Süddeutsche Zeitung

Uni Augsburg:Lehramtsstudium und Persönlichkeitsreifung

  • In Augsburg studieren gut 4500 Frauen und Männer ein Fach auf Lehramt, in unterschiedlichsten Kombinationen.
  • Doch die Studenten sollen nicht nur Stoff pauken, sondern sich mit ihrer eigenen Einstellung auseinandersetzen. Denn wichtig ist besonders die Kommunikation und die Lehrerpersönlichkeit.

Von Anna Günther

Was für ein Lehrer sollen Sie werden? Ein Gärtner nach dem Reformpädagogen Alexander Neill oder ein Bildhauer nach John Locke? Es ist kurz nach acht Uhr am Morgen, die Kaffeebecher dampfen. Klaus Zierer steht im größten Hörsaal der Augsburger Universität und blickt in Hunderte müde Gesichter. Der Schulpädagoge stellt Erziehungsbegriffe vor und Menschenbilder. Seine Frage scheint einige in den Stuhlreihen zu überfordern. Diese jungen Frauen und Männer wollen eines Tages Kinder unterrichten, bis dahin sollten sie zu sich gefunden haben. Zierer, 43, Pendler, ist seit Stunden auf den Beinen und in seinem Element. Diese "Haltungsarbeit" ist ihm wichtig, damit hebe sich die Augsburger Lehrerbildung von anderen bayerischen Unis ab.

Es gibt zwar einen staatlichen Lehrplan für jede Schulart und eine einheitliche Lehramtsprüfungsordnung für alle Universitäten. Sie bilden den Rahmen, in dem die mehr als 34 200 Lehramtsstudenten an bayerischen Unis und Kunsthochschulen ausgebildet werden. Aber jede Uni setzt eigene Schwerpunkte, gefolgt vom Einfluss der Ausbilder im Referendariat. Allein in Augsburg studieren gut 4500 Frauen und Männer ein Fach auf Lehramt, in unterschiedlichsten Kombinationen. Intensiv, wenn sie an Realschulen oder Gymnasien unterrichten wollen. Breiter gefächert, wenn sie Grund- und Mittelschullehrer werden wollen. Zusammen sitzen sie in der Schulpädagogik, für Zierer der "Flaschenhals" der Lehrerbildung.

Teil der Haltungsarbeit sind Erziehungstheorien, seine Studenten müssen sich damit auseinandersetzen, um ihre eigene Einstellung zu finden. Locke und Neill definierten Kinder als formbare Wesen: Gärtner hüten, Bildhauer bearbeiten. Erziehung heute sei dialogisch, sagt Zierer, das hätten Locke und Neill verkannt. Entscheidend sei nicht der neueste Bildungstrend, sondern Kommunikation und die Lehrerpersönlichkeit. Ein guter Lehrer ist für ihn nicht der Experte eines Fachs, sondern der Pädagoge, der Werte vermittelt, hohe Erwartungen an seine Schüler hat und mit ihnen kommuniziert. "In der Verfassung stehen Werte, keine Fächer", sagt er, das müssten gerade Gymnasial- und Realschullehrer lernen. Der gute Lehrer sollte souverän genug sein, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, sich selbst ständig infrage zu stellen und durch Feedback zu testen, ob die Schüler verstanden haben, was sie lernen sollen. Klingt logisch. Im Schulalltag sind diese Ideen noch nicht überall angekommen. Dabei gelten sie als fundamental in der Erziehungswissenschaft.

John Hatties Buch "Visible Learning" schlug 2009 ein, wer "Hattie" bei Google eingibt, erhält 22,4 Millionen Treffer. Hattie erforscht seit Jahren, welche pädagogischen Ideen nachweislich funktionieren und wie Kinder besser lernen. Mittlerweile hat er 1600 Meta-Studien ausgewertet. Zierer übersetzt Hattie, machte ihn im deutschsprachigen Raum bekannt und arbeitet mittlerweile mit dem australischen Erziehungswissenschaftler zusammen. Von diesen Erkenntnissen sollen die Augsburger Studenten profitieren.

In Bildungskreisen mag Zierer berühmt sein, die beiden Studentinnen in der zweiten Reihe hatten seinen Namen vor der ersten Vorlesung noch nie gehört. Sie schreiben eifrig mit, unterstreichen bunt und diskutieren. "Mega Spaß" mache die Vorlesung, sagt die angehende Grundschullehrerin. Ihre Kollegin nickt zustimmend, sie will Mittelschüler unterrichten. Für die Uni Augsburg entschieden sie sich, weil die Stadt "netter ist als München".

