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Justizgeschichte:Das Trauma von Erlangen

Am Fluss Schwabach erinnert seit 2010 ein Schild an den Doppelmord in Erlangen.

(Foto: Olaf Przybilla)

Vor 40 Jahren wurden Shlomo Lewin und Frida Poeschke ermordet. Der Mörder handelte aus antisemitischem Menschenhass. Doch die Hintergründe für dieses Kapitalverbrechen sind bis heute nicht vollständig geklärt.

Von Olaf Przybilla und Annette Ramelsberger

Am 19. Dezember 1980 sind Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrer Wohnung in Erlangen mit einer Maschinenpistole ermordet worden. In der Universitätsstadt waren die beiden keine Unbekannten: Frida Poeschke als Witwe des früheren Oberbürgermeisters von Erlangen, Shlomo Lewin als Verleger und vormaliger Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde - und als einer, der leidenschaftlich gegen neonazistische Umtriebe gekämpft hatte.

40 Jahre nach dem Mord scheint immerhin einiges klar zu sein. Dass der mutmaßliche Täter Uwe Behrendt zuvor in der rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann" aktiv gewesen ist, daran gibt es keine begründeten Zweifel. Auch nicht über das Motiv des Mörders - antisemitischer Menschenhass. Zur Rechenschaft aber konnte Behrendt nicht mehr gezogen werden; er starb 1981 im Libanon, angeblich nahm er sich dort das Leben. Und so werden die exakten Hintergründe des Doppelmords von Erlangen wohl nie ganz zu entschlüsseln sein. Denn in dem Prozess, der dieses Kapitalverbrechen aufklären sollte, war das Landgericht Nürnberg-Fürth in den Achtzigerjahren nicht zuletzt auf Aussagen jenes Mannes angewiesen, der die rechtsmilitaristische Wehrsportgruppe aus der Taufe gehoben und sich im fränkischen Unterholz als neue Führergestalt stilisiert hatte: Karl-Heinz Hoffmann.

Hoffmann konnte sich vor Gericht mit großer Geste von der Tat distanzieren

Eine kleine Allee am Flüsschen Schwabach nahe der Philosophischen Fakultät, von hier geht es sanft hinauf zum Haus, in dem Lewin und Poeschke ermordet worden sind. "Lewin-Poeschke-Anlage" steht auf dem Schild an der Brücke; vor ein paar Jahren hat sich der Stadtrat zu dieser Würdigung entschlossen, wenigstens das.

Die Tat gilt als Trauma von Erlangen. Nicht nur, dass da zwei Menschen in ihrer Wohnung offenbar einem der schlimmsten politischen Morde der Nachkriegsgeschichte zum Opfer gefallen sind, und das in Erlangen, dieser liberalen, von Hugenotten geprägten, von Studenten dominierten Stadt. Auch die Umstände nach der Tat gelten inzwischen als Mahnmal. Nach dem Mord ermittelte man "in alle Richtungen", das schon. In den öffentlichen Fokus aber gerieten nicht etwa Neonazis, was ja nahegelegen hätte bei einem Mord an einem Mann, der für alle sichtbar gegen das Wiedererstarken der Nazis gekämpft hatte. In den öffentlichen Fokus geriet zunächst die Israelitische Kultusgemeinde - und eine angeblich zwielichtige Vergangenheit Lewins. Nach dem Mord also: Rufmord.

Es war folglich 1980 in Erlangen schon so, wie es sich 20 Jahre später in Nürnberg bei den Morden des "Nationalsozialistischen Untergrund" wiederholen sollte: Ins Blickfeld gerieten nicht etwa Rechtsterroristen. Sondern das private und berufliche Umfeld der Opfer. Heute beteuern Ermittler, sie hätten aus dem NSU-Versagen ihre Lehren gezogen. Nur hätten sie längst aus dem Fall Lewin/Poeschke lernen müssen, analysiert SZ-Redakteur Ronen Steinke in seinem Buch "Terror gegen Juden".

Zumal ein Indiz schon früh in Richtung "Wehrsportgruppe Hoffmann" hätte deuten können. Diese hatte ihren Hauptsitz wenige Autominuten von der Erlanger Ebrardstraße 20 entfernt, von dort also, wo Lewin und Poeschke mit jeweils vier Schüssen getötet worden waren, nachdem der Verleger arglos die Wohnungstür geöffnet hatte.

Im Haus fanden die Ermittler eine offenbar vom Täter zurückgelassene Sonnenbrille, die eindeutig einer Firma in Heroldsberg zuzuordnen war. Heroldsberg, das war der Ort, von wo aus die "Wehrsportgruppe Hoffmann" eine Zeit lang geführt worden war. Nur handelte es sich bei dieser Truppe, jedenfalls aus Sicht der damaligen Staatsregierung, um harmlose Exzentriker, keine Rechtsterroristen. Man habe erst viele andere Käufer des Brillenmodells "2754/16" als Täter ausschließen müssen, haben Ermittler später erklärt. Sogar nach Südamerika sei das Modell verkauft worden, all diese Fälle abzuklappern, habe Zeit in Anspruch genommen - zumal die Meldung vom Doppelmord mitten in die ausklingende Weihnachtsfeier der Erlanger Polizei geplatzt war, bei Schneefall, gegen 19 Uhr, fünf Tage vor Heiligabend. Am Ende aber, als alle anderen Spuren ausgeschlossen waren, blieb als Besitzerin der Brille eine Person übrig: die Lebensgefährtin von Hoffmann.

