Anschlag:Rätselhafte Verbindungen des Täters von Ansbach

  • Mohammad D. ist vor Folter und Misshandlung aus Syrien geflohen.
  • Doch er strandete mittellos in Bulgarien, so berichtete er jedenfalls deutschen Behörden. Erst ein mysteriöser Geldgeber verhalf zur Weiterreise.
  • Hat die Terrormiliz IS den jungen Mann angeworben und gezielt nach Deutschland geschleust? Das gäbe dem Fall eine neue Wendung.

Von Stefan Mayr, Dietrich Mittler, Uwe Ritzer und Annette Ramelsberger

Er spricht mit hastiger, leiser Stimme, so als sollte man es draußen vor der Tür nicht hören. Er hat sich offenbar auf den Boden gesetzt, die Handykamera auf den Knien, die weißen Vorhänge hinter sich zugezogen. Durch die leuchtet die Sonne. Dann legt er los: "Hiermit verkünde ich mein Vorhaben, eine Märtyreroperation in Ansbach, Bayern, durchzuführen." Sie sei die Antwort auf die Bombardierung des "Islamischen Staates" durch den Westen. "Ihr werdet kein Leben genießen, solange ihr den IS bekämpft. Ich schwöre, ihr werdet keinen Schlaf in euren Häusern finden."

Und der Mann, der sich ein schwarzes Fransentuch wie einen Turban um den Kopf geschlungen hat, kündigt gleich neue Anschläge an: "Dieser gesegneten Operation werden andere Operationen folgen. Nächstes Mal wird es kein Sprengsatz sein oder ein Sprenggürtel, sondern Autobomben." So spricht der Mann, der am Sonntagabend den ersten Selbstmordanschlag in Deutschland verübt hat, in der kleinen bayerischen Stadt Ansbach.

Mohammad D., der 27 Jahre alte Flüchtling aus Syrien. Er sitzt bei der Aufnahme seines Bekennervideos ganz offensichtlich in seinem Zimmer im Flüchtlingsheim im ehemaligen Hotel Christl. Zum Schluss ruft er alle Muslime und alle Anhänger des IS in Europa auf, sich an Europa zu rächen: "Fügt ihnen Qual und Leid zu!"

Hinweise, dass D. gezielt nach Deutschland geschickt wurde

Das Video ist nur zwei Minuten und 22 Sekunden lang, und doch enthält es alles, was dem Mann wichtig ist, auch einen letzten Gruß an seine Familie: "Unser Treffpunkt ist im Paradies." Die Bundesanwaltschaft sucht nun nach den Hintermännern des ersten Selbstmordanschlags auf deutschem Boden. "Wir haben die Ermittlungen übernommen, weil wir einen terroristischen Hintergrund der Tat sehen", sagt Frauke Köhler, die Sprecherin des Generalbundesanwalts.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gibt es durchaus Hinweise, dass Mohammad D. gezielt nach Deutschland geschickt worden ist - es könnte sein, dass der IS den verzweifelten Flüchtling anwarb, als er Anfang 2014 in Bulgarien gestrandet war.

D. erzählte seinen Therapeuten, dass er in Bulgarien zunächst zwei Monate im Gefängnis saß, dass er mit Stöcken geschlagen und dann mittellos auf die Straße gesetzt worden sei. Die schlechte Behandlung von Flüchtlingen in Bulgarien ist bekannt. Dann aber wendete sich plötzlich sein Schicksal. "Zu meinem Glück fand ich einen Syrer, der mir einen Flug nach Österreich spendierte", schrieb er. Ein recht mysteriöser Glücksfall, denn kaum ein Syrer in Bulgarien hat das Geld, um einem anderen einen Flug zu zahlen.

Später dann, als D. schon in Deutschland war, bekam er eine Psychotherapie - die nächste Sitzung, auf die D. dringend wartete, sollte am vergangenen Montag sein. Dann bat er aber, so berichtete das Therapiezentrum der SZ, den Termin noch um eine Woche zu verschieben. Dazwischen sprengte er sich in die Luft.

Zu diesen Ungereimtheiten will die Bundesanwaltschaft noch keine Stellung nehmen. "Es wird einige Zeit brauchen, weil wir die Hintergründe sorgfältig aufklären müssen", sagt Sprecherin Köhler.

