Baumgeschichten:Knorrige Riesen aus ferner Zeit

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Baumgeschichten: Der stärkste Baum von Passau: die Eiche in der Waidgasse.

Der stärkste Baum von Passau: die Eiche in der Waidgasse.

(Foto: Jürgen Schuller/SüdOst Verlag / Battenberg Gietl Verlag)

Allein in Niederbayern gibt es ungefähr 400 000 Bäume, die älter als 200 Jahre sind. In seinem neuen Buch erzählt der Biologe Jürgen Schuller Geschichten über einige herausragende Exemplare.

Von Hans Kratzer, Regenstauf

Die Hungereiche von Giggenried im Landkreis Regen war ein bemerkenswerter Baum. Manche nannten sie auch Pesteiche, denn es hieß, sie sei im Jahr 1357 von einem der letzten Überlebenden der damals grassierenden Beulenpest gepflanzt worden. Vor gut hundert Jahren erreichte diese Eiche einen Umfang von stolzen elf Metern. Am 3. Januar 1957 ist der Gigant an einem windstillen Tag unter gewaltigem Getöse in sich zusammengebrochen. Dem Besitzer des benachbarten Hofs war einige Stunden vorher aufgefallen, dass der Baum eigentümlich knarrte. Bei seinem Sturz verschonte der Riese gnädigerweise die Linde, die ihn Jahrhunderte lang treu begleitet hatte, er fiel auf die andere Seite. Noch heute sind die Kronenäste der Linde auf jener Seite, die früher ihrem Nachbarn zugewandt war, weniger stark.

Derlei Baumgeschichten kennt der Biologe Jürgen Schuller in reicher Zahl. "Bäume haben mich schon fasziniert, als ich noch ein kleiner Bub war", erzählt er. Und Bäume seien auch der Grund gewesen, warum er Biologie studiert habe. Als er begann, im Netz Baumgeschichten zu erzählen, stießen diese auf ein unerwartet großes Interesse. "Ich habe da wohl eine Lücke besetzt", vermutet er, was ihn motivierte, sich noch intensiver mit der Mythologie und der Geschichte von alten Bäumen zu beschäftigen.

Vor einiger Zeit hat er bereits einen Bildband über besondere Bäume in der Oberpfalz veröffentlicht, einer Region, die mit geschätzt drei Milliarden Bäumen zu den baumreichsten Gegenden in Deutschland zählt. Jetzt liegt ein weiterer Band vor, der sich einer Reihe von faszinierenden Bäumen in Niederbayern widmet. Und wieder löst es ein großes Staunen aus, was allein diese wenigen Bäume zu erzählen haben, die ja nur einen kleinen Teil der 26 400 Baumarten abbilden, die es weltweit gibt. Gut 50 davon kommen in Bayern vor, sagt Schuller, sie tragen geläufige Namen wie Birke, Ahorn, Esche, Buche, Linde und Eiche, aber es gibt auch Bäume mit Migrationshintergrund, Robinien etwa, wie jenes knorrige Exemplar, das neben einer Kapelle bei Enzerweis im Landkreis Dingolfing-Landau steht.

Baumgeschichten: Knorrige Robinie bei Enzerweis im Landkreis Dingolfing-Landau.

Knorrige Robinie bei Enzerweis im Landkreis Dingolfing-Landau.

(Foto: Jürgen Schuller/SüdOst Verlag / Battenberg Gietl Verlag)
Baumgeschichten: Alter Holzbirnbaum bei Riedenburg im Kreis Kelheim.

Alter Holzbirnbaum bei Riedenburg im Kreis Kelheim.

(Foto: Jürgen Schuller/SüdOst Verlag / Battenberg Gietl Verlag)

Auch in Niederbayern, sagt Schuller, gebe es sicher mehr eingeführte Baumarten als einheimische. Die Botaniker haben da eine strikte Grenze gezogen. Bäume, die vor der Entdeckung Amerikas 1492 eingeführt wurden, gelten in Deutschland als einheimisch. Die ersten Robinienpflänzchen aber kamen erst 1601 aus Virginia hierher, "diese Baumart ist also für die Wissenschaft ein Zugroaster", sagt Schuller. Ähnlich verhält es sich mit jenem Tulpenbaum im Landshuter Hofgarten, der sich durch stattliche Höhe und seltsame Blätter auszeichnet. Auch er ist von amerikanischer Herkunft und kam erst im 17. Jahrhundert in die europäischen Parks.

Schuller listet in seinem neuen Band überdies alte Obstbäume auf. Auch wenn für Zwetschgen-, Birn- und Apfelbäume schon hundert Jahre ein hohes Alter bedeuten und selbst die größten, wie ein von ihm dokumentierter Holzbirnbaum bei Riedenburg im Kreis Kelheim, kaum ein Drittel der Höhe einer Eiche erreichen.

Großen Eindruck machen natürlich auch in Niederbayern die mächtigen Eichen und Linden, von denen manche auf ein Alter von bis zu tausend Jahren zurückblicken und von den abenteuerlichsten Geschichten umrankt sind. Die berühmte Tausendjährige Linde an der Kapelle Halbmeile bei Deggendorf brilliert alleine schon durch ihren zauberhaften Ort direkt am Waldrand, an dem sie eine alte Kapelle beschirmt. Sie hat einen Umfang von fast acht Metern und birgt in ihrem Stamm eine geheimnisvolle Höhle. Diese bietet Platz für drei Menschen, einer ist aber von einer Marienstatue besetzt. Angeblich hat sich hier ein alter Richtplatz befunden, was erklärt, dass die Umgebung der Linde einst als ein Ort des Spuks und der Totenlichter gefürchtet war.

Baumgeschichten: Tausendjährige Linde an der Kapelle Halbmeile.

Tausendjährige Linde an der Kapelle Halbmeile.

(Foto: Jürgen Schuller/SüdOst Verlag / Battenberg Gietl Verlag)
Baumgeschichten: Hungereiche von Giggenried.

Hungereiche von Giggenried.

(Foto: Jürgen Schuller/SüdOst Verlag / Battenberg Gietl Verlag)

Mehr als jede andere einheimische Baumart bieten alte Eichen wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. 400 zum Teil sehr seltene Insektenarten leben ausschließlich von und auf Bäumen wie der vielarmigen Stieleiche in der Waidgasse bei Rittsteig. Sie gilt mit einem Umfang von mehr als 5,50 Metern als der stärkste Baum Passaus. Die gut 450 Jahre alte Eiche ist im Kern vermutlich hohl, wird aber nicht umfallen, solange sie noch genügend Holzmasse bildet. Zuletzt zeigte die Krone auch bei Trockenheit noch ein sattes Grün und volles Laub.

Der aktuell dickste Baum in Niederbayern ist die gut 400 Jahre alte Patzinger Linde bei Adlkofen im Landkreis Landshut mit einem Stammumfang von fast neun Metern. Bei diesem einmalig schönen Baum, so vermutet Schuller, handelt es sich um einen Richtbaum, der den Reisenden den Weg wies. Man ahnt, was die alten Bäume, die in Niederbayern besonders zahlreich erhalten sind, alles erzählen könnten. Schuller schätzt, dass in dieser Region ungefähr 400 000 Bäume wachsen, die älter als 200 Jahre sind.

Jürgen Schuller, Faszinierende Bäume in Niederbayern, SüdOst Verlag, 168 Seiten, 29,90 Euro.

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