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Michael Piazolo:Der Anti-Aiwanger

Nach der Landtagswahl in Bayern - Freie Wähler

Agierte oft im Hintergrund von Hubert Aiwanger: Bayerns künftiger Kultusminister Michael Piazolo (rechts).

(Foto: dpa)

Seinem Chef diente Piazolo oft als stille Dekoration im Hintergrund. Für Bayerns Schüler wird eine andere Eigenschaft interessant: Der Sinn von Hausaufgaben erschloss sich dem künftigen Kultusminister nie.

Michael Piazolo ist 1,91 Meter groß. Immerhin, übersehen wird er nicht, auch wenn er bis jetzt in der zweiten Reihe stand. Überhört schon eher, Piazolo spricht meist leise. Oft aber kann man ihn nicht einmal überhören, weil er einfach gar nichts sagt. Die Bühne bei den Freien Wählern, denen Piazolo 2001 beitrat, gehörte bis jetzt nur einem: dem Universalvorsitzenden Hubert Aiwanger. Ihm diente Piazolo bei Presseterminen oft als stille Dekoration im Hintergrund, ohne sich ein Zeichen des Unmuts anmerken zu lassen. Tritt er doch mal ans Mikro, versichert er gleich zu Anfang: "Ich will es kurz halten."

So war das am vergangenen Sonntag, als die Freien Wähler offiziell dem Koalitionsvertrag mit der CSU zustimmten und ihre Ressorts bekanntgaben. Es war der Tag, an dem klar war: Piazolo wird sehr wahrscheinlich Bayerns neuer Kultusminister sein. Für die Freien Wähler war es ein Coup, für viele in der CSU ein Schock. Dreizehn Schulminister gab es seit 1945 in Bayern, fast immer stellte sie die CSU. Kein Minister hat so viel Gestaltungsspielraum wie der Kultusminister, dem kaum jemand aus Berlin oder Brüssel reinreden kann: Bildung ist Ländersache.

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Dass der 59-Jährige bald von der Oppositions- auf die Regierungsbank wechseln würde, war klar. Seit 2002 ist er im Parteivorstand, seit 2010 Generalsekretär, nach Hubert Aiwanger gilt er als die Nummer zwei der Freien Wähler in Bayern. Allerdings wurde er in der eigenen Partei in den vergangenen Wochen scherzhaft als "Herr Wissenschaftsminister" begrüßt. Zu ihm hätte das gut gepasst. Piazolo war Professor für europäische Studien an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Im Landtag, dem er seit 2008 angehört, leitete er den Wissenschaftsausschuss und startete ein erfolgreiches Volksbegehren gegen die Studiengebühren. Zu den Freien Wählern allerdings passt das Kultusministerium besser. Sie sind vor allem auf dem Land stark, eine Schule hat da fast jeder im Ort, eine Universität nicht.

Kompetenz kann Piazolo auf beiden Gebieten vorweisen. Im Landtag und bei den Lehrerverbänden wird er als Bildungspolitiker geschätzt. Seine Eltern waren beide Lehrer, er selbst wusste schon mit zehn Jahren, was ein Hochschulentwicklungsplan ist, weil sein Vater im Kultusministerium von Baden-Württemberg arbeitete; der schaffte es dort zum Amtschef. Als Piazolo dann an der Hochschule selbst Lehrer weiterbildete, erlebte er sie, wie er sagt, als "sehr, sehr engagiert". Die erste Aufgabe eines zukünftigen Kultusministers hat er damit schon einmal gemeistert: sich mit den Lehrern gut stellen. Sein ruhiges und ausgleichendes Wesen passt zum neuen Amt. Nach dem ewigen Streit über die Gymnasialreform - Piazolo kämpfte mit einem Volksbegehren für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium - wollen die meisten, dass an den Schulen endlich Ruhe einkehrt.

In seiner Partei hat Piazolo bislang die Rolle des Anti-Aiwangers inne. Der FW-Chef steht im Mittelpunkt, Piazolo am Rande und ist eher Sekretär als General. Wird Aiwanger mal wieder etwas zu deutlich in der Asylpolitik, staunt Piazolo kurz ("Hat er das wirklich gesagt?") und macht sich daran, Aiwangers Worten die Schärfe zu nehmen. Aiwanger ist als Ferkelzüchter und Jankerträger der Urtyp eines Bayern vom Land, Piazolo war immer ein Großstädter - der einzige seiner Partei in der Landtagsfraktion - und lange nicht mal ein bayerischer. Bis er 18 Jahre alt war, lebte er in Stuttgart, seine Mutter kam aus Wien, sein Vater immerhin aus dem Allgäu. Zu Hause aber sprach man Hochdeutsch - und las viele Bücher. Die Novellen von Thomas Mann schätzt Piazolo sehr, zur Entspannung liest er "Game of Thrones" oder "Harry Potter".

Das dürfte er mit vielen Lehrern und Eltern gemein haben. Für die Schüler könnte eine andere Eigenschaft des zukünftigen Kultusministers interessant sein: Der Sinn von Hausaufgaben erschloss sich ihm nie.

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