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Regensburg:Wo Karl May und auch der Papst veröffentlicht haben

Blick in die historische Binderei des Verlags Pustet.

(Foto: Archiv Friedrich Pustet GmbH & Co. KG)

Der Pustet-Verlag feiert sein 200-jähriges Bestehen. Das Unternehmen überlebte so manche Krise. Eine davon löste die katholische Kirche aus.

Ein Schuss, ein Schrei, das war Karl May! Fast jeder kennt dieses geflügelte Wort, das auch im Verlag Friedrich Pustet gerne zitiert wird. Immerhin war der wohl meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache einst als Verlagsautor bei Pustet tätig. In dieser Funktion schrieb er vor allem Kurzgeschichten für die damalige Zeitschrift Der Deutsche Hausschatz. Irgendwann aber hat es auch im Verhältnis von Autor und Verlag gekracht, denn eines konnte Winnetou-Erfinder Karl May partout nicht leiden. Wenn ihm nämlich jemand in seine Manuskripte hineinredigiert hat, was in Verlagen durchaus und zu Recht vorkommen kann. Jedenfalls endete damit Pustets Beziehung zu dem nicht gerade pflegeleichten Großautor May.

Solche Brüche blieben in der mittlerweile 200-jährigen Geschichte der Regensburger Druck- und Verlagsfamilie aber die Ausnahme, weshalb stets eine solide Basis für unternehmerische Erfolge vorhanden war. Alles in allem gibt es in der Medienbranche nicht viele Unternehmen, die auf eine ähnlich lange Vergangenheit wie Pustet zurückblicken und sich darüber hinaus bis in die Gegenwart in Familienhand befinden. Es begann im Juli 1820, als der Passauer Magistrat dem Buchbindersohn Friedrich Pustet die Buchhandelskonzession verlieh, seit 1826 befindet sich der Firmensitz in Regensburg, wobei das Unternehmen auf elf Buchhandlungen, einem grafischen Großbetrieb und dem Verlag fußt.

Natürlich ist die Corona-Krise auch am Verlag Friedrich Pustet nicht spurlos vorübergegangen. Vor 14 Tagen hätte eine große 200-Jahr-Feier stattfinden sollen, sie musste wie so vieles abgesagt werden. Firmenchef Fritz Pustet hat seine Zuversicht dennoch nicht verloren. Zwar musste auch sein Unternehmen in den vergangenen Monaten Umsatzeinbußen hinnehmen, "aber wir spüren langsam wieder eine Belebung". Das Buch sei ein stabiler Artikel, findet er, weshalb ihm um die Zukunft nicht bang ist, auch wenn es gerade nicht einfach ist, einen vielschichtigen Betrieb mit 450 Angestellten am Laufen zu halten. "Man darf halt nicht aufgeben", sagt er, die Zeit sei eben voller Unwägbarkeiten. Aber manchmal gerät auch die Übermacht der ganz Großen ins Bröckeln. "Sogar eingefleischte Amazonisten haben in der Krise bei uns bestellt," sagt Pustet nicht ohne Stolz. Diese Kunden haben honoriert, "dass wir die Buchbestellungen im Krisenmodus schneller abwickeln konnten" als der Weltmarktführer.

Die Familie Pustet, deren Vorfahren im 18. Jahrhundert aus Italien eingewandert sind, hat früh gelernt, sich immer wieder an den Markt anzupassen und Rückschläge wegzustecken. Ganz arg traf es das Unternehmen in den 60er-Jahren unter Papst Johannes XXIII. und dessen Liturgiereform, welche die Verwendung der jeweiligen Landessprache in der Liturgie möglich machte. Bis dahin hatte der Verlag Pustet quasi das weltweite Monopol für den Druck von lateinischen Messbüchern. Firmengründer Friedrich Pustet hatte bereits 1849 ein lateinisches Missale für den Gottesdienst entwickelt, das sich zu einem Verkaufsschlager entwickeln sollte, bis Johannes XXIII. "uns damals quasi die Geschäftsbasis entzog", wie sich Fritz Pustet erinnert. Der Kontakt nach Rom prägt dennoch die Verlagsgeschichte sehr intensiv. Pustet unterhielt in Rom eine eigene Buchhandlung, und alle Familienoberhäupter trafen den amtierenden Papst. Joseph Ratzinger hat bei Pustet sogar ein wegweisendes Werk zur Eschatologie veröffentlicht.

Pustets lateinische Prachtausgaben fanden weltweite Verbreitung. Liturgie, Theologie, religiöse Bilddrucke und Kirchenmusik gaben dem Verlag bis 1963 ein eindeutiges Profil. In den 1970er-Jahren erfolgte notgedrungen eine Neuorientierung, Pustet expandierte mit dem Buchhandel. Das Verlagsprogramm besteht seitdem aus dem Segment Geschichte (historische Biografien, Länder- und Stadtgeschichten, Kulturgeschichte) und der von Anfang an gepflegten Sparte Theologie.

Mit elf Buchhandlungen ist Pustet in insgesamt acht bayerischen Städten präsent, natürlich auch in Regensburg. "Bücher Pustet", wie die Buchhandelskette offiziell heißt, verfügt neben der Urzelle in Regensburgs Innenstadt über zwei weitere Filialen in Regensburg sowie in den Städten Passau, Augsburg, Landshut, Deggendorf, Straubing, Ansbach und Freising.

Darüber hinaus druckt Pustet Bücher für insgesamt 70 Verlage in ganz Deutschland. Jährlich verlassen den modernen Druck- und Bindebetrieb bis zu zehn Millionen Bücher, eine Menge, für die jährlich bis zu 4000 Tonnen Papier verwendet werden.

Ein prunkvolles Messbuch.

(Foto: Verlag Pustet Regensburg)

Und der Chef selber, findet er noch Zeit zum Lesen? "Natürlich", sagt Fritz Pustet, "ich lese bevorzugt historische, politische und theologische Sachbücher, gelegentlich auch Belletristik, zuletzt Romane von Benedict Wells und Juli Zeh." Sein eigener Verlag bringt jährlich 70 bis 80 Bücher heraus. Besonders stolz ist Fritz Pustet auf die fünfbändige Großedition zum Regensburger Dom, "das ist etwas ganz Tolles". Wichtige Pustet-Bücher, die immer wieder aufgelegt werden, sind Ratzingers "Eschatologie", die Biografie über Otto den Großen und lexikalische Klassiker wie "Bayerns Weg in die Gegenwart" und "Regensburg - Metropole im Mittelalter".

Solche Schätze bleiben der Branche natürlich nicht verborgen. Vor Kurzem ist der Verlag mit dem Deutschen Verlagspreis 2020 ausgezeichnet worden - neben 65 anderen mittelständischen Verlagen, die die Jury mit ihrem Verlagsprogramm, ihrem kulturellen Engagement und ihrer verlegerischen Arbeit überzeugen konnten.

© SZ vom 03.06.2020/aner
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