Süddeutsche Zeitung

15. goEast-Festival in Wiesbaden:Fingerzeig für die Ukraine

Im Krieg verliert jeder: Das 15. goEast-Festival in Wiesbaden zeigt auf, dass militärische Siege bei den Zerfallskriegen im Kaukasus und auf dem Balkan langfristig nichts wert waren. Für die Kriegsparteien in der Ukraine könnte die Erkenntnis hilfreich sein.

Von Paul Katzenberger

In der Ukraine herrscht seit vergangenem Jahr Krieg, und der Westen rätselt noch immer, wie er mit dieser neuen Konfliktsituation umgehen soll. Wie schwierig eine politische Lösung der Auseinandersetzung sein wird, machte in diesem Jahr auch das goEast-Festival für den ost- und mitteleuropäischen Film in Wiesbaden bei seiner 15. Ausgabe erschreckend deutlich.

Ein einfaches Beispiel reichte, um aufzuzeigen, dass die Entwicklung in der Ukraine nicht etwa einen Strategieschwenk des Kremls bedeutet, sondern vielmehr einem alterprobten Muster der russischen Politik folgt. Ein "eingefrorener Konflikt", wie er im Donbass günstigstenfalls ausverhandelt werden kann, ist in anderen Regionen Osteuropas seit Jahrzehnten bittere Realität. Warum also sollten sich die Dinge in der Ukraine schnell beruhigen?

Beiden Konfliktparteien in der Ukraine wäre etwa ein Gespräch mit dem früheren abchasischen Sportminister Rafael Schlaterowitsch Ampar zu empfehlen, den die zwei polnischen Regisseure Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski in den Mittelpunkt ihrer mehrfach prämierten Dokumentation "Domino Effekt" stellen, um die bizarre Situation in der "Republik Abchasien" zu illustrieren: "Früher war ich zuversichtlich, dass wir eines Tages ein stolzes und freies Land sein werden, in dem man gut leben kann", sagt Ampar an einer Stelle des Films.

Doch diese Zuversicht ist einem Pessimismus Ampars gewichen, die einen der Film mit mit den Händen greifen lässt: 1993 kämpfte er für die Unabhängigkeit Abchasiens von Georgien, den die Abchasier mit ähnlich verdeckter Militärhilfe aus Moskau für sich entschieden, wie sie der Kreml nun auch den Separatisten in der Ukraine gewährt.

Doch zur Blüte eines "Monacos am Schwarzen Meer", wie es sich die Bewohner des subtropischen Schwarzmeer-Idylls erträumt hatten, reifte der Ministaat in den zwei Jahrzehnten seither nie heran. Von kaum einem Land der Welt anerkannt, ist Abchasien zu einem Ort der Perspektiv- und Trostlosigkeit heruntergekommen - wirtschaftlich am Boden und und in totaler Abhängigkeit von Russland, das die kleine Republik als bloßen Spielball begreift, um seinen Einfluss in der Region geltend zu machen.

Unfähig zur Vergebung

Den Krieg gewonnen, den Frieden verloren - das vernichtende Fazit, das Niewiera und Rosołowski im Falle Abchasiens ziehen, ließe sich allerdings durchaus verallgemeinern. Denn dass im Krieg alle verlieren, zeigte goEast in diesem Jahr anhand zahlreicher weiterer Exempel auf, die sich in Osteuropa seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 in Fülle studieren lassen - ob im Donbass, im Kaukasus oder auf dem Balkan.

In dem kroatischen Wettbewerbs-Spielfilm "Kosac" ("Der Sensenman") skizziert Regisseur Zvonimir Juric etwa eine verhärmte Nachkriegs-Gesellschaft, die in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation zur Vergebung nicht mehr in der Lage ist. In langen wortlosen Einstellungen macht der Film das Totschweigen für sein Publikum unmittelbar erfahrbar, setzt aber etwas zu sehr darauf, dass es seine "Botschaft ohne Worte" versteht.

Die Sprachlosigkeit ist es auch, die die junge kroatische Regisseurin Tiha Gudac zu ihrer sehr persönlichen und berührenden Doku "Goli" ("Nackte Insel") veranlasste, die darlegt, wie die willkürliche Inhaftierung des Großvaters auf einer Strafinsel in Titos Jugoslawien eine ganze Familie noch Jahrzehnte danach derangiert.

Der Großvater sprach nach seiner Freilassung aus Angst vor Repressionen nicht über seine Torturen auf der "Nackten Insel", die Mutter hinterfragte das Geschehene nicht, weil sie davor zurückschreckte, an den wunden Punkten zu rühren - so ergeben sich Verstümmelungen der Psyche über Jahrzehnte hinweg, die in diesem Fall noch nicht einmal auf einen bewaffneten Konflikt zurückgehen: Tito richtete seine Straflager wegen einer Paranoia ein, die der "Kalte Krieg" im blockfreien Jugoslawien heraufbeschwor.

Serbien, ein Sehnsuchtsort?

