Maischberger-Talk Wie man die AfD packen muss

Die panische Ungläubigkeit im Umgang mit den Rechspopulisten ist endlich vorbei. Die Talkrunde bei Maischberger treibt AfD-Mann Gauland in die Enge.

TV-Kritik von Hannah Beitzer

Es ist dann doch wieder Winfried Kretschmann, der Landtagswahl-Supermann mit Mecki-Frisur, der in der Talkrunde von Sandra Maischberger für zaghaft positive Gefühle sorgt. Als "Wunder" führt ihn die Redaktion in einem Einspieler vor, als Über-Grünen, der seiner Partei längst entstiegen ist. "Ich schätze an Herrn Kretschmann, dass er keinen moralischen Rigorismus betreibt", lobt der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann den baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki versteigt sich gar in einer Erklärung à la: Der Kretschmann sei doch gar kein echter Grüner. Was aus seinem Mund zweifelsfrei ein Kompliment ist.

Pragmatisch, ehrlich, heimatverbunden - so beschreibt ihn die Runde, der neben Oppermann und Kubicki noch die grüne Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke, Linken-Ikone Sahra Wagenknecht, die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und der AfD-Politiker Alexander Gauland angehören. Thema war allerdings eigentlich: "Deutschland vor dem Super-Sonntag - Merkels Schicksalswahl?" Denn am Sonntag wird in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gewählt.

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Außer Kretschmann, so kommt es in der Sendung rüber, hat niemand wirklich was zu lachen: Die CDU nicht, die mit der Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin hadert. Die SPD nicht, die gerade beweist, dass es vom angenommenen Tiefpunkt immer noch ein Stück tiefer geht. Die Vertreter beider Parteien teilen mit den anderen Anwesenden das Erschrecken darüber, wie gut die Alternative für Deutschland inzwischen abschneidet. 19 Prozent könnten es für sie in Sachsen-Anhalt werden, mehr als für die SPD. Die AfD, sie ist wohl nach diesen Landtagswahlen endgültig eine feste Größe im politischen Deutschland. Auf Jahre.

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Das bereitet natürlich dem anwesenden AfD-Politiker Alexander Gauland Freude. Er prophezeit etwa der Union einen "Zersetzungsprozess". Und macht sich einen Spaß daraus, in Sachen Obergrenze für Flüchtlinge, Türkei- und Russland-Politik seine Nähe zu Sahra Wagenknecht zu betonen, die das wenig amüsant findet.

Dennoch ist die Sendung keine Siegesstunde für Gauland. Denn die stets etwas panisch wirkende Ungläubigkeit, mit der die etablierte Politik der AfD zu Beginn ihres Aufstiegs begegnete, ist längst einer gewissen Routine im Umgang mit den Rechtspopulisten gewichen. Alle wissen inzwischen besser, wo man sie packen muss. Sandra Maischberger etwa spielt Gauland Videos von Auftritten des umstrittenen AfD-Politikers Björn Höcke vor, in denen er Demonstranten anstachelt. "Sie nennen Björn Höcke einen klugen Mann. Ist das Ihr Ernst?", fragt sie ohne hörbare Aufregung in der Stimme.

"Ich kenne Herrn Höcke persönlich und weiß, dass das ein Mensch ist, der an den Verhältnissen in Deutschland leidet", sagt dieser. Und: "Höcke ist kein Rassist und kein Rechtsradikaler." Daraufhin entgegnet Grünen-Politikerin Lemke seufzend: "Mich nervt total dieses Muster, dass auf der Straße die Menschen mit Hass und Hetze vollgepumpt werden und dann in Talkshows versucht wird zu relativieren." Es sei geradezu lächerlich, wenn ein bekannter Hetzer wie Björn Höcke zum Opfer der Verhältnisse gemacht werde.

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Sahra Wagenknecht lehnt sich zu Gauland und sagt: "Ich finde es völlig nachvollziehbar, dass Sie wegen der Euro-Politik mit der CDU gebrochen haben." Aber was sein Parteifreund Höcke mache, sei "offener Rassismus". Damit bereite die AfD den Boden für eine Stimmung, die letztlich zu brennenden Asylbewerberheimen führe. Und Kramp-Karrenbauer bescheinigt der Politik der AfD: "Das hat nichts mit der CDU zu tun. Nichts mit Konrad Adenauer. Nichts mit Helmut Kohl. Und schon gar nichts mit Angela Merkel."

Was ist der Grund für den Aufstieg der AfD?

Das alles macht die AfD bei den Wahlen natürlich nicht weniger gefährlich für die etablierten Parteien - den Ton und Ablauf der Sendung aber ein Stück weit angenehmer. Sprachlosigkeit, Fremdschäm-Momente im Gespräch mit AfD-Politikern: gibt es nicht mehr so oft wie zu Beginn. Was es aber mehr denn je gibt: Die unangenehme Frage, woher denn die ganzen AfD-Wähler kommen. Sind für den Aufstieg der Partei Versäumnisse in der Sozialpolitik verantwortlich, wie es Grüne und Linke glauben? Die immer komplizierter werdende Weltlage? Oder doch Angela Merkel, die den Konservativen Identifikationsmerkmale wie die Wehrpflicht nahm, wie es Thomas Oppermann bei Maischberger suggeriert?

Nur die eine, schmerzhafteste Frage tasten die Politiker nicht wirklich an: Was ist, wenn viel zu viele Deutsche einfach grundsätzlich keine Ausländer mögen? Und die anderen ihren Rassismus nicht bemerken, solange es keine Asylbewerberheime zum Anzünden, keine Flüchtlinge zum Beschimpfen gibt? Diese Frage war vielleicht sogar der eher pessimistischen Runde bei Maischberger zu deprimierend.

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