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15. goEast-Festival in Wiesbaden:Serbien, ein Sehnsuchtsort?

Wo die Waffen sprechen, sind Menschen auch immer auf der Flucht - die Flüchtlingsthematik war deswegen in diesem Jahr ein weiterer wiederkehrender Aspekt, den goEast als Folge von Kriegen thematisierte.

In "Ničije dete" ("Niemandskind") erzählt der kroatische Regisseur Vuk Ršumović etwa eine bosnische Kaspar-Hauser-Geschichte, die auf wahren Begebenheiten am Vorabend des jugoslawischen Bürgerkrieges beruht, und die wegen der Umsiedlungen im Zuge des Konflikts ein tragisches Ende nimmt.

Als die Zivilisation zerfällt, die aus dem Wolfskind Haris im Schutze eines Waisenhauses langsam einen Menschen geformt hat, landet er auf der Flucht schließlich bei seinen Ursprüngen - bei den Wölfen im Wald. Doch vor dem Kindersoldat scheinen nun sogar seine früheren Artgenossen Angst zu haben.

Wolfskind Haris (Denis Murić) in "Niemandskind" von Vuk Rsumović.

(Foto: goEast-Festival)

In dem ruhigen bildgewaltigen Film macht der Krieg den Menschen zum Aussätzigen, gemieden sogar von den Raubtieren. In Venedig bekam Ršumović schon im vergangenen Jahr den Publikumspreis der International Critics Week für sein Werk zugesprochen, in Wiesbaden kam nun der goEast-Hauptpreis für den besten Film hinzu.

Aus einer ungewöhnlichen Perspektive blickt auch Želimir Žilnik auf die Flüchtlingsproblematik. In seiner Doku "Destinacija_Serbistan" ("Destination_Serbistan") lässt er Flüchtlinge aus den Krisengebieten in Syrien oder aus Afrika zu Wort kommen, die in einem Auffanglager gelandet sind - ausgerechnet im verarmten und korrupten Serbien.

Doch die Lage der Gestrandeten sei vergleichsweise erfreulich, was ihn gewundert habe, bekannte Žilnik in Wiesbaden, der sich schon seit Jahren in seinen Filmen mit der illegalen Einwanderung nach Europa befasst. Denn dass Serbien bei einer sozialstaatlichen Aufgabe wie der effizienten Organisation von Hilfsleistungen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern überraschend gut abschneide, frappiert den 72-Jährigen. Bisher hatte der Filmemacher in punkto Demokratie und Meinungsfreiheit eher immer etwas an seinem Heimatland auszusetzen: "Das habe ich bisher selten gehört, dass mir Leute sagen, komm' nach Serbien, hier ist es gut."

Weder legal noch illegal

Serbien, ein Sehnsuchtsort? Ganz so berückend wirkt der Balkanstaat in Žilniks Doku dann doch nicht. "Die Straßen hier sehen auch nicht viel anders aus als bei uns in Afrika", stellt Flüchtling Lee pragmatisch fest, als er sich in der Kleinstadt umsieht, in der das Flüchtlingsheim untergebracht ist.

Zelimir Zilnik beim goEast-Festival in Wiesbaden

"In Serbien klappt kaum etwas so gut wie der Umgang mit Flüchtlingen. "Zelimir Zilnik beim goEast-Festival in Wiesbaden.

(Foto: Paul Katzenberger)

Doch für Menschen wie Lee zählt dann doch etwas anderes als Straßenlöcher und bröckelnder Hausputz. Denn Serbien stellt ihm immerhin ein Bett hin und gibt ihm etwas zu essen, im Gegensatz etwa zu Griechenland. "Das ist für viele Vertriebene, die oft wochen- und monatelang unter freiem Himmel geschlafen haben, ein großer Wert", betont Žilnik. Außerdem könne hier jeder so lange bleiben, wie er wolle: "Das nutzen viele, um sich erst einmal zu erholen, bevor sie in ein EU-Land zu gelangen versuchen."

Friedensförderndes Verständnis

Serbien - ein Ort ungeahnter Humanität also! Für diesen überraschenden Blick auf jenes Land, das in den Balkankriegen der Neunzigerjahre als größter Aggressor galt, erhielt Žilnik in Wiesbaden den "Preis des Auswärtigen Amtes für kulturelle Vielfalt", womit er nach vielen Jahren wieder eine Auszeichnung aus Deutschland nach Hause nehmen durfte: 1969 war er auf der Berlinale mit dem "Goldenen Bären" für seine Tragikomödie "Rani radovi" ausgezeichnet worden, ein zentrales Werk des Neuen Jugoslawischen Films der Nachkriegszeit.

"Filmen gegen Krieg" lautete eine der Maximen des diesjährigen goEast-Festivals. Das Kino wird in diesem Ringen häufig nicht als Sieger hervorgehen, doch wie Kriege alles auf den Kopf stellen, oft jahrzehntelang, im kleinen familiären Kontext oder im großen gesellschaftlichen Rahmen und sogar weit abseits des eigentlichen Blutvergießens, das können Filmemacher verständlich aufzeigen. Und wenn es so ist, dass das Verständnis den Frieden fördert, dann hat goEast in diesem Jahr seinen Teil dazu beigesteuert.

Weitere Auszeichnungen:

"Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden": "Koza", Slowakei, Tschechien 2015, Regie: Ivan Ostroschovský

"FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik": "Koza", Slowakei, Tschechien 2015, Regie: Ivan Ostroschovský

"Open Frame Award": "Essen vom Boden der Geschichte", Deutschland 2014, Regie: Sita Scherer

© SZ.de/mcs

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