Kriminalpsychologie Was Forscher über Nachahmungstäter wissen

Polizisten am Tatort in Ansbach

(Foto: REUTERS)

Würzburg, München, Ansbach - drei Taten folgen in Bayern direkt aufeinander. Wissenschaftler haben in Daten von Amokläufen ähnliche Muster entdeckt.

Von Ronen Steinke

Der Amokschütze von München war offenbar vor seiner Tat einmal nach Winnenden gepilgert, an den Tatort des Amoklaufs vom 11. März 2009. Der Amokschütze von Winnenden wiederum hatte auf seiner Festplatte, wie die Polizei damals herausfand, Videobilder vom Amoklauf an der amerikanischen Columbine High School am 20. April 1999 gespeichert, einschließlich Datum und Uhrzeit.

Nur zwei Tage nach der Schießerei in München zündet ein Syrer einen Sprengsatz in Ansbach. Es ist natürlich schwer, aus der Ferne über mögliche Nachahmungseffekte Aussagen zu treffen. Es bleibt ja immer die Frage, was zuerst kam: der Entschluss zur Tