Uni Augsburg:Die Studenten sollen später Mut haben zu improvisieren, wenn es im Unterricht nicht nach Plan läuft

Lehrerpersönlichkeiten sollen diese jungen Frauen und Männer werden, solche, die Hattie als Schlüssel zum Lernerfolg der Kinder kürte. Dafür sei entscheidend, wie Pädagogen denken und was sie tun, sagt Zierer. "Nur wenn ich eine innere Haltung habe, kann ich mich an Digitalisierung oder Inklusion wagen, dann gelingt das auch." Die Uni sei keine "Wissensfabrik, wir wollen Menschen zum Nachdenken bringen über ihre Rolle und ihren Beruf". Kernelement dafür ist die Feedbackkultur im Klassenzimmer. Etwas, das noch immer am Selbstverständnis mancher Lehrer rüttelt - das Bild des Lehrers als unumstrittene Koryphäe im Klassenzimmer ist seit Generationen etabliert. Den eigenen Unterricht von Schülern bewerten lassen? Schwer vorstellbar.

Die Feedback-Offensive des ehemaligen Bildungsstaatssekretärs Georg Eisenreich (CSU) löste vor drei Jahren große Widerstände aus. Zierer kann das nicht nachvollziehen: Er fordert mehrmals im Semester mit einem digitalen Bewertungstool die Kritik seiner Studenten ein. Häme oder Rache gebe es quasi nie, die Studenten nähmen die Aufgabe ernst, sagt er. Und diese Erfahrung habe er auch mit Schülern gemacht. "Feedback ist Balsam für jeden Pädagogen, man bekommt ja sonst keinen Applaus." Durch Kritik werde jeder besser, nur Zierers Schrift bleibt der Klassiker unter den Kritikpunkten. Aber er bemühe sich wirklich, sagt der Professor und lacht. Vorbild sein, auch das bläut er in der Vorlesung den Studenten ein. "Immer wenn ich vor der Klasse stehe, hinterlasse ich Spuren", sagt er.

Es bleibt nicht beim Appell. Seit acht Jahren beschäftigt Zierer sich intensiv mit Nachhaltigkeit, fährt jeden Sommer mit Studenten auf die autofreie Insel Spiekeroog und bietet ein Zertifikat für Umweltbildung und Nachhaltigkeit an, das Studenten in drei Semestern erwerben können. Mit 50 Studenten ging es vor einem Jahr los, mittlerweile kann Zierer die Nachfrage kaum mehr erfüllen.

An einem Vormittag im Sommersemester werkeln zwölf Frauen und Männer mit Spaten und Schubkarre am Kanal hinter der Cafeteria. Sie verbringen ihre Freistunde mit Hartmuth Geck und heben Grasnarben-Kacheln aus. Jede Kachel wird untersucht, bevor sie in der Karre landet, nützliche Pflänzchen wieder eingegraben. Neben dem Gewässer soll ein Insektenbiotop entstehen. Semester für Semester legen Studenten eine kleine Wildwiese an. "Jede Gruppe soll diese Erfahrung neu machen", sagt Geck. Für die Studenten ist er "der Hartmuth". Geck ist Angler, Naturkenner und als Mittelschullehrer an Zierers Lehrstuhl abgeordnet. Die Studenten buddeln eifrig, schieben Schubkarren herum und tragen alle paar Minuten Gras zu Geck. Er erkennt Labkraut oder Natterkopf. Die Pflanzen dürfen bleiben. Damit kein Urwald wuchert, mähen Studenten von Hand und lassen das Gras liegen.

Für die Schmetterlingslarven, sagt Geck. "Bienen und Schmetterlinge sind nur ein Teil des Projekts, es geht um viel mehr", erklärt die Studentin Sophia Scheuring. Geck greift ins hohe Gras: "Schauen Sie, diese Traube an Blattläusen ist eine Energiebombe für Meisen." Scheuring nickt. "Ich habe so viel gelernt, das möchte ich weitergeben, wir müssen Multiplikatoren sein." Die Haltungsarbeit scheint zu fruchten. Zierer hat schon neue Ideen: Im kommenden Sommer soll am Kanal ein Seminarraum entstehen - als Gegenpol zur Digitalisierung.

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