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Corona-Krise:Bayerns Händler entdecken den Lieferservice

Coronavirus - Blumenladen

Viele Geschäfte werben mit ihrem Lieferservice.

(Foto: dpa)

Weil die Geschäfte geschlossen bleiben, werden in vielen bayerischen Städten jetzt alle Waren nach Hause gebracht - mit erstaunlichem Erfolg.

Das Geschäft brummt, und das ist keine Übertreibung. "Wir werden gerade überrannt", sagt Raimund Seibold, der Chef des Augsburger Start-ups Boxbote. Er meint das eher virtuell, die Abstandsregeln halten sie natürlich auch bei Boxbote ein, das über eine eigene Homepage Waren lokaler Händler anbietet und sie noch am selben Tag per Lastenfahrrad ausliefert. Das Angebot gibt es schon länger, nie allerdings war es so gefragt wie heute. Seibold hat auch Anfragen aus anderen Städten: Regensburg, Lindau, dort würden sie so etwas nun ebenfalls gerne aufziehen. "Plötzlich kann es nicht mehr schnell genug gehen", sagt Seibold.

Bayern hat dichtgemacht, Gastronomen und Händler suchen deshalb nach neuen Absatzmöglichkeiten. Es fehlt nicht an Ideen: Spendenaufrufe, Plattformen für Gutscheine. Städte listen lokale Händler auf ihre Homepages, ein Start-up bietet Lieferdienste per Taxi, die ja auch kaum mehr Fahrgäste haben. Vor allem die digitale Entwicklung im Vertrieb verläuft seit ein paar Tagen rasant.

"Ich denke, der Handel entwickelt sich nun in einem Jahr so, wie er es eigentlich in zehn Jahren getan hätte", sagt Boxbote-Chef Seibold und stimmt dabei mit der IHK überein. Wer bis jetzt noch nicht auf Präsenz im Internet gesetzt hat, wird noch größere Probleme bekommen als ohnehin, heißt es dort. Es gibt Händler, denen bricht der Absatz um 90 Prozent ein. Andere halten sich über Wasser, das Geschäft läuft trotz allem noch einigermaßen.

Thomas Zölch-Buba zum Beispiel ist so einer, Geschäftsführer der Buchhandlung Collibri in Bamberg. Er hat sich auf dem Portal "liefert.jetzt" registriert, wo sich mehr als 130 lokale Unternehmen eingetragen haben. Das Portal teilt den Kunden mit, welche ihrer Geschäfte einen Lieferservice anbieten. "Dabei haben wir die Seite vor allem für Menschen ausgelegt, die sonst eher nicht internetaffin sind", sagt Entwickler Maximilian Mäuser von der örtlichen Werbeagentur Jacor. Die Buchhandlung Collibri profitiert davon: "Das war ab dem ersten Tag bemerkbar. Wir konnten unseren Online-Verkauf verzehnfachen. Jetzt ist die erste Woche vorbei und ich bin guter Dinge, dass wir damit einige Wochen überleben können", sagt Zölch-Buba.

Den Handel trifft es noch härter als die Gastronomie, so hat es Matthias Köppel von der IHK Schwaben analysiert. In zehn Tagen sind in Schwaben 19 000 Anträge für die Soforthilfe des Freistaats eingegangen. Doch dieses Geld reicht nicht, deshalb sagt Köppel, dürfe man "nichts unversucht lassen". In mehreren Städten bieten Händler nun über Plattformen Gutscheine an, für später, wenn sie wieder öffnen dürfen. Das bringt kurzfristig Liquidität, aber unter dem Strich auch nicht mehr Einnahmen:

73611 Euro

hat Borussia Dortmund an einem Tag an Spenden gesammelt. Das Geld kommt Gastronomen zugute, die rund um das Stadion angesiedelt sind. Der FC Augsburg setzt nun eine ähnliche Idee um, damit lokale Händler überleben.

