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Wahl 2017:Plötzlich im Bundestag sitzen

Lisa Badum von den Grünen hat es endlich in den Bundestag geschafft.

(Foto: privat)

Mit dem Erfolg der kleinen Parteien bei der Bundestagswahl änderte sich das Leben einiger Menschen über Nacht schlagartig - wie bei diesen drei neuen Abgeordneten aus Bayern.

Den ersten zwei Glückwünschen hat Eva Schreiber noch nicht geglaubt. Kann ja gar nicht sein, dachte die 59-jährige Ethnologin aus Allach in München. Also ging sie auch am Montag nach der Bundestagswahl wie immer zum Unterrichten. Während sie die Vor- und Nachteile des Pflegeberufs erläuterte, piepste und summte ihr Handy ohne Unterlass. "Es ist fast explodiert", sagt Schreiber. Da ahnte die Freiberuflerin, dass es vielleicht doch eingetreten ist: das Wunder, wie sie sagt.

Schreiber hatte Platz sieben auf der Bundestagsliste der Linken. Wurde sie am Infostand gefragt, ob sie wirklich Chancen habe, sagte sie: "Nee, eher nicht." Vier Abgeordnete stellte die Linke aus Bayern bis jetzt, sie hofften auf sechs Mandate. Mehr hatten sie noch nie. Platz sieben, das hieß für Schreiber beim Wahlkampf helfen und dann weitermachen wie immer. Wie immer aber ist in ihrem Leben seit der Wahl so gut wie nichts mehr. In der Früh sagte sie ihren Schülern noch "Bis morgen", im nächsten Moment blies sie alle Kurse ab. "Können Sie Berlin nicht verschieben?", fragte ihre Auftraggeberin. Eher nicht.

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Eine Wahl verändert das Land im Großen. Wie, zeigt sich erst allmählich. Im Kleinen spüren Menschen wie Eva Schreiber diese Veränderung sofort. Kandidaten, die lange als chancenlos galten, sind auf einmal Bundestagsabgeordnete, von einem Tag auf den anderen. Die großen Gewinner der Wahl waren die kleinen Parteien. Vor allem bei der Linken, den Grünen, der FDP oder der AfD finden sich die unverhofften Sieger.

Während Schreiber in München noch ungläubig auf ihr brummendes Handy schaute, packte Nicole Bauer von der FDP in Velden bei Landshut schon ihren Koffer. Um halb sieben in der Früh kam die E-Mail: erster Termin in Berlin um 11 Uhr, zweiter um 14 Uhr. "Ich muss nach Berlin!", rief sie durch die Wohnung. Nur wie? Der Zug brauchte zu lang. Flugzeug? Ausgebucht. Also rein ins Auto und los. Um 13 Uhr stand sie vor dem Bundestag. "Das Herz schlägt da ganz heftig", sagt Bauer. Mit höchstens neun Mandaten hatten sie bei der FDP gerechnet. Am Ende hat es für zwölf gereicht und Bauer, 30, gab in Berlin auf einmal Interviews. Dass ihr Mikrofone unter die Nase und Kameras davor gehalten werden, kam bis jetzt eher selten vor.

Bauer ist Ingenieurin für einen bayerischen Automobilhersteller im Bereich Antrieb oder wie sie sagt: "Da, wo das Herz im Motor schlägt." Das Herz ihres Chefs ist wohl erst mal kurz stehen geblieben, als er von Bauers Erfolg gehört hat. "Ich fahr nach Berlin und weiß nicht, wann ich wieder komme", sagte sie am Montag nach der Wahl zu ihm. In einer Woche feiert sie ihren Ausstand. Einen Ersatz zu finden, wird schwer.

Seit acht Jahren ist Bauer Ingenieurin. Bis jetzt waren ihre neuen Projekte eine andere Energiequelle oder ein neues Autobauteil. "Jetzt heißt mein neues Projekt Deutschland", sagt sie. Und ihr neuer Arbeitsplatz: Berlin. Einmal war sie schon dort, mit der Schule in der siebten Klasse. "Coole Stadt", dachte sie damals und fuhr zurück nach Landshut. "Die Großstadt, das ist schon eine ganz andere Welt", sagt Bauer jetzt. Wie die meisten will sie ihre Wohnung im Wahlkreis behalten, um "bodenständig" zu bleiben.

