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Erdbeben:Warum in Bayern derzeit besonders häufig die Erde grollt

Erdbeben-Alarmsystem

Ein Seismogramm von 2007 in einer Erdbebenstation in Nordrhein-Westfalen zeigt die Ausschläge eines leichten Erdbebens.

(Foto: dpa)
  • In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bebte in Tirol die Erde. Die Erschütterungen waren bis nach Bayern zu spüren.
  • Das Beben wies eine Stärke von 3,9 auf. In den kommenden Tagen sind weitere Erschütterungen zu erwarten.
  • Beben wie das in Tirol sind in ihrer Stärke eine Ausnahme, aber nicht ungewöhnlich. Allein in Bayern gebe es jährlich rund 200 Beben.

Es ist mitten in der Nacht, als plötzlich in der Polizeiinspektion Kiefersfelden Möbel und Gegenstände wackeln. Jürgen Döring war nicht dort, aber die Kollegen der Nachtschicht, sagt er am Morgen danach, seien natürlich überrascht gewesen. "Sämtliche Sachen" gingen einem da durch den Kopf. Die Kollegen liefen also erst einmal ums Haus, um nach dem Rechten zu sehen, vielleicht war ja ein Auto von außen gegen die Wand gefahren. "Doch dann war ziemlich schnell klar, dass es ein Erdbeben war", sagt Döring.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bebte in Tirol die Erde. Nicht lange, ein paar Sekunden nur; doch lange genug, um Eindruck zu hinterlassen. Die Erschütterungen waren bis nach Bayern zu spüren. Allein bei der Polizei in Kiefersfelden gingen rund 20 Anrufe ein. Auch im übrigen Landkreis Rosenheim wurden Menschen aus dem Schlaf gerissen. Augen- und Ohrenzeugen berichten von ruckelnden Betten sowie "komischen Geräuschen", einem Grollen von fern unter der Erde. Schäden oder gar Verletzte sind bislang nicht bekannt. Trotzdem haben sich die Anwohner mit Recht erschrocken. Dabei sind Erdbeben hierzulande keine Seltenheit. In den kommenden Tagen sind sogar weitere Erschütterungen zu erwarten.

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Das Epizentrum haben Seismologen rund fünf Kilometer südöstlich von Kufstein ausgemacht, in der Nähe des Wilden Kaisers. Laut der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) wies das um 1.35 Uhr aufgezeichnete Erdbeben eine Magnitude von 3,9 auf. Die Erschütterungen seien in einem Umkreis von etwa 35 Kilometern spürbar gewesen. Gerade im Bereich des Epizentrums "wurden die Erschütterungen teilweise stark wahrgenommen". Am Mittwoch lagen der ZAMG rund 600 Meldungen vor. Kleinere Objekte hätten sich "etwas verschoben" oder seien umgefallen. Gebäudeschäden seien nicht zu erwarten, in Einzelfällen könnten aber "im Epizentrum Haarrisse" entstanden sein.

Beben wie das in Tirol sind in ihrer Stärke eine Ausnahme, aber nicht ungewöhnlich. Allein in Bayern gebe es jährlich rund 200 Beben, sagt Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium in Fürstenfeldbruck, einer Einrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von diesen seien aber nur drei bis vier so stark, dass man sie ohne Sensoren bemerke. Doch 2019 sei eines dieser "besonderen Jahre" mit "erhöhter Tätigkeit". Tatsächlich hatte es bereits im Frühjahr in Garmisch-Partenkirchen zweimal spürbar gerumpelt. Rund 500 Beben haben die Forscher dort registriert. Einen "Schwarm" nennen Seismologen ein solch gehäuftes Auftreten. Auch damals berichteten Menschen von einem "leichten Grollen" sowie Erschütterungen. Ewa drei bis vier Sekunden habe der Spuk gedauert.

Als Hauptursache gelten tektonische Plattenverschiebungen. Vereinfacht ausgedrückt rückt die afrikanische Kontinentalplatte stetig nach Norden und schiebt die adriatische Platte auf die europäische. Werden die dabei aufgebauten Spannungen zu groß, entladen sie sich ruckartig. Häufig treten die Beben entlang des Alpenbogens von Garmisch nach Bad Reichenhall auf, aber ebenso rund ums fränkische Selb oder im Altmühltal. Hinzu kommen Fernbeben, die in Bayern zu spüren sind, aber anderswo ihren Ursprung haben. In Tirol zählt das Inntal als Hotspot. "Schadensbeben" sind sehr selten darunter, dazu sind die Erschütterungen einfach zu schwach.

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Verglichen mit der Gefahr, die in Bayern von Lawinen oder Hochwasser ausgeht, scheinen Erdbeben nachrangig. Trotzdem finden sich vielerorts Erinnerungen an sie - etwa in der Altstadt von Regensburg. Mit Fassadenstützen oder Ausbuchtungen im Erdgeschoss versuchten Bauherren im Mittelalter, Gebäude auch erdbebensicher zu machen. Ende des 12. Jahrhunderts vermerkten Chronisten eine anderthalb Jahre dauernde Erdbebenserie in Bayern und Österreich: "Das Volk floh mancherorts aufs Feld und wohnte sommers und winters nicht in den Häusern."

Eines der stärksten und nachweislich bayerischen Beben ereignete sich 1915 im Altmühltal. Bilder fielen von den Wänden, vereinzelt zeigten sich Risse im Mauerwerk. Als 1976 ein Beben das italienische Friaul verwüstete und viele Todesopfer forderte, wackelten in München die Häuser gar so stark, dass Menschen auf die Straße rannten. "In den Notrufzentralen der Polizei und Feuerwehr sowie in der Rettungsleitstelle herrschte Hochbetrieb", schrieb damals die SZ: "Die Sicherheitsorgane mussten sich schließlich über den Rundfunk an die Bevölkerung wenden, um die Anrufe zu stoppen."

Wohl bis Freitag müssen Tiroler und Südbayern mit Nachbeben rechnen, der im Boden verbliebenen Restspannung wegen, die sich abbauen muss. Wassermann schätzt, dass ein oder zwei davon an die Stärke des ersten heranreichen könnten. Von den übrigen werden die meisten Menschen also wie üblich nichts bemerken - und hoffentlich gut schlafen können.