bedeckt München 22°
vgwortpixel

Religionsunterricht:"Der Schüler ignorierte mich, weil ich eine Frau bin"

Schüler, Lehrer und Eltern haben sehr unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Glaube.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Ein Muslim weigert sich, mit seiner Lehrerin zusammenzuarbeiten. Einem anderen Schüler fehlt das christliche Morgengebet. Wie Religion den Schulalltag beeinflusst.

Der gekreuzigte Jesus thront über der Türe, Schüler knien gen Mekka, andere verspotten jeglichen Gott. In den Klassenzimmern des Landes kommen alle zusammen; Christen und Muslime, Juden und Atheisten. Nirgends wird auf so engem Raum ausgehandelt, welche Rolle die Religion in der deutschen Gesellschaft spielen soll wie in den Schulen der Republik. Schüler und Absolventen, Eltern und Lehrer erzählen.

Michael, Abiturient: Jeder Schüler gehört nach christlichen Werten erzogen

"Die Religion berührt den Schulalltag kaum, aber selbst das ist manchen zu viel. Ich bin römisch-katholisch, habe letztes Jahr mein Abitur gemacht. Anders als viele meiner Freunde gehe ich regelmäßig in die Kirche. Am Anfang meiner Gymnasialzeit war es üblich, dass im Klassenzimmer vorne bei der Tür ein Kreuz hing. Vor Beginn der ersten Stunde musste ein Schüler ein Gebet aus einem kleinen Büchlein vortragen, beziehungsweise durfte. Es gab nie Beschwerden von Andersgläubigen, das Gebet gehörte zum Alltag. Vor den Ferien und am ersten Schultag ging man gemeinsam in die Kirche, jeder seiner Konfession nach.

Für die Moslems gab es Betreuung in der Schule. In den vergangenen acht Jahren aber hat sich all das stark geändert: Ein konfessionsloser Elternteil beschwerte sich zum Beispiel, man könne einem Kind nicht zumuten, den ganzen Tag ein Kreuz sehen zu müssen. Das Kind hat sich zwar nie darüber beklagt, die Mutter aber wollte sich wohl profilieren. Das Gebet vor der ersten Stunde wurde zudem zu einer freiwilligen Sache, letztendlich also abgeschafft. Die Schule ist mittlerweile nahezu gänzlich entkoppelt von der Religion. Das ist meiner Meinung nach schade, da das Christentum zu unserer Kultur dazugehört, vor allem in einer ländlichen Region in Bayern.

Jeder Schüler gehört nach christlichen Werten erzogen. Die Lehre Christi ist in der heutigen Zeit nach wie vor aktuell und wichtig. Wenn die Kinder nicht mehr zur Kirche gehen und das Elternhaus nicht religiös erzieht, dann bleibt nur noch die Schule. Man kann über die Kirche streiten, allerdings nur schwerlich über den Humanismus, den Jesus vermitteln wollte. Dieser geht so nach und nach verloren, in einer Generation egomanischer Atheisten."

Ernst, Lehrer: Meine Schüler sind stolz auf ihre Religion, aber nicht radikal

"Ich unterrichte an einer Wirtschaftsschule, deren Schüler zu 90 Prozent muslimischen Glaubens sind. Bei uns trägt die eine Hälfte der muslimischen Mädchen Kopftuch, während die andere Hälfte ihr Haar nicht bedeckt. Innerhalb der Schülerschaft ist dies kein Problem. Schwierig wird es erst, wenn einzelne Mädchen sich sichtbar schminken, enge Kleidung tragen oder hohe Schuhe anziehen. Dann wird schon einmal von einer "Schlampe" geredet, und die Jungs an der Schule echauffieren sich, warum das Mädchen so "offenherzig" herumläuft. Solche Sachen diskutieren wir gemeinsam im Ethik-Unterricht, das sind gute Gelegenheiten, um für Toleranz zu werben und den Jungen den Spiegel vorzuhalten: Erst beleidigen sie diese Mädchen und dann schauen sie sich gemeinsam Nacktbilder von Frauen an. So eine Doppelmoral ist leider weit verbreitet.