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Coronavirus in Bayern:Isoliert im Seniorenheim: "Ich habe schon Schiss"

Coronavirus - Würzburg

Betreten auf eigene Gefahr: Wegen neun Todesfällen wird Besuchern mit einem Schild davon abgeraten, das Ehehaltenhaus zu betreten.

(Foto: dpa)

Neun Menschen sind bislang im Würzburger Ehehaltenhaus nach einer Corona-Infektion gestorben. Die übrigen Bewohner müssen in ihren Zimmern bleiben - sie haben Fragen und ein Stück Hoffnung.

Eigentlich wollte Helena Schmidt (Name geändert) spätestens im April das Würzburger Seniorenheim Ehehaltenhaus und St. Nikolaus wieder verlassen. Im Februar ist sie gestürzt und hat sich Unter- und Oberschenkel gebrochen, also kam sie zur Pflege in das Haus im Stadtteil Sanderau. Vor drei Wochen, so hat sie es in Erinnerung, war in dem Haus erstmals von einem Corona-Fall die Rede, vor zwei Wochen kam die Bestätigung. Seither ging alles rasend schnell: Vor gut einer Woche starb ein erster Bewohner des Hauses, der in die Uniklinik Würzburg hatte eingeliefert werden müssen. Seit Freitag hat das Haus nun neun Tote zu beklagen.

Sie alle haben sich mit dem Coronavirus infiziert, hatten Vorerkrankungen und waren mehr als 80 Jahre alt. Knapp die Hälfte aller coronabedingten Todesfälle in Bayern kommt somit aus Würzburg. Genauer gesagt: aus dem Haus des Bürgerspitals. Was da in einem vorgeht als Bewohnerin? "Ich habe schon Schiss", erzählt Helena Schmidt. Zumal bei ihr vergangene Woche Fieber festgestellt wurde und sie unter trockenem Husten litt. Inzwischen weiß sie, dass auch sie sich infiziert hat. Schmidt hatte bis vor kurzem ein Zimmer in der Abteilung des Pflegeheims, in der vermutlich der erste Infizierte zu beklagen war. Und plötzlich, sagt die 80-Jährige, sei man da mitten drin: "Ist nicht ganz einfach."

Ihre Zeitung, die Main-Post, die ihr ins Heim geliefert wird, hat sie am Samstagmorgen noch nicht gelesen. "Sind es jetzt acht Tote?", fragt sie den Anrufer. Neun bereits. Man hört, wie Helena Schmidt tief Luft holt am Telefon. "Das belastet uns halt schon alle sehr hier", sagt sie.

In dem Heim gibt es längst besondere Schutzvorkehrungen. Schon seit anderthalb Wochen galt ein absolutes Besuchsverbot. Die Bewohner wurden isoliert und dürfen ihre Zimmer nicht verlassen. Die Pflegerinnen, erzählt Helena Schmidt, betreten ihr Zimmer nur noch mit Schutzanzügen und Atemschutzmasken. "An ihnen liegt es bestimmt nicht", sagt sie, "die tun wirklich alles, was sie können." Und blieben dabei auch noch "unglaublich nett".

Wie sich das Virus verbreitet haben kann? Die 80-Jährige hat den Humor nicht verloren: "Irgendwie fliegt es." Immerhin tragen auch Reinigungskräfte Schutzkleidung im Heim. Erklären könne man sich das kaum. Höchstens so, dass sich viele infiziert hätten, bevor die Schutzmaßnahmen ergriffen wurden. Und natürlich wolle nun jeder wissen, wer das Virus ins Haus getragen hat. Manche glauben zu wissen, dass es ein Angehöriger war, aus dem Urlaub in Südtirol kommend. Aber wer kann und will das im Nachhinein wissen?

