, in der Sexismus und Nationalismus verschmelzen.

Von Philipp Stadelmaier

Sie räkelt sich auf dem Bett, nur noch in Unterhose, während er die Handykamera anschaltet und stöhnt. Sie trägt eine venezianische Maske, in der zweiten Szene eine pinke Perücke, während sie dem Kameramann einen Blowjob gibt. Von draußen ist die Stimme einer älteren Frau zu hören, die sich beschwert: Offenbar hat sich die Tochter der Perückenträgerin nicht die Hände desinfiziert.

So beginnt Radu Judes "Bad Luck Banging or Loony Porn", der im Corona-Sommer 2020 gedreht und auf der diesjährigen Corona-Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der Film selbst spielt in der Pandemie. Und welches Filmgenre hat, was die Produktion betrifft, wohl mehr von den Lockdowns profitiert als hausgemachte Sexfilme?

Die Prämisse ist simpel: Das Video, das Gymnasiallehrerin Emi (Katia Pascariu) mit ihrem Mann gedreht hat, ist versehentlich im Internet gelandet. Nun fordern empörte Eltern ein Treffen, um Konsequenzen für sie zu diskutieren. Ausgehend davon analysiert Jude die Gewalt, die eine ganze Gesellschaft prägt - anhand der Pornografie und der Masken, die nun alle tragen, auf den Straßen als Mund-Nasen-Schutz, im Bett als Karnevalsartikel. Und wenn die Masken die Gewalt auch etwas kaschieren, so verleihen sie ihr doch ein neues - und allen gemeines - Gesicht.

Im ersten Teil des Films folgen wir Emi durch die Straßen von Bukarest. Sie trifft sich mit ihrer Rektorin und telefoniert mit ihrem Mann, der vergeblich versucht, das Video aus dem Netz zu kriegen. Dabei bleibt die Kamera immer nur kurz auf der Protagonistin und schwenkt dann weiter, auf andere Passanten, andere Gespräche, den Verkehr und Hausfassaden.

Ein Penis baumelt ins Bild. Er macht das Patriarchat nackt und lächerlich

Denn die Sprache der Pornografie ist längst überall. Sie verbindet sich mit einer unguten, allgegenwärtigen, gereizten Dauerstimmung. Sie steckt in der Aussage einer alten Frau, die sich auf dem Markt kurz in die Kamera wendet: "Leck meine Fotze." Sie steckt in den Flüchen der Verkehrsteilnehmer: "Lutsch meinen Schwanz." Und selbst ein Hasen-Maskottchen im Supermarkt reagiert auf einen Kneifer ins Plüschnäschen mit einem ungehaltenen "Fick dich."

Auf den Häuserfassaden findet sich neben sexistischer Werbung ("Ich mag es tief") auch das großformatige Bild eines Soldaten in den rumänischen Nationalfarben. Sexismus und Nationalismus verschmelzen. Ihre historische Verbindung untersucht Jude im zweiten Teil systematisch entlang verschiedener, alphabetisch geordneter Begriffe, die durch kleine Clips illustriert und in Untertiteln kommentiert werden. Hier trifft F wie "Faschismus" auf P wie "Pornografie". Diverses Material, bestehend aus Internetclips, Archivaufnahmen oder Minifilmen, entwirft ein satirisches wie düsteres Bildlexikon der Geschichte und Gegenwart nicht nur Rumäniens. "Einträge" zur rumänischen Beteiligung an der Ermordung von Juden und Roma im Zweiten Weltkrieg durch die Nazis stehen neben anderen, die den Chauvinismus der Gesellschaft behandeln - ob es sich nun um Blondinenwitze oder die Rechtfertigung von Vergewaltigungen handelt.

Andere Themen sind der Rassismus gegen Roma, häusliche Gewalt gegen Kinder, die Ausbeutung im Kapitalismus, der Klimawandel und das Artensterben. Um die heutige Welt und ihre zahllosen, miteinander verwobenen Probleme zu erfassen, geht es in der Kunst (und ihrer Kritik) kaum mehr ohne Aufzählungen. Der Zweck dieses Alphabets besteht auch darin, eine Poetologie des Kinos für die heutige Zeit zu entwerfen. Die Kinoleinwand, heißt es beim Eintrag "Cinema" mit Verweis auf die griechische Mythologie, ist das verspiegelte Schild, das es Perseus erlaubt, die Medusa zu töten, ohne sie direkt betrachten zu müssen. Dem versteinernden Grauen selbst können wir nicht gegenübertreten, nur ihren Abbildungen. Dazu brauchen wir das Kino, seine Erfindungen und Metaphern. Die männerdominierte Welt der Unterdrückung und Ausbeutung kann man nie als Ganzes zeigen. Aber man kann, wie Jude, einen Penis filmen, der ins Bild baumelt, und bemerken, dass er im Laufe der Geschichte "in Wahrnehmung und Strukturen verankert wurde." Der Penis zeigt das Patriarchat, macht es nackt und lächerlich.

Die Corona-Masken vor den Gesichtern enthüllen die Anonymität des Hasses

Andererseits ist er ein Organ, mit dem man Lust empfinden und bereiten kann. Womit wir wieder bei Emis Porno wären. Für den verteidigt sie sich im dritten Teil vor aufgebrachten Eltern, selbstverständlich im Freien und unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Ruhig beharrt sie darauf, ihr Liebesleben sei ihre Angelegenheit, sie habe nichts falsch gemacht. Die anderen beschimpfen sie als "Schlampe", werfen ihr "jüdische und homosexuelle Propaganda" vor, machen sie zur Gehilfin von Bill Gates und George Soros.

Denn Körper sind nicht nur zum freudigen Geschlechtsverkehr auf der Welt. Sie sind auch Lautsprecher und Verstärker von Diskursen aus dem Internet. Sie haben Münder, aus denen Verschwörungstheorien und Hass sprudeln. Den sie bedeckenden Mund-Nasen-Schutz nutzt Jude dabei auf geniale Weise. Das allgegenwärtige Zeichen der pandemischen Gegenwart enthüllt die Anonymität des Hasses im Netz: Maskierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer halten Gericht über einen exponierten Einzelnen. Dass eine von Sex, Nationalismus und Gewalt durchdrungene Gesellschaft gerade Emilia und ihren harmlosen Homemade-Porno als unmoralisch anklagt, ist eine weitere Maskierung: Der Hass gibt sich moralisch, betreibt Opfer-Täter-Umkehr. Wie grotesk das ist, zeigt Jude ebenfalls anhand der Masken: Eine ziert ein Smiley, eine andere die geschmacklose Aneignung von George Floyds "I can't breathe".

Wie soll man mit dieser Gesellschaft noch kommunizieren? Wie kann man ihr, die nur noch blanker Hass kittet, helfen? Am Ende hat Jude eine Idee. Von dieser sei hier nur so viel verraten: Münder können nicht nur sprechen - man kann sie auch stopfen. Gerade die Pornografie hält dafür einige Optionen parat.

Bad Luck Banging Or Loony Porn, Rumänien / Luxemburg / Tschechische Republik / Kroatien, 2021 - Regie und Buch: Radu Jude. Kamera: Marius Panduru. Mit Katia Pascariu, Claudia Ieremia, Olimpia Mălai. Neue Visionen, 106 Min.

© SZ/khil
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