Zierer nimmt's sportlich. Wichtiger sei, dass Hatties Wissen an den Schulen ankomme, sagt er. Dafür diktiert er in der Vorlesung Merksätze wie in der Schule. "Ohne Regeln werden Sie im Unterricht keinen Erfolg haben", erklärt der Professor im Hörsaal. Die Studenten notieren. Und Regeln bräuchten einen "argumentativen Unterbau", sie würden nur dann von Schülern akzeptiert, wenn die Kinder diese auch verstehen. Darüber hinaus plädiert Zierer für Mut zur Improvisation, wenn es im Unterricht nicht nach Plan laufe. "Ich habe drei Kinder, ich weiß, wovon ich rede. Wenn die nicht wollen, lachen sie Ihnen auch mal ins Gesicht." Die Studenten notieren in spezielle Hefte. Ist das noch Uni? Zierer winkt ab. Was habe er davon, wenn Studenten etwas falsch mitschrieben? Die Hefte, "Portfolio" genannt, werden eingesammelt und kontrolliert. Wer schlampt, muss nacharbeiten, erst dann wird die Klausur bewertet.

Die Studenten sollen später Mut haben zu improvisieren, wenn es im Unterricht nicht nach Plan läuft

Lehrerpersönlichkeiten sollen diese jungen Frauen und Männer werden, solche, die Hattie als Schlüssel zum Lernerfolg der Kinder kürte. Dafür sei entscheidend, wie Pädagogen denken und was sie tun, sagt Zierer. "Nur wenn ich eine innere Haltung habe, kann ich mich an Digitalisierung oder Inklusion wagen, dann gelingt das auch." Die Uni sei keine "Wissensfabrik, wir wollen Menschen zum Nachdenken bringen über ihre Rolle und ihren Beruf". Kernelement dafür ist die Feedbackkultur im Klassenzimmer. Etwas, das noch immer am Selbstverständnis mancher Lehrer rüttelt - das Bild des Lehrers als unumstrittene Koryphäe im Klassenzimmer ist seit Generationen etabliert. Den eigenen Unterricht von Schülern bewerten lassen? Schwer vorstellbar.

Die Feedback-Offensive des ehemaligen Bildungsstaatssekretärs Georg Eisenreich (CSU) löste vor drei Jahren große Widerstände aus. Zierer kann das nicht nachvollziehen: Er fordert mehrmals im Semester mit einem digitalen Bewertungstool die Kritik seiner Studenten ein. Häme oder Rache gebe es quasi nie, die Studenten nähmen die Aufgabe ernst, sagt er. Und diese Erfahrung habe er auch mit Schülern gemacht. "Feedback ist Balsam für jeden Pädagogen, man bekommt ja sonst keinen Applaus." Durch Kritik werde jeder besser, nur Zierers Schrift bleibt der Klassiker unter den Kritikpunkten. Aber er bemühe sich wirklich, sagt der Professor und lacht. Vorbild sein, auch das bläut er in der Vorlesung den Studenten ein. "Immer wenn ich vor der Klasse stehe, hinterlasse ich Spuren", sagt er.

Es bleibt nicht beim Appell. Seit acht Jahren beschäftigt Zierer sich intensiv mit Nachhaltigkeit, fährt jeden Sommer mit Studenten auf die autofreie Insel Spiekeroog und bietet ein Zertifikat für Umweltbildung und Nachhaltigkeit an, das Studenten in drei Semestern erwerben können. Mit 50 Studenten ging es vor einem Jahr los, mittlerweile kann Zierer die Nachfrage kaum mehr erfüllen.

An einem Vormittag im Sommersemester werkeln zwölf Frauen und Männer mit Spaten und Schubkarre am Kanal hinter der Cafeteria. Sie verbringen ihre Freistunde mit Hartmuth Geck und heben Grasnarben-Kacheln aus. Jede Kachel wird untersucht, bevor sie in der Karre landet, nützliche Pflänzchen wieder eingegraben. Neben dem Gewässer soll ein Insektenbiotop entstehen. Semester für Semester legen Studenten eine kleine Wildwiese an. "Jede Gruppe soll diese Erfahrung neu machen", sagt Geck. Für die Studenten ist er "der Hartmuth". Geck ist Angler, Naturkenner und als Mittelschullehrer an Zierers Lehrstuhl abgeordnet. Die Studenten buddeln eifrig, schieben Schubkarren herum und tragen alle paar Minuten Gras zu Geck. Er erkennt Labkraut oder Natterkopf. Die Pflanzen dürfen bleiben. Damit kein Urwald wuchert, mähen Studenten von Hand und lassen das Gras liegen.

Für die Schmetterlingslarven, sagt Geck. "Bienen und Schmetterlinge sind nur ein Teil des Projekts, es geht um viel mehr", erklärt die Studentin Sophia Scheuring. Geck greift ins hohe Gras: "Schauen Sie, diese Traube an Blattläusen ist eine Energiebombe für Meisen." Scheuring nickt. "Ich habe so viel gelernt, das möchte ich weitergeben, wir müssen Multiplikatoren sein." Die Haltungsarbeit scheint zu fruchten. Zierer hat schon neue Ideen: Im kommenden Sommer soll am Kanal ein Seminarraum entstehen - als Gegenpol zur Digitalisierung.

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Quelle:
SZ vom 16.11.2019/zara
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