Was man über die Bombe bislang weiß

Viele Fragen sind ungeklärt: Woher hatte der Mann die Rolle mit 50-Euro-Scheinen, die er bei sich trug? Ein mittelloser Flüchtling, der auch keinen Job hatte? Mit wem hat er vor der Tat so hektisch telefoniert, wie Zeugen berichten? Wo hat er die Bombe gebaut? Und wo hat er das wohl gelernt?

Viel spricht dafür, dass er im Bombenbauen nicht so versiert war. Seine Bombe war nach Informationen der SZ dilettantisch gebaut und entfaltete nicht die volle Wirkung. Sonst wäre seine Leiche noch stärker zugerichtet gewesen, da er den Rucksack mit der Bombe am Leib trug. Die meisten der Opfer wurden durch Glassplitter oder durch Gegenstände verletzt, die durch die Druckwelle umherflogen, nicht aber durch die scharfkantigen Metallsplitter in der Bombe.

So schildert es auch der frühere US-Soldat Ralph Millsaps, der zum Tatzeitpunkt im Garten von "Eugens Weinstube" war, wo Mohammad D. die Bombe zündete. Der frühere GI sprach von einem "Bömbchen" und fügte hinzu: "Es roch nach Diesel. Und die Haut fühlte sich klebrig an." In D.s Zimmer wurde ein Benzinkanister gefunden. Offenbar konnte D. unbemerkt Kanister und Säure dort horten. Ansbachs Oberbürgermeisterin Carda Seidel sagte, das Haus, in dem D. lebte, sei "eine kleine, relativ unkomplizierte Unterkunft". Dort gebe es keine Sicherheitskontrollen wie in den größeren Flüchtlingsheimen.

Immer deutlicher wird, dass der Attentäter wohl unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litt, die er sich durch Krieg und Folter in Syrien zugezogen hatte. Die SZ sprach mit Gisela von Maltitz, der Geschäftsführerin des Therapiezentrums "Exilio" in Lindau, wo D. von Mai 2015 bis Januar 2016 behandelt worden war. "Herr D. berichtete uns von schwerster Folter in syrischen Gefängnissen", sagt Maltitz. "Er wurde persönlich gefoltert, wurde psychisch und physisch misshandelt, wurde Zeuge von Tötungen anderer, Ohrenzeuge von Folter anderer Gefangener. Des Weiteren verlor er seine Ehefrau und sein Kind durch einen Bombenangriff."

Der Flüchtling wurde dann auch in Deutschland auffällig. Er ritzte sich die Arme blutig, zerschlug ein Waschbecken. Zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Als sein Asylantrag abgelehnt wurde, weil er schon in Bulgarien Asyl bekommen hatte, drohte er, sich vor dem Bundesamt Zirndorf mit Benzin zu übergießen und sich anzuzünden. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Er blieb dort fünf Monate. Danach begann seine ambulante Therapie.

Es ist bekannt, dass die Terrororganisation Islamischer Staat sich verzweifelter, psychisch labiler Menschen bedient. Immer wieder wurden auch geistig behinderte Menschen als Selbstmordattentäter losgeschickt. Dass Mohammad D. im Jahr 2014 in Bulgarien verzweifelt war, das lässt sich gut nachvollziehen. Er hatte - belegt durch Röntgenaufnahmen - mehrere Granatsplitter in den Beinen und Knien, die ihn ständig schmerzten.

Ein Arzt in Sofia wies ihn mehrmals ins Krankenhaus ein, doch jedes Mal wurde der Flüchtling wieder weggeschickt. Zwischendurch erfuhr er nach eigenen Angaben, dass auch seine Eltern in Syrien in Haft waren. Erst in Österreich und dann in Deutschland wurde ihm geholfen. In Wien wurden seine Knie operiert, in Deutschland seine Psyche behandelt. Und er hatte ein, wenn auch kleines, Zimmer in einem Hotel.

Gisela von Maltitz weiß mittlerweile auch um das Bekennervideo, auf dem D. mit weiteren Anschlägen droht. "Es ist schwer nachvollziehbar, was Mohammad D. da auf dem Bekennervideo von sich gibt", sagt sie. "Dass er Deutsche töten möchte. Das klingt schon sehr auswendig gelernt für mich. Der Satz passt einfach nicht auf ihn."

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