Der musste sich erst mehr als drei Jahre nach der Tat vor Gericht verantworten, wurde aber - eine Beteiligung am Doppelmord betreffend - freigesprochen. Schon die Mordwaffe war nicht aufzufinden. Und um den Hergang und das Motiv für die Tat zu rekonstruieren, war das Gericht nicht zuletzt auf Hoffmanns Angaben angewiesen. Behrendt hatte zu den Schüssen von Erlangen vor seinem Tod nie vernommen werden können.

Hoffmanns Version vom Verrückten namens Behrendt, der im Alleingang zwei Menschen erschossen hatte, war so jedenfalls nicht zu widerlegen. Vorgeblich habe sich Behrendt - ehemals bedingungsloser Verehrer des Wehrsportführers - damit "rächen" wollen. Wofür? Für die ganz großen Verschwörung, dafür nämlich, dass das Münchner Oktoberfestattentat von 1980 angeblich seinem "Chef" - dem Wehrsport-Hoffmann - mittelbar in die Schuhe geschoben werden sollte. Und so soll sich Behrendt, der zeitweilig bei Hoffmann wohnte, die Waffe ohne dessen Wissen genommen, die Brille von dessen Lebensgefährtin eigenmächtig eingesteckt und ohne jede Rücksprache oder gar Aufforderung gemordet haben.

Niemals politisch seien die Ziele seiner Truppe gewesen, das wollte er betont wissen

Hoffmann konnte sich vor Gericht mit großer Geste von der Tat distanzieren. Auch konnte er den toten Behrendt als "durchgeknallten Einzeltäter" modellieren, wie der BR-Journalist Ulrich Chaussy in seinem Buch "Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen" formuliert hat. Und er konnte sich verteidigen, dass sein Hirn ja nicht identisch sei mit dem Hirn von Behrendt. Der soll angeblich nach der Tat zu Hoffmann gesagt haben: "Ich hab's ja auch für Sie getan. Sie hätten ja doch nie was gemacht." Hoffmann kam zwar 1984 hinter Gitter, unter anderem konnten ihm Freiheitsberaubung und Verstöße gegen das Waffengesetz nachgewiesen werden. Guter Führung wegen aber wurde er 1989 aus der Haft entlassen.

Danach wurde es stiller um den gelernten Porzellanmaler Hoffmann. Bis er 2011 kundtat, er wolle nun mal seine Sicht der Dinge über die Wehrsportgruppe darlegen, in einer Spelunke in Nürnbergs Südstadt. Wer dem Abend beiwohnte, erinnert sich an einen unwirklichen Auftritt. Hundert Interessierte, so gab Hoffmann kund, hätten sich angekündigt, im Saal hockten aber kaum zwei Dutzend davon. Vor Hoffmann saß ein offenbar alkoholisierter Verehrer, der schwer verständliche Ergebenheitsadressen kundtat, Hoffmann wies ihn scharf zurecht, er möge schweigen.

Und stellte dann seine Wahrheit vor: 1973 habe er etwas tun wollen für die Jugend, ein "volkspädagogisches Experiment" habe ihm vorgeschwebt. Er ließ sich dabei beobachten, wie er junge Männer in Uniformen durchs Unterholz trieb, zugelötete Waffen in der Hand für gemeinsame Kriegsspiele. Niemals politisch seien die Ziele seiner Truppe gewesen, das wollte er betont wissen, und für nationalsozialistisches Gedankengut sei er, Hoffmann, nie anfällig gewesen. In seiner Welt sei es nur so gewesen: Der Reiz von "nostalgischen Uniformen" hätten auch rechtslastige junge Männer in seine Truppe getrieben - und er, Hoffmann, habe das so "toleriert". Bis die Paramilitärs aus der Nähe von Erlangen schließlich verboten wurden 1980.

Mehr als zwei Stunden dauerten Hoffmanns Erzählungen, vom Erlanger Doppelmord aber war praktisch nicht die Rede. Man musste Hoffmann schon unterbrechen, um wenigstens einen Satz zu hören dazu: "Das mit Erlangen war das Schlimmste, was mir hätte passieren können." Hoffmann als Opfer. Wer gehofft hatte, der Ex-Wehrsportchef würde sich an dem Abend dazu äußern, inwieweit auch er Verantwortung trägt für das, was passiert ist, wurde enttäuscht. Verantwortung, zumindest ethische? Kein Wort.

"So weit gehen die Rechtsextremisten also", dachte sich Joachim Herrmann damals

Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister, hatte als Kind mit seinen Eltern in der Nachbarschaft von Lewin und Poeschke im Norden von Erlangen gelebt. Die Kinder spielten auch mal in deren Garten, man besuchte sich gegenseitig, die Eltern tranken Kaffee mit Lewin und Poeschke. Die beiden führten ein offenes Haus und die Nachbarn hielten freundlichen Kontakt. "Wir kannten uns gut, das war ein nettes Verhältnis", erzählt Herrmann.

Später zogen Herrmanns Eltern weg, der Sohn ging an die Uni und studierte. "Ich war ein junger Jurastudent, 24 Jahre alt, als ich vom Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke erfuhr", hat Herrmann kürzlich auf einer Podiumsdiskussion zum Oktoberfestanschlag in München berichtet. Damals habe er sich gedacht: "So weit gehen die Rechtsextremisten also." Seit diesem Anschlag, sagte er, sei ihm die Gefahr von rechts stets bewusst gewesen.

© SZ vom 19.12.2020/van, kafe
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