Russische Ansprüche Wem gehört der Nordpol?

Ein Greenpeace-Aktivist schwenkt im April 2013 eine Flagge mit der Aufschrift "Rettet die Arktis".

(Foto: Christian Aslund/AFP)
  • Russland beansprucht in der Arktis ein Gebiet für sich, das doppelt so groß ist wie Frankreich.
  • Auch die anderen Arktisanrainer stecken derzeit ihre Claims im Eismeer ab. Am Ende soll eine UN-Kommission über die Ansprüche entscheiden.
  • In dem Gebiet werden große Rohstoffvorkommen vermutet. Die Anrainerstaaten möchten diese ausbeuten. Umweltschützer fordern dagegen seit Jahren die Einrichtung einer Schutzzone um den Nordpol.
Von Gunnar Herrmann

Die Nachricht hört sich ein verrückt an: Russland beansprucht in dieser Woche bei den Vereinten Nationen ein Gebiet in der Arktis, das 1,2 Millionen Quadratkilometer groß ist, fast doppelt so groß wie Frankreich. Bedrohlich klingt das, nach Moskauer Großmachtphantasien. Dabei ist die Nachricht eigentlich nur eine kleine Statusmeldung in einem großen diplomatischen Spiel, das bereits seit Jahren rund um den Nordpol gespielt wird. Es heißt: Wem gehört das Eismeer? Und wem gehören die sagenhaften Rohstoffreserven, die dort vermutet werden? Nicht nur Russland spielt dieses Spiel mit hohem Engagement.

Groß sind dabei nicht nur die Flächen, um die es geht, sondern auch der Aufwand, mit dem die fünf Arktis-Anrainer den "Wettlauf um die Arktis" inszenieren. Der aktuelle russische Vorstoß ist da im Vergleich zu früheren Aktionen geradezu ein Muster an Bescheidenheit. Dänische und kanadische Minister ließen schon ihr Militär mit Helikoptern anrücken, um sich auf die strategisch wichtige Insel Hans zwischen Grönland und Kanada fliegen zu lassen. Der Streit um die Insel schwelte jahrelang. Russland schickte 2007 sogar einen Eisbrecher zum Nordpol. Die von Moskau entsandten Forscher bohrten ein Loch ins ewige Eis und ließen ein U-Boot zu Wasser, das schließlich in über 4000 Metern Tiefe ein russisches Fähnchen auf dem Meeresgrund absetzte. "Der Nordpol gehört uns!", sollte das Nationalsymbol signalisieren.

Der spektakuläre Wettstreit hat einen komplizierten und weniger schlagzeilenträchtigen Hintergrund: die 1994 in Kraft getretene Seerechtskonvention der Vereinten Nationen. Ihr zufolge kann ein Staat das von ihm beherrschte Meeresgebiet unter bestimmten Voraussetzungen erweitern. Standardmäßig gilt ein Streifen von 200 nautischen Meilen (etwa 370 Kilometern) vor der Küste eines Staates als "Exklusive Wirtschaftszone", unter anderem kontrolliert der Staat dort die Ausbeutung von Rohstoffen. Der Seerechtskonvention zufolge kann diese Zone erweitert werden, wenn etwa ein unterseeisches Gebirge als Teil der Landmasse betrachtet wird und über die 200-Meilen-Zone hinausragt. Historisch betrachtet ein großer Fortschritt: Früher führten Länder Krieg um die Frage der Grenzziehung, heute sollen Geodaten und Experten entscheiden. Die Länder müssen nur ihre Claims abstecken - das ist es, was derzeit geschieht.

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Nun ist das Polarmeer voll von unterseeischen Gebirgen. Und die Arktisanrainer haben in den vergangenen Jahren eine Menge Forschungsmissionen bezahlt, um sie möglichst genau zu kartografieren. Die Geodaten bilden die Basis für Gebietsansprüche. Die kann ein Staat bei einer UN-Kommission in New York anmelden, die schließlich entscheidet, wo genau im Meer die Zonengrenze verläuft. Neben Russland beanspruchen auch Norwegen, Kanada und Dänemark (für seine halbautonome Insel Grönland) bereits große Gebiete im Eismeer für sich. Die USA haben auch schon Daten vor Alaska gesammelt, allerdings konnten sie noch keine Gebietsansprüche anmelden, denn sie haben die Seerechtskonvention noch nicht ratifiziert - was unter anderem damit zusammenhängt, dass viele Republikaner den Vereinten Nationen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen.

Umkämpfte Arktis: Im August 2007 setzte ein U-Boot ein Russisches Fähnchen am Nordpol ab - in mehr als 4000 Metern Tiefe.

(Foto: AP)