Landgericht Bamberg:Vom Chatpartner zum Mordopfer

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Eine 19-Jährige soll einen fast 20 Jahre älteren Mann über ein Datingportal kennengelernt und noch am selben Tag erstochen haben. Ein Motiv könnte die Bewunderung für einen amerikanischen Serienmörder gewesen sein.

Von Olaf Przybilla, Bamberg

Der Fall einer 19-Jährigen aus der Fränkischen Schweiz klingt wie aus einem besonders hanebüchenen Drehbuch. Sie soll sich im Frühling 2021 über ein Datingportal weithin wahllos mit einem Mann verabredet - und diesen aus angeblicher Bewunderung für einen amerikanischen Serienmörder in einen Hinterhalt gelockt haben, um ihn zu töten. Wegen Mordes muss sich die Frau seit anderthalb Wochen an der Jugendkammer des Landgerichts Bamberg verantworten. Und anders als zunächst erwartet, könnte bereits an diesem Mittwoch das Urteil ergehen.

Laut Anklageschrift hat sich die 19-Jährige am Vormittag des 1. Mai 2021 mit einem 39-Jährigen aus Nürnberg zum Sex verabredet - schon am Abend desselben Tages sollte es soweit sein. Die Seite gilt offenbar als Portal für Männer in nicht ganz jungem Alter, die sich mit deutlich jüngeren Sexualpartnerinnen verabreden möchten. Bis zum Tag der Tat gingen bei der 19-Jährigen mehr als 200 Kontakte ein.

Das spätere Opfer, der 39-Jährige, lebte als Wachmann in Nürnberg nicht weit entfernt von der Heimat der 19-Jährigen im Kreis Forchheim. Und er hatte ein Auto. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der fast 20 Jahre ältere Mann die junge Frau in einer kleinen Gemeinde bei Ebermannstadt abgeholt hat, gemeinsam habe man zu einer abgelegenen Hütte aufbrechen wollen. Dazu aber kam es nicht.

Auf einem Feldweg westlich der Bundesstraße 470 soll die 19-Jährige den Mann zum Anhalten veranlasst haben; und dann soll alles sehr schnell gegangen sein. Laut Staatsanwaltschaft stach die 19-Jährige dem 39-Jährigen "völlig unvermittelt" mit einem Campingmesser in den Hals. Er starb nach starkem Blutverlust.

Zuvor aber gelang es dem Mann wohl noch, nach einem Gerangel seiner Angreiferin das Messer abzunehmen. Der 39-Jährige floh in Richtung der Bundesstraße, dort gelang es ihm, Autofahrer auf sich aufmerksam zu machen; danach verlor er das Bewusstsein. Die Anklagebehörde lobt die Rettungskette zwischen Alarmierung und Einlieferung in die Intensivstation als "vorbildlich". Trotzdem erlag der Mann 19 Tage später in der Uniklinik Erlangen seiner schweren Verletzung.

An diesem Mittwoch werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers vortragen, ob auch ein Urteil ergeht, ist offen. Aber selbst wenn das Verfahren bereits zu Ende gehen sollte, dürften anschließend noch viele Fragen ungeklärt sein: Bereits am ersten Verhandlungstag hatte die Angeklagte angekündigt, sie werde keine Angaben machen. Beweismittel aber belasten die junge Frau schwer, darunter eine sichergestellte Sprachnachricht. Wurde der 39-Jährige zum Opfer, nur weil es ihm - im Vergleich zu Dutzenden anderen Chatpartnern der 19-Jährigen - am schnellsten möglich war, in Richtung Forchheim aufzubrechen? Die Staatsanwaltschaft nimmt das so an.

Im Verfahren hat ein psychiatrischer Gutachter der 19-Jährigen - die bereits vor 2021 mehrmals durch psychische Probleme aufgefallen war - laut Frankenpost eine "emotional instabile Persönlichkeitsstörung" attestiert. Die große Leere in ihr habe die junge Frau offenbar inhaltlich zu füllen versucht, in ihrem Fall sei dies wohl die Bewunderung für einen amerikanischen Serienmörder gewesen, dem sie habe nacheifern wollen. Besagter Serienmörder, Ricardo R., war 1989 wegen dreizehnfachen Mordes und elffacher Vergewaltigung von einem US-Gericht schuldig gesprochen worden. Prozessbeobachter registrierten damals mehrere Bewunderer des Kaliforniers, auch weibliche. Er war 2013 eines natürlichen Todes gestorben. Zu Prozessbeginn an der Bamberger Jugendkammer wurden Briefe der 19-Jährigen aus der Haft verlesen, in denen sie eine Familienangehörige um Bilder des US-Mörders bittet.

Im Verfahren hat eine Kriminalbeamtin ausgesagt, in der Tatnacht habe sie die 19-Jährige in einer Klinik überwachen sollen. Diese habe sie in ein Gespräch verwickelt und zum Ausdruck gebracht, es würde ihr leid tun, sollte sie ins Gefängnis kommen. Auf besagter Dating-Plattform habe sie nämlich weitere Männer angeschrieben, denen es ähnlich ergehen solle wie dem 39-Jährigen. Laut Nordbayerischem Kurier soll die Polizistin das im Gerichtssaal mit den Worten kommentiert haben: "Sie erzählte das so, wie wenn sie abends grillen gehen wolle. Als wäre es das Normalste von der Welt, jemanden umzubringen." Die 19-Jährige soll demnach sogar bedauert haben, dass ihr Opfer - zu jenem Zeitpunkt, also dem Abend der Tat - noch gelebt habe.

Als Grund dafür soll die 19-Jährige angedeutet haben, sie sei ihr Leben lang schlecht behandelt worden oder habe schlechte Erfahrungen machen müssen. Tatsächlich hatte sich ihr Freund vor der Tat von ihr getrennt, die junge Frau soll darunter schwer gelitten haben. Ob die Aussage der Beamtin für das Urteil verwertet werden kann, ist allerdings offen. Laut Kurier hat der Verteidiger der 19-Jährigen sich dagegen gewandt, da es sich bei dem zitierten Wortwechsel im Bamberger Klinikum seiner Auffassung nach nicht um ein Gespräch, sondern eher eine verkappte Vernehmung gehandelt habe.

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