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Die Infektionsquelle sei unbekannt, teilt das Uniklinikum Würzburg mit. Man gehe davon aus, dass die Infektionswelle die Altenpflegeeinrichtung getroffen habe, als Covid-19 "in Deutschland noch eine Rarität war". Man könne nur den Hut ziehen vor dem Heimteam, das "stets selbst auch bedroht ist von der Infektion", erklärt der Ärztliche Direktor der Uniklinik, Georg Ertl. Mehr als 50 Mitarbeiter der Einrichtung - Stand Sonntagnachmittag - sind unter Quarantäne gestellt worden, 27 von ihnen wurden positiv auf das Virus getestet. Per Presseerklärung bat die Einrichtung am Samstagabend alle Medien, von Anfragen abzusehen. Man sei an der "Leistungsgrenze", alle Fürsorge und Kraft des Teams gelte nun den Heimbewohnern. 34 von ihnen, darunter Helena Schmidt, wurden positiv auf Covid-19 getestet, sieben Bewohner wurden in Kliniken untergebracht.

Was das für den Betrieb eines Heimes bedeutet, kann man sich vorstellen. Immerhin hat das Bürgerspital bereits nach dem ersten Fall aus weniger zwingend notwendigen Einrichtungen Personal abziehen können, das nun aushilft. Zwei Bereiche, eine Tagespflege und ein Geriatriezentrum, wurden vorübergehend geschlossen, um sich auf die Krisensituation im Heim konzentrieren zu können. Zusätzlich, so teilt die Stiftung mit, sei "Sanitätspersonal der Bundeswehr" angefordert worden, um die Notsituation zu verbessern. Man hoffe, dieses nun zu erhalten. Auch warte man dringend auf die Lieferung weiterer Schutzmasken und Schutzkleidung, auch Covid-19-Tests würden knapp. "Wir tun unser Bestes", sagt Michael Schwab, Chefarzt des Geriatriezentrums im Bürgerspital, "auch wenn uns die hohe Ansteckungsgefahr vor größte Herausforderungen stellt".

Glücklicherweise ist die Versorgungssituation in Würzburg - das als einer der führenden Klinikstandorte Bayerns gilt - bisher gesichert. Am Uniklinikum müssen derzeit drei Patienten auf der Intensivstation behandelt werden, die Fallzahlen "halten sich noch in Grenzen", sagt eine Kliniksprecherin. Natürlich aber sei "der Kampf der Ärzte" gegen eine Infektion in einem Pflegeheim weitaus schwieriger als in einem rund um die Uhr mit ärztlichem Fachpersonal ausgestatteten Klinikum. Gleichwohl: Der "Schulterschluss aller in der Würzburger Region im Kampf gegen Corona" sei "hoch anzuerkennen und auch berührend", erklärt Klinikchef Ertl. Für Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, ist der Fall ein "Weckruf". Gelinge es nicht, Pflegebedürftige und Helfer zu schützen, so drohe ein "Flächenbrand", der viele Opfer kosten werde, warnt er im Gespräch mit der dpa.

Ein paar Straßen entfernt vom Ehehaltenhaus wohnt Margarete Dürrnagel. An der Pforte gibt sie dieser Tage Besorgungen ab für Bewohner: Lebensmittel oder Drogeriewaren, was gerade notwendig und erwünscht ist. Man klopfe, dann dürfe man die Sachen einem Mitarbeiter geben. "Schon unheimlich", sagt sie, "man hätte sich so etwas nie ausmalen können." Ihr Mann Willi Dürrnagel macht Stadtführungen, eine davon führt zum Ehehaltenhaus, einer Gründung des 13. Jahrhunderts. Vor dem Haus hat er schon darüber referiert, wie dieses einst als Quarantänestation für Menschen mit ansteckenden Krankheiten gegründet wurde. "Beklemmend" sagt er.

Während sie telefoniere, schaue sie in den Innenhof des Heims, "die Magnolien blühen", berichtet Helena Schmidt. Das habe schon etwas Unwirkliches. Zum Glück sei ihr Fieber zuletzt gesunken, sie habe nur noch leicht erhöhte Temperatur, husten müsse sie auch kaum noch. "Mit mir", sagt die 80-Jährige, "geht es aufwärts."

© SZ.de/lfr
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