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Vor der Kommunalwahl 2020:In der Partei spricht man schon von "Wachstumsschmerzen"

Der grüne Gründergeist brachte seit 2018 zwölf neue Ortsverbände hervor. Im Vergleich zu früher ist das viel. In der Parteizentrale spricht man von einer "Neugründungswelle". Zusammen mit einem Mitgliederanstieg von 24 Prozent alleine 2018 ist von "Wachstumsschmerzen" die Rede. Soll heißen: Sie kommen gar nicht hinterher, all die begeisterten neuen Grünen zu informieren, wie sie sich organisieren können. Bald soll es Workshops geben. Wie viel Mitglieder braucht es für eine Neugründung? Mindestens drei und niemals zwei Männer. Wie plakatiere ich richtig? Immer zwei Kabelbinder, oben und unten. Das mussten sie in Zell auch erst lernen. Schon jetzt läuft es gut.

Bezirkschef Jens Schlüter

"Die Leute wollen da mitmachen, wo es was zu gewinnen gibt. Und wir sind jetzt die Gewinner."

Bei den Grünen meint man, es wird noch viel besser laufen, wenn die Unterstützung durch Partei und Fraktion erst richtig greift. Die vielen neuen Abgeordneten im Landtag eröffnen überall im Land Bürgerbüros. Jeder Bezirk bekommt monatlich 750 Euro mehr von der Partei. Denkt man etwas größer, und dazu neigen die Grünen gerade, geht es nicht nur um eine erfolgreiche Kommunalwahl, sondern auch um das, was daraus folgen könnte. Je mehr Bürgermeister und Gemeinderäte die Grünen stellen, desto besser sind ihre Chancen, bei der nächsten Landtagswahl das Land zu erobern. So wie in Baden-Württemberg, wo bekanntlich ein Grüner regiert.

Wem bei der Vorstellung von Grünen in der bayerischen Staatskanzlei ganz schwindelig wird, der findet Halt in Niederbayern. Dort, wo die Straßen immer enger und die Häuser immer weniger werden, wo der Wald immer dichter wird, wohnt Laura Amberger in einem einsamen Bauernhof in Rattenberg bei Viechtach. Sie ist - das darf man hier nicht zu laut sagen - eine Grüne! "Laura vom anderen Stern" wird sie in ihrer Partei genannt, weil sie da herkommt, wo alles noch so ist, wie es in Bayern immer war: Schwarz, nicht grün.

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Ganz stimmt das natürlich nicht. Auch in Niederbayern haben die Grünen dazugewonnen, aber auf sehr niedrigem Niveau. "Wir sind immer das Schlusslicht", sagt Amberger. Einen Ortsverband gründen? "Vielleicht in zehn Jahren." Das nächste Grünen-Mitglied wohnt 13 Kilometer entfernt. Sie sind so wenige, dass jeder schon bis oben hin mit Parteiämtern eingedeckt ist, da findet sich schwer jemand, der auch noch Ortsvorsitzender werden will. Nach dem Abitur ziehen viele Nachwuchsgrüne in die Städte. Aufbruchsstimmung? Klar, aber halt auf niederbayerisch. Zu der Skepsis mischt sich jetzt immer mehr Respekt, sagt Jens Schlüter, der zum "Feierabend-Tee" dazugestoßen ist.

Der Bezirkschef von Niederbayern ist gerade auf der Suche nach guten Leuten für die Kommunalwahl und macht eine neue Erfahrung: Ab und zu kommt sogar mal einer auf ihn zu, weil er kandidieren möchte. "Die Leute wollen da mitmachen, wo es was zu gewinnen gibt. Und wir sind jetzt die Gewinner." In Niederbayern? "Wir müssen lernen, selbstbewusst zu sein."

"Die sollen in der Stadt bleiben", sagt einer am Stammtisch

Eine gute Gelegenheit bietet sich den beiden zehn sehr dunkle Autominuten weiter im nächsten Wirtshaus. Vier Männer beugen sich am Stammtisch über ihr Bier. Es ist nicht ihr erstes. Amberger und Schlüter setzen sich mit einem Weißbier dazu. Alkoholfrei? Grüne? "Ohhhhh!" Laute Empörung, einer wedelt mit der Hand, als hätte er sich verbrannt. Die traun sich was! "Da bist genau am richtigen Ort", sagt der Günther und legt los. Sich selber vom Chauffeur rumkutschieren lassen wie der Özdemir, aber den kleinen Leuten das Auto verbieten! Und sie beim Dieselskandal auch noch zahlen lassen! Dann der Andreas: Was denn mim Fußballplatz wär, ob man den jetzt auch nicht mehr mähen dürft? Er kennt nur zwei Grüne: eine Fröschesammlerin und eine, die keine Socken anzieht. Spinner eben. Grüne, die Gewinner in Niederbayern? "Des werd nix", sagt der Günther. "Die sollen in der Stadt bleiben", der Andreas.

Mit jedem Spruch zieht Amberger ihre Schultern enger zusammen. Bald flüchtet sie an den Nebentisch. Schlüter bleibt sitzen und hört zu. Die erste Wut ist raus, er darf jetzt was sagen. Etwa, dass er auch Auto fährt und die Grünen beim Dieselskandal ja wollen, dass die Konzerne zahlen. Beeindruckend findet die Runde etwas anderes: Schlüter spricht ja wie sie! Mit einem "oi" statt einem "a", wie ein "Waidler" eben. Zwei alkoholfreie Weißbier später heißt's: Er darf wieder kommen. Na, immerhin.

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