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Kultur in Corona-Zeiten:Oper von oben

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Gesang im Grünen: Stephanie Krug, sonst auf den großen Opernbühnen zu Hause, intoniert auf ihrem Tölzer Balkon eine Auswahl an Opernklassikern und italienischen Volkweisen, die in Zeiten des Fernwehs klanglich ins Urlaubsland entführen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Sopranistin Stephanie Krug macht sonntagabends ihren Tölzer Balkon zur Bühne. Ihre Serenaden, die Musiker im Garten begleiten, sind in Zeiten geschlossener Konzertsäle ein ganz besonderes Live-Erlebnis.

Tempi passati: Die Zeiten, in denen Don Giovanni unterm Balkon stand und zu sanften Lautenklängen seine angehimmelte Donna Elvira mit Gesang beglückte, sind wohl schon lange vorbei - wenn sie überhaupt je da waren. Wirkliche Balkon-Szenen der anderen Art kann man derzeit in Bad Tölz erleben. Die Sopranistin Stephanie Krug lädt sonntagabends zu diesen inversen Serenaden ein. Von Balkon und darunter liegendem Garten aus lassen die Sängerin und eine kleine Instrumentalgruppe das Wochenende musikalisch ausklingen und bieten den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern musikalische Perlen in einer an Live-Musik armen Zeit.

Angeregt wurde Stephanie Krug zu den Mini-Konzerten, als vor einigen Wochen dazu aufgerufen wurde, den italienischen "Flashmob sonoro" auch in Deutschland zum Klingen zu bringen und den Schlusschor aus Beethovens neunter Symphonie aus den Wohnungen erschallen zu lassen. Und mit Beethoven beginnt dann auch das inzwischen neunte Balkon-Recital. Gemeinsam mit den etwa dreißig Zuhörerinnen und Zuhörern - viele davon sind bereits Stammpublikum - wird nach einem kurzen Vorspiel (Gabriel Wolpert an der Trompete) die "Ode an die Freude" angestimmt, als Zeichen des Optimismus und der Solidarität, so führt Krug in ihrer Begrüßung aus.

Den Auftakt zum Konzert-Programm hat dann aber nicht Stephanie Krug, sondern eine ihrer Schülerinnen. Mit sensibler Melodieführung eröffnet Charlotte Rein das Programm, das unter dem Motto "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" Gedankenreisen ins ferne Urlaubsland ermöglichen soll. Mit Giuseppe Giordanis "Caro mio ben", einem Juwel der italienischen Klassik, entführt die junge Sängerin das Publikum ins bel paese. Eine andere Seite der italienischen Musik präsentiert dann Krug selbst. Mit einer tänzerischen Villanella, einer Art neapolitanischer Volksweise, setzt sie den Gegenakzent zur klassischen Oper. Mit wiegenden Rhythmen und sinnlichem Ton singt Krug mit Giovanni Girolamo Kapspergers "Aurilla mia" von Schönheit, Rosen und Liebesschmerz.

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Mittlerweile lauscht ein Stammpublikum auf der Straße dem Gesang zur Begleitung der Musiker im Garten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dem Publikum gefällt die musikalische Reise. Dabei wird es nicht nur die exquisite Musikauswahl aus Opernklassikern und volkstümlichen Liedern sein, die überzeugt. Auch die spezielle Aufführungssituation hat ihren Reiz. Die Häuserfassade wird zum veritablen Bühnenraum, zweistöckig; die Wintergartentüren, dramaturgisch wirksam eingesetzt, markieren den Vorhang. Stephanie Krug, die sonst auf den großen Opernbühnen steht, hat damit eine mindestens halbszenische Form des Konzerts gefunden: ein Hauskonzert im Freien, Kammermusik ohne Kammer. Konzertkleidung bei der Künstlerin wie beim Publikum versteht sich von selbst. Dass dieses Publikum dann der Darbietung stehend lauscht, tut dem Genuss keinen Abbruch, im Gegenteil. Anstatt auf einem Rokoko-Sessel eingepfercht, ist es nun möglich, sich mit gebotenem Abstand frei in der milden Abendluft zu bewegen. Gartendüfte von Fliederbüschen und von im Grill entfachten Feuer sprechen den sonst im Konzertsaal eher unterversorgten Geruchssinn an. Nicht, dass jetzt die Sessel aus dem Zuschauerraum gerissen werden sollten, aber vielleicht gehen von solchen Konzerten auch Anregungen aus, die von den Konzerthäusern aufgenommen werden könnten, sobald ein normaler Betrieb wieder möglich sein wird.

Und wie zur Bekräftigung der Frühsommer-Idylle folgt noch der gemeinsam gesungene Paul-Gerhardt-Choral "Die güldne Sonne", ehe das Programm mit weiteren neapolitanischen Weisen ausklingt. Tarantella heißt die für die süditalienische Musik typische Gattung, die ihren Namen entweder von der Stadt Tarent erhalten hat oder, was die bildlich interessantere Vorstellung ist, weil von der Tarantel Gebissene in delirante Tänze verfallen. Nicht ganz so wild, aber mit viel Temperament und Schwung klingen die italienischen Melodien auf die Straße. Begleitet wird die Sopranistin dabei von ihrem Sohn Jonathan Dechentreiter an der Bratsche, Fynn Stöcker an der Gitarre und Moritz Wolf am Tambourin. Nicht zu vergessen sind auch die Zufallsbegleitungen, die sich eben in der Situation ergeben, aber auch zur Stimmung beitragen - gelegentliches Hundegebell und Insektensummen. Das alles passt wunderbar zu den immer schneller kreisenden Melodien der Tarantelle. Kaum ist die letzte Note des erfrischend kurzen Programms verklungen, folgen schon die Bravo-Rufe und der verdiente Applaus.

Denn Konzerte wie die von Stephanie Krug und ihrem jungen Ensemble sind hochwillkommene Gelegenheiten, einmal wieder in Kontakt zu kommen mit echter Musik, live und engagiert vortragen. Die vielen Streaming-Angebote zu klassischer Musik und Opernaufführungen sind gut und schön, können aber nie das reale Konzerterlebnis ersetzen. Die Tölzer Balkon-Konzerte sind ein tönendes Memorandum für Konzertgenuss in Echtzeit.

© SZ vom 02.06.2020/aip

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