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Die Bayern-Kandidaten der kleinen Parteien in Berlin

Selbst Schreiber von der Linken, die in München wohnt, muss sich an Berlin erst gewöhnen. Und an den Bundestag: "Ein rieeeesiges Gebäude", sagt sie. Altbau, Neubau, Verbindungsgänge, unterirdische, oberirdische, da ein Restaurant, hier eins. Und wo ist eigentlich die Poststelle? "Man weiß ja überhaupt nicht, wie der ganze Kasten läuft", sagt Schreiber, die noch nie in einem Parlament gearbeitet hat.

Bevor sie in Berlin für mehr soziale Gerechtigkeit kämpft und Bauer für mehr Freiheit in der Wirtschaft, bevor sich die beiden darüber in die Haare kriegen können, haben sie erst einmal viele gemeinsame Probleme: Wo gibt es den Ausweis, wo den Schlüssel? Mitarbeiter einstellen für das Büro, eine Wohnung suchen - am Anfang bedeutet der Bundestag weniger Politik und um so mehr Organisation.

Lisa Badum von den Grünen hat es da ein wenig leichter. Die Oberfränkin aus Forchheim hat für einen Bundestagsabgeordneten gearbeitet. Wo die Poststelle im Bundestag ist, weiß sie zumindest. Zweimal hatte sie schon kandidiert, jetzt hat es geklappt. Die ganze Nacht lag sie am Wahlsonntag wach im Bett, den Laptop auf den Knien. Immer wieder rief sie die Seite des Bundeswahlleiters auf, immer wieder musste sie warten. Bis um halb sechs in der Früh. Dann war klar: elf Mandate, sie ist drin. "Man hat einen Traum, aber dass er wirklich wahr wird, ist unbegreiflich", sagt Badum.

Am Sonntag noch angestellt bei einem Ökostromanbieter, am Montag Abgeordnete. Das ging auch für sie, die seit Jahren auf diesen Moment hinfieberte, ein wenig schnell. Als sie im Bordbistro auf dem Weg nach Berlin gefragt wurde, was sie so macht, sagte sie: "Ich wurde gerade gewählt". Das Wort "Bundestagsabgeordnete" ging ihr da noch nicht über die Lippen. Auch dass sie mit 33 Jahren plötzlich Arbeitgeberin ist, fühle sich noch etwas seltsam an. Gerade jetzt nach Berlin zu gehen, findet sie aber besonders spannend. "In so schwierigen Zeiten wie jetzt werden so viele auf die Demokratie schauen wie lange nicht mehr", sagt Badum.

Mit schwierig meint sie wohl den Einzug der AfD in den Bundestag und damit irgendwie auch Johannes Huber. Die für seine Partei nicht untypische Skepsis gegenüber "dem System" ließ den 30-Jährigen am Wahlabend im Rathaus seiner Heimatgemeinde Nandlstadt im Landkreis Freising stehen, um die Stimmauszählung zu kontrollieren. Er entdeckte keine Fehler und konnte es dann auch glauben, dass er es nach Berlin geschafft hat. Dass die AfD mit vierzehn Mandaten in Bayern gleich so stark wird, hatte er vielleicht gehofft, aber nicht erwartet. Am Montag nach der Wahl erledigte der Finanzbuchhalter noch das Nötigste in der Arbeit und setzte sich dann ins Auto nach Berlin.

Die anderen Neulinge erwarten dort erfahrene Abgeordnete mit vielen Tipps. Huber hat das nicht. Macht aber nichts, sagt er. Die AfD-Landesgruppe sei eine "verschworene Gemeinschaft", die sich selbst helfen könne. Und auch die Bundestagsverwaltung behandele sie bewusst freundlich wie alle anderen. Die anderen Parteien aber hätten sich gegen die AfD verbündet. Er erwartet einen harten Kampf. Bevor der am sechsten November mit der ersten Sitzung beginnt, hat er mit seinen Konkurrenten noch eines gemein: Huber sucht noch eine Wohnung in Berlin.

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