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Wittelsbacher Land:Die Wiege Altbayerns

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Maria Birnbaum, eine Perle des Wittelsbacher Landes.

(Foto: Imago)

Das Wittelsbacher Land vereint monarchischen Glanz mit historischen Gründerstädten

Dem Freistaat Bayern mangelt es keineswegs an Regionen, die seine Attraktivität in starkem Maße mehren. Ins touristische Licht gekehrt aber werden meistens nur Regionen wie das Oberland, die Alpen und die Seenlandschaften, die unter dem Ansturm der Ausflügler bereits ächzen und stöhnen. Die westlich von München gelegenen Landstriche führen dagegen eher ein Schattendasein, obwohl auch sie einen Glanz ausstrahlen und eine hohe Verweilqualität besitzen. Davon künden nicht zuletzt klangvolle Namen wie etwa das "Wittelsbacher Land", in dem sich die große Geschichte des Landes förmlich ballt. Immerhin steckt in dieser Benennung der Name jenes Geschlechts, das in Bayern 738 Jahre lang regiert hat.

In der Regel werden die nach wie vor existierenden Wittelsbacher mit der Stadt München und mit den Königsschlössern in Verbindung gebracht, aber ihre Wurzeln liegen eben nicht dort, sondern im Münchner Westen. Ihr Stammsitz war die nahe der Stadt Aichach gelegene Burg Wittelsbach, die allerdings geschleift wurde. An deren einstiger Stelle steht heute eine wunderbar ausgestattete Burgkirche.

Im Großen und Ganzen bedeckt das Wittelsbacher Land die Fläche des schwäbischen Landkreises Aichach-Friedberg, in dem sich erstaunlich viele historische Plätze mit einem Bezug zu den Wittelsbachern finden. Das Wittelsbacher Schloss, Schauplatz der aktuellen Landesausstellung "Stadt befreit" prägt die Herzogstadt Friedberg. Eine Zier ist auch das Sisi-Schloss in Unterwittelsbach, einem Stadtteil von Aichach. Es gehörte einst Sisis Vater, dem Lebemann Herzog Max, der mehrere Jagdschlösser sein eigen nannte. Natürlich wird sich die junge Sisi dort öfter aufgehalten haben, bevor sie unter die Knute des Wiener Hofs geriet, wo sie eine Existenz als kreuzunglückliche Kaiserin führte.

Kaiserin Sisi wird 175

Die junge Sisi verweilte oft in Maria Birnbaum. (Ölgemälde von F.X. Winterhalter)

(Foto: dpa)

Die gewaltige Vergangenheit, die sich in dieser Region manifestiert, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich beim Wittelsbacher Land um eine Erfindung neueren Datums handelt. Viele haben den Begriff schon mal irgendwo aufgeschnappt, aber nur wenige können auf Anhieb erklären, was darunter zu verstehen und wo dieses Land zu verorten ist.

Tatsächlich ist auch der Landkreis Aichach-Friedberg kein althistorisches Relikt, sondern ein Ergebnis der Gebietsreform von vor 40 Jahren. Es lässt sich nicht bestreiten, dass dort zwei Kräfte zusammengezwängt wurden, die nicht auf Anhieb zusammenpassten. Der neue Bindestrich-Landkreis wurde aus zwei Landkreisen gebildet, deren kulturelle Verschiedenheit unbestreitbar war. Aichach ist eine altbayerisch geprägte Stadt, was schon der mundartliche Eigenname Oacha verrät, Friedberg ist schwäbisch geprägt und nach Augsburg hin orientiert. Kein Wunder, dass man anfangs fremdelte, die Alten tun es bisweilen immer noch. Erst in der heutigen Generation lösen sich die Antipathien langsam auf, sagt Wolfgang Müller, Sprecher des Landratsamts und wandelndes Lexikon zur Geschichte des Landkreises und des Wittelsbacher Landes.

Mittlerweile ist es eher so, dass der alte kulturelle Unterschied zwischen Aichach und Friedberg von einer wirtschaftlichen Teilung abgelöst wurde. Auch Müller verhehlt nicht, dass es neuerdings ein Süd-Nord-Gefälle gibt. Vor allem der Süden des Landkreises hat einen starken wirtschaftlichen Aufschwung genommen, was vor allem der Bahnlinie München-Augsburg zu verdanken ist. Ortschaften wie Kissing und Mering sind schon deshalb stark gewachsen, weil der Baugrund erschwinglich war und weil man von dort aus mit dem Zug in erstaunlich kurzer Zeit den Münchner Hauptbahnhof erreicht. Im Norden gelegene Ortschaften wie Pöttmes und Baar seien dagegen "natürlich gewachsen", wie es Müller diplomatisch ausdrückt. Konkret heißt das: Dort verläuft die Dynamik eher flau, junge Menschen neigen zum Wegzug.

Schloss in Friedberg.

(Foto: Reinhold Ratzer)

Der Begriff Wittelsbacher Land kam in den 90er-Jahren auf, als die Frage im Raum stand, wie man den emotional gespaltenen Landkreis zusammenführen und wie man eine gemeinsame Basis für den Tourismus in dieser reizvollen Landschaft herstellen könnte. Zu den Besonderheiten der Region gehören neben den Schlössern die herausragenden Wallfahrtskirchen. Ein Wahrzeichen ist die außergewöhnlich konstruierte Wallfahrtskirche Maria Birnbaum, ein Kleinod, das in Deutschland seinesgleichen sucht. "Wir konkurrieren aber nicht mit den oberbayerischen Tourismusorten", sagt Müller. Er sieht das Wittelsbacher Land mit seiner Nähe zu München und Augsburg als Ziel für Tagesausflüge und Kurzurlaube. "Hier gibt es keine Staus, alles ist bestens erschlossen, dazu die sympathischen Innenstädte von Aichach und Friedberg."

Dass die beiden Städte die Landesausstellung zum Thema Städtegründungen ausrichten dürfen, lag auf der Hand. Sie sind typische Gründerstädte: Aichach als Verwaltungssitz und Handelsort, Friedberg zusätzlich als Festung an der schwäbischen Grenze. Peter Wolf, Historiker und Kurator der Landesausstellung, definiert das Wittelsbacher Land als "grob gesagt die Landschaft im Grenzraum zwischen Altbayern und Schwaben, die von Aichach und Friedberg dominiert wird, zwei Gründerstädten, die in der Ausstellung immer wieder auftauchen". Das Haus der Bayerischen Geschichte bezeichnet das Wittelsbacher Land in seinem neuen Magazin sogar als die "Wiege Altbayerns". Das kann mit Sicherheit keine andere schwäbische Region von sich behaupten.

Die Landesausstellung "Stadt befreit" im Schloss in Friedberg und im FeuerHaus in Aichach ist vom 10. Juni an täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

© SZ vom 30.05.2020

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