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Coronavirus in Bayern:In den Heimen wächst die Sorge

Hygienevorkehrungen in Altenheim in München wegen Corona-Virus, 2020

Im Altenheim des städtischen Münchenstifts an der Effnerstraße werden Besucher seit einigen Tagen von Hiweisschildern empfangen.

(Foto: Florian Peljak)

Besuchsverbote, Zimmerquarantäne: Einrichtungen für alte Menschen versuchen ihre Bewohner vor dem Virus zu schützen. In Würzburg ist einer der Senioren nun infolge der Virusinfektion gestorben.

Von Anika Blatz

Das Coronavirus ist in den bayerischen Alten- und Pflegeheimen angekommen. Zwei Bewohner des vom Bürgerspital Würzburg betriebenen Seniorenheims St. Nikolaus sind infiziert. In der Nacht zum Donnerstag ist einer der beiden Infizierten gestorben. Er war mehr als 80 Jahre alt und hatte Vorerkrankungen. Zudem galt er zuvor bereits als pflegebedürftig. Zuletzt wurde er im Universitätsklinikum Würzburg behandelt.

Das Klinikum gab bekannt, dass der Mann auch unter anderen schweren Infektionen gelitten habe. Aus datenschutzrechtlichen Gründen wolle man keine weiteren Auskünfte zu dem konkreten Patientenfall geben. Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Georg Ertl, wies darauf hin, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen sogenannten Hochrisiko-Patienten gehandelt habe. Er soll bereits an einer schweren Erkrankung an der Lunge gelitten haben. Auf die Behandlung insbesondere solch schwerkranker Patienten sei das Universitätsklinikum gut vorbereitet.

Die erste Infektion in dem Würzburger Seniorenheim war am Sonntag bekanntgeworden, die zweite am Montag. "Wir haben seitdem alles verschärft, was es zu verschärfen gibt", sagt die leitende Stiftungsdirektorin des Bürgerspitals, Annette Noffz. Alle 160 Bewohner wurden isoliert. Das bedeutet: Sie dürfen ihre Zimmer nicht mehr verlassen, die Einrichtung hat ein Besuchsverbot erlassen, zum Versorgen werden die Zimmer von den Pflegekräften mit Schutzkleidung betreten.

Die Sorge um die alten Menschen im Land wird größer, und sie ist berechtigt. Denn dem Robert-Koch-Institut zufolge steigt das Risiko einer schweren Corona-Erkrankung stetig an mit dem Alter. Über 80-Jährige sind besonders gefährdet, sie zählen neben chronisch Kranken zur "vulnerablen" Bevölkerungsgruppe. 1885 Pflegeheime mit 126 259 Bewohnern gibt es in Bayern, für sie sind Virusepidemien nichts Neues. "Wir haben in den Einrichtungen immer wieder Infektionswellen, etwa die Grippe oder das Norovirus, und dafür die notwendige Ausrüstung und Konzepte, an die wir uns auch jetzt halten", sagt Monika Strobel, stellvertretende zweite Werkleitung des Nürnbergstift der kommunalen Altenhilfe Bayern.

Doch auch wenn man theoretisch auf derartige Ausbrüche vorbereitet ist und sich an die vorgegebenen Epidemie- und Pandemiepläne hält, ist diese Situation anders: "Es gibt die bekannten Ablaufpläne, aber man kann das Coronavirus nicht mit dem Norovirus vergleichen. Wir müssen die Mitarbeiter mit spezieller Schutzausrüstung ausstatten - im Zweifel nicht nur mit den normalen Masken, sondern mit den der höheren Schutzklassen, und da geht alles zur Neige", sagt Joachim Görtz, Landesgeschäftsstellenleiter des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste.

Das Problem: Es ist schwierig, an Masken zu kommen, sagt Noffz. Bereits vor drei Wochen, als es noch keine Corona-Fälle gab, habe man versucht, Atemschutzmasken der Schutzklassen FFP-3 und -2 zu bestellen, doch es gab keine. Die schwierige Lage konnte man in Würzburg vorerst lösen: Man hat sich untereinander ausgeholfen. Die Stadt habe eine Art Krisenstab gebildet, an dem neben dem Gesundheitsamt auch Heim- und Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäuser beteiligt sind. "Es ist schön zu sehen, dass wir im Moment alle solidarisch zusammenhalten", sagt sie.

Doch was ist, wenn die Vorräte ausgehen? Nicht nur Atemmasken sind von Engpässen betroffen, auch Schutzkittel und Desinfektionsmittel sind schwer zu bekommen. "Momentan haben wir noch Bestand, aber es wird eng", sagt Görtz. "Wenn wir angemessen versorgen wollen, müssen wir ausgestattet sein." Auch Tobias Utters, Sprecher der Caritas Bayern, die 280 Senioreneinrichtungen und 250 Sozialstationen betreibt, spricht von einer angespannten Lage. Der Sprecher des Diakonischen Werks Bayerns, das mehr als 200 Pflegeeinrichtungen und 240 ambulante Dienste betreibt, Daniel Wagner, bestätigt: "Zu angemessenen Konditionen Nachschub zu bekommen, ist schwer. Es ist absehbar, dass es zu Knappheiten kommt".

"Unser Vorrat hält maximal bis Ende nächster Woche"

Woher die Materialien kommen sollen, ist ungewiss. Stefan Frank, Geschäftsführer von Praxis Direkt, einem Hersteller und Lieferanten für Praxis- und Laborartikel in Augsburg, sagt, dass bisher 80 Prozent der Mundschutze aus China kamen. Seit Chinas Exportstopp wisse keiner mehr, wo er die nächste Großlieferung herbekomme und wohin der Preis geht. Derzeit teste man in Malaysia ein in Europa hergestelltes Filtermedium darauf, ob es geeignet sei für Atemmasken gegen das Coronavirus.

Derzeit verkauft Praxis Direkt pro Kunde nur maximal fünf Atemschutzboxen und beliefert nur noch Bestandskunden. "Unser Vorrat hält maximal bis Ende nächster Woche", sagt Frank. Danach? Weiß niemand. Vom bayerischen Gesundheitsministerium wurde den Seniorenheimen zwar Unterstützung zugesagt, "auf Fragen zur Schutzausrüstung hatte man aber keine Antwort", sagt Görtz. Doch nicht nur darum sorgen sich die Heime, sie machen sich auch Gedanken über das Personal.

In St. Nikolaus sind von 70 Pflegekräften derzeit elf in Quarantäne, weil sie Kontakt zu Erkrankten hatten. Eine Mitarbeiterin wurde ebenfalls positiv getestet, bei allen anderen ist es noch eine Vorsichtsmaßnahme. "Das ist gerade eine extrem ungute Situation", sagt Noffz. Auch Strobel denkt an ihren Mitarbeiterstab: "Homeoffice, Abstand halten - all das funktioniert in der Pflege nicht. Und wenn dann noch die Schulen und Kindergärten geschlossen werden und die Eltern zuhause bleiben, fehlt es an allen Ecken und Enden."

Zum Schutz von Bewohnern und Mitarbeitern verhängen Einrichtungen schon Besuchsverbote. Auch St. Nikolaus empfängt keine Besucher mehr: "Die Mehrheit der Angehörigen hat dafür Verständnis", sagt Noffz. Doch gibt Leonard Stärk, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, zu bedenken, dass Besuche fürs Wohlbefinden der Menschen wichtig sind. "Besuchsverbote sind sicher eine Option, die wir prüfen, aber wir sind vorsichtig damit." Stattdessen werde über Schutz- und Hygienemaßnahmen informiert.

Was muss geschehen, um die Situation in den Heimen zu entschärfen? "Wir müssen bei solch wichtigen Gütern eine heimische Produktion anstreben, dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen. Wir dürfen uns nicht auf Atemmasken aus China verlassen", sagt der Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Thomas Beyer. "Wir müssen die Quarantänemaßnahmen für Pflegekräfte, die nicht positiv getestet wurden und keine Symptome haben, lockern und diese Leute arbeiten lassen", sagt Noffz. Frank meint: "Die Menschen sollten aufhören, Desinfektionsmittel und dergleichen zu horten und es denen lassen, die es wirklich brauchen: Arztpraxen, Krankenhäusern, Seniorenheimen."

© SZ vom 13.03.2020/amm/lfr

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