Die Gutscheine werden ja auch irgendwann eingelöst. Köppel hält das System trotzdem für eine gute Idee, insgesamt ist der Ausblick aber nicht so rosig: Experten rechnen mit einem drastischen Einbruch der Wirtschaft in diesem Jahr. "Man kann sich ausrechnen, was das in naher Zukunft für die Konsumgewohnheiten der Leute bedeutet." Es gehe deshalb nun darum, kreativ zu sein. Und, betont Köppel, sich nicht darauf auszuruhen, auf Seiten mit lokalen Händlern gelistet zu sein, sondern schon auch für sich über soziale Netzwerke aktiv zu werben.

Auch der Absatz von Gutscheinen ist "überwältigend"

Um die Kreativität im Freistaat, so scheint es, muss sich jedoch niemand Sorgen machen, auch nicht bei den Foodtrucks. Die Gefährte stehen normalerweise in belebten Fußgängerzonen oder verkaufen Essen bei Festivals oder ähnlichen Großveranstaltungen. Durch die Corona-Krise ist das alltägliche Mittagsgeschäft allerdings ausgedünnt, viele Standorte wurden komplett aufgegeben. Deshalb haben sich einige Foodtrucks aus Nürnberg zum Foodtrucks Franken Delivery Service zusammengeschlossen.

Die Idee dazu hatte der Gründer von Foodtrucks Deutschland, Klaus P. Wünsch. Seit vergangener Woche stehen täglich bis zu vier Foodtrucks an einem Platz zusammen und nehmen gemeinsam Bestellungen auf, um diese im Einzugsgebiet Nürnberg/Fürth nach Hause zu liefern. Wünsch erklärt: "Die Trucks stehen alle zusammen, dadurch kann man mit einer Bestellung je nach Appetit von allen etwas ordern." Praktisch ist, dass die Trucker den Lieferservice gleich selbst durchführen können. Das läuft ganz gut, auch wenn es finanziell laut Wünsch an einen normalen Tag nicht rankomme.

So geht es natürlich den meisten Gastronomen und Händlern, aber sie schaffen wenigstens etwas Umsatz - auch die Kinos. Beim Lichtspiel und Odeon in Bamberg erhalten sie viele E-Mails von Kunden, die fragen, wie sie unterstützen können. Theaterleiterin Diana Linz macht deshalb nun den ganzen Tag nichts anderes mehr als Gutscheine einzupacken: Innerhalb von zwei Tagen hat sie so 1000 Euro eingenommen. "Das ist überwältigend", sagt Linz.

Aber auch ohne Gutscheine kann man sein Kino von daheim aus unterstützen. Zum Beispiel auf der Seite "hilfdeinemkino.de". Dort kann man sein Stammkino auswählen und dann online Werbespots schauen. Die Werbeumsätze fließen an das ausgewählte Kino. Der Filmverleih Grandfilm wiederum vertreibt Filme im Netz und gibt die Hälfte der Ausleihgebühr, die Nutzer zahlen, den Kinos ab.

Gerade die kleinen Gastronomen und Händler werben aber auch erfolgreich um Spenden. Die Eckkneipe, der Friseur - in Augsburg ist so eine Idee entstanden: Der Bundesligist FC Augsburg erstellt gerade in Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing eine Homepage, auf der sich lokale Unternehmer präsentieren und ein Spendenziel angeben können - etwa 2000 Euro für das Gehalt des Lehrlings.

Durch die Reichweite des FC Augsburg in den sozialen Netzwerken hofft Ekkehard Schmölz vom Stadtmarketing, einigen Geschäften helfen zu können. Ein bisschen wird so auch der Spieltrieb der Helfer geweckt: In Prozent soll angezeigt werden, wie groß der Betrag ist, der noch fehlt bis zum Ziel. In anderen Städten zeigt sich, dass die emotionale Bindung der Kunden zu einigen Händlern und Gastronomen groß ist: Von Berchtesgaden bis Franken gibt es viele erfolgreiche Aufrufe, ein paar Euro Soforthilfe zu überweisen.

© SZ vom 28.03.2020/lfr
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