Wo die Waffen sprechen, sind Menschen auch immer auf der Flucht - die Flüchtlingsthematik war deswegen in diesem Jahr ein weiterer wiederkehrender Aspekt, den goEast als Folge von Kriegen thematisierte.

In "Ničije dete" ("Niemandskind") erzählt der kroatische Regisseur Vuk Ršumović etwa eine bosnische Kaspar-Hauser-Geschichte, die auf wahren Begebenheiten am Vorabend des jugoslawischen Bürgerkrieges beruht, und die wegen der Umsiedlungen im Zuge des Konflikts ein tragisches Ende nimmt.

Als die Zivilisation zerfällt, die aus dem Wolfskind Haris im Schutze eines Waisenhauses langsam einen Menschen geformt hat, landet er auf der Flucht schließlich bei seinen Ursprüngen - bei den Wölfen im Wald. Doch vor dem Kindersoldat scheinen nun sogar seine früheren Artgenossen Angst zu haben.

In dem ruhigen bildgewaltigen Film macht der Krieg den Menschen zum Aussätzigen, gemieden sogar von den Raubtieren. In Venedig bekam Ršumović schon im vergangenen Jahr den Publikumspreis der International Critics Week für sein Werk zugesprochen, in Wiesbaden kam nun der goEast-Hauptpreis für den besten Film hinzu.

Aus einer ungewöhnlichen Perspektive blickt auch Želimir Žilnik auf die Flüchtlingsproblematik. In seiner Doku "Destinacija_Serbistan" ("Destination_Serbistan") lässt er Flüchtlinge aus den Krisengebieten in Syrien oder aus Afrika zu Wort kommen, die in einem Auffanglager gelandet sind - ausgerechnet im verarmten und korrupten Serbien.

Doch die Lage der Gestrandeten sei vergleichsweise erfreulich, was ihn gewundert habe, bekannte Žilnik in Wiesbaden, der sich schon seit Jahren in seinen Filmen mit der illegalen Einwanderung nach Europa befasst. Denn dass Serbien bei einer sozialstaatlichen Aufgabe wie der effizienten Organisation von Hilfsleistungen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern überraschend gut abschneide, frappiert den 72-Jährigen. Bisher hatte der Filmemacher in punkto Demokratie und Meinungsfreiheit eher immer etwas an seinem Heimatland auszusetzen: "Das habe ich bisher selten gehört, dass mir Leute sagen, komm' nach Serbien, hier ist es gut."

Weder legal noch illegal

Serbien, ein Sehnsuchtsort? Ganz so berückend wirkt der Balkanstaat in Žilniks Doku dann doch nicht. "Die Straßen hier sehen auch nicht viel anders aus als bei uns in Afrika", stellt Flüchtling Lee pragmatisch fest, als er sich in der Kleinstadt umsieht, in der das Flüchtlingsheim untergebracht ist.

Doch für Menschen wie Lee zählt dann doch etwas anderes als Straßenlöcher und bröckelnder Hausputz. Denn Serbien stellt ihm immerhin ein Bett hin und gibt ihm etwas zu essen, im Gegensatz etwa zu Griechenland. "Das ist für viele Vertriebene, die oft wochen- und monatelang unter freiem Himmel geschlafen haben, ein großer Wert", betont Žilnik. Außerdem könne hier jeder so lange bleiben, wie er wolle: "Das nutzen viele, um sich erst einmal zu erholen, bevor sie in ein EU-Land zu gelangen versuchen."

Friedensförderndes Verständnis

Serbien - ein Ort ungeahnter Humanität also! Für diesen überraschenden Blick auf jenes Land, das in den Balkankriegen der Neunzigerjahre als größter Aggressor galt, erhielt Žilnik in Wiesbaden den "Preis des Auswärtigen Amtes für kulturelle Vielfalt", womit er nach vielen Jahren wieder eine Auszeichnung aus Deutschland nach Hause nehmen durfte: 1969 war er auf der Berlinale mit dem "Goldenen Bären" für seine Tragikomödie "Rani radovi" ausgezeichnet worden, ein zentrales Werk des Neuen Jugoslawischen Films der Nachkriegszeit.

"Filmen gegen Krieg" lautete eine der Maximen des diesjährigen goEast-Festivals. Das Kino wird in diesem Ringen häufig nicht als Sieger hervorgehen, doch wie Kriege alles auf den Kopf stellen, oft jahrzehntelang, im kleinen familiären Kontext oder im großen gesellschaftlichen Rahmen und sogar weit abseits des eigentlichen Blutvergießens, das können Filmemacher verständlich aufzeigen. Und wenn es so ist, dass das Verständnis den Frieden fördert, dann hat goEast in diesem Jahr seinen Teil dazu beigesteuert.

Weitere Auszeichnungen:

"Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden": "Koza", Slowakei, Tschechien 2015, Regie: Ivan Ostroschovský

"FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik": "Koza", Slowakei, Tschechien 2015, Regie: Ivan Ostroschovský

"Open Frame Award": "Essen vom Boden der Geschichte", Deutschland 2014, Regie: Sita Scherer

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