Mitten in Nürnberg:Wider den Charme des Morbiden

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Schließfach

Die "Modulgalerie" des Künstlerpaares Kasia und Olaf Prusik-Lutz soll die U-Bahnstation Lorenzkirche aufwerten.

(Foto: Olaf Przybilla)

Die Lorenzer Passage, das war bislang der letzte Ort, wo man noch seine 50-Pfennig-Stücke zum Einsatz bringen konnte. Und nun? Tempi passati.

Glosse von Olaf Przybilla, Nürnberg

Einen Superlativ hatte Nürnberg bislang sicher. Nürnberg, das war die Stadt, in der man in der U-Bahnstation kurz vor dem Besuch des Christkindlesmarktes aufgefordert wurde, ein Schließfach mit der guten alten D-Mark, respektive mit 50 Pfennigen, zu bestücken. (D-Mark und Pfennige, das nur für die Jüngeren, waren mal Zahlungsmittel in diesem Land, kurz nach der Reichsmark.) Ach, es war eine tolle Einrichtung für Touristen aus aller Welt. Einfach mal ein Ort, der zu nichts nutze war, an dem man ohne kommerziellen Erwartungsdruck vorbeiflanieren und - zum Beispiel - über die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära nachsinnen konnte.

Tempi passati, denn das Schöne hat keinen Platz auf Erden und wurde im vorliegenden Fall auch noch von dieser Zeitung auf das Schnödeste verunglimpft. Der ganze U-Bahnhof Lorenzkirche - der zentralste der Halbmillionenstadt - sehe in etwa so aus wie ein "in Vergessenheit geratenes Verlies eines ästhetisch maximal unbedarften Schurkenstaates" war da zu lesen. Dort wirke es so, als wolle Nürnberg dem Gast vertrauensvoll signalisieren: "Toll, dass Du da bist. Zu Hause wär's aber auch ganz schön gewesen - fast noch schöner, oder?"

Unschöne, dem Weihnachtsfrieden nicht angemessene, garstige Worte. Und so wird sich niemand wundern dürfen, wenn dieses Kleinod Frankens, ein Alleinstellungsmerkmal par excellence, nun nicht mehr ist. Im Zuge eines Sanierungsanfalls von fast Adenauer'schen Ausmaßen soll die Passage künftig auf links gedreht werden. Zum Glück gibt's dort zwar immer noch Treppenhäuser, die so liebreizend sind, wie man sich eine Industriebrache in Duisburg-Ruhrort in den späten Vierzigerjahren vorstellen würde. Aber dem Charme des Angekränkelten, im Verfall Begriffenen, Morbiden soll eben der Garaus gemacht werden. Und los ging's also mit der ehemaligen "Kofferschließanlage".

Dort wirft man nun einen Euro ein. Kann dann eines der 48 Fächer öffnen, sich moderne Kunst anschauen und sich seinen Euro wieder zurückholen. Eine "Modulgalerie" des Künstlerpaares Kasia und Olaf Prusik-Lutz, mit der - laut Stadt - "ein erster Schritt zur Aufwertung der Lorenzer Passage" getan werden soll. Und was macht man jetzt mit seinen 50-Pfennig-Stücken?

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