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Geschichtsverständnis:Neuer Titel der Landesausstellung löst Kritik aus

Forchheim, 1648

Der Stich nach der "Topographia Franconiae" von Matthäus Merian zeigt die Stadt Forchheim.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • "Stadtluft macht frei" sollte der Name der Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg sein.
  • Dies kritisierte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, weil es sie an eine Nazi-Parole erinnert.
  • Die Umbenennung in "Stadt befreit" stößt allerdings auf Widerspruch.

Die vom Kunstministerium verkündete Umbenennung der Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg ist bei Politikern und Historikern auf Kritik gestoßen. "Das wundert mich sehr", sagte beispielsweise der renommierte Mediävist Johannes Fried, der nach eigenen Worten auf den Titel "Stadtluft macht frei" auf keinen Fall verzichten würde. Im Kontext der Ausstellung sollte die Geschichte dieses bedeutenden Rechtssatzes allerdings exakt erläutert werden, sagte Fried.

Wie das Kunstministerium am Dienstag mitteilte, bekommt die Landesausstellung nun den Titel "Stadt befreit - Wittelsbacher Gründerstädte". Der ursprüngliche geplante Titel "Stadtluft macht frei" war bei Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, auf Widerspruch gestoßen. Im Bayerischen Rundfunk hatte die Holocaust-Überlebende Knobloch erklärt: "Das ist ein ganz klarer Ausdruck, der jedem wehtut, der damit zu tun hatte." Sie monierte eine sprachliche Nähe des Titels "Stadtluft macht frei" zu dem zynischen und menschenverachtenden Nazi-Spruch "Arbeit macht frei", der auf Toren von Konzentrationslagern zu lesen war, unter anderem in Dachau und Auschwitz.

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Die Umbenennung der Landesausstellung ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen Charlotte Knobloch, Kunstminister Bernd Sibler (CSU) und dem Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, Richard Loibl. Sibler gab nach dem "konstruktiven Austausch" kund, ein respektvoller und verantwortungsvoller Umgang mit den grauenhaften Verbrechen des Holocaust habe höchsten Stellenwert. Antisemitismus habe im Freistaat keinen Raum, das gelte selbstverständlich auch für die Kunst- und Kulturlandschaft und damit auch für die Landesausstellungen des Hauses der Bayerischen Geschichte. Knobloch äußerte sich nach dem Gespräch erleichtert: "Ich freue mich sehr, dass die Ausstellung, die sicher sehr interessant ist, weil sie einen Teil unserer Geschichte zeigt, den neuen Titel 'Stadt befreit' bekommen hat!"

Der Fall zeigt auf, welche Problematik die Verwendung von historischen Begriffen nach sich ziehen kann, auch wenn diese nicht negativ konnotiert sind. Dass die Sätze "Stadtluft macht frei" und "Arbeit macht frei" inhaltlich in irgendeiner Weise zusammenhängen, wird in der Geschichtswissenschaft ausgeschlossen. Allerdings plagiierten und pervertierten die Nazis den Satz "Stadtluft macht frei", der als einer der großen Rechtssätze des Mittelalters gilt, auch wenn er, wie der Historiker Jörg Schwarz darlegt, erst 1759 erstmals schriftlich belegt ist. Dem Inhalt nach aber traf der Satz im Mittelalter voll und ganz zu, darin sind sich alle Historiker einig.

Richard Loibl, dessen Landesbehörde "Haus der Bayerischen Geschichte" die Ausstellung verantwortet, erklärte dazu, der Rechtssatz "Stadtluft macht frei", der die gegenüber der Landbevölkerung erheblich erweiterten Freiheitsrechte der Bürger in den mittelalterlichen Städten beschreibt, sei aus aufklärerisch-liberaler Tradition und aus einer dem Nationalsozialismus entgegengesetzten Philosophie formuliert worden. Dies soll in der Schau in einer eigenen Abteilung dargestellt werden.

Der Rechtsgrundsatz "Stadtluft macht frei" besagte, dass leibeigene Landbewohner, die einst in die Städte flüchteten, nach einem Jahr freie Bürger und damit nicht mehr ihrem Grundherrn verpflichtet waren. "Wer in die Stadt zieht, um dort zu bleiben, und bleibt dort ohne Anfechtung (seitens eines Leibherrn) Jahr und Tag, der kann später von niemandem zurückgefordert werden", heißt es etwa in einem Stadtrecht von 1249. Angesichts dieser liberalen Tradition des Satzes herrscht auch am künftigen Ort der Landesausstellung Unverständnis über Knoblochs Kritik.

Der Friedberger Bürgermeister Roland Eichmann (SPD) bedauert, dass allgemein so wenig Kenntnis über die Bedeutung dieses Rechtssatzes vorhanden sei, ohne den wohl weder die Reformation noch die Entwicklung hin zum modernen Deutschland möglich gewesen wäre. Viele halten ihn deshalb für einen der prägendsten Sätze der deutschen Rechtshistorie und der europäischen Freiheitsgeschichte.

Der Historiker Johannes Fried sagte zur SZ, er habe von jüdischer Seite bis dato noch nie einen Hinweis gehört, dass der Spruch für sie problematisch sei. Gerade für das Zusammenleben der jüdischen Gemeinden habe die Stadt im Mittelalter große Bedeutung gehabt. Fried reagierte auch reserviert auf den neuen Titel der Landesausstellung "Stadt befreit". Die Stadt habe die Menschen im strengen Sinne nicht befreit, sagte er, aber unter bestimmten Voraussetzungen hätten die Leibeigenen dort die Freiheit erhalten. Freiheit durch die Stadt. Das hätte er für besser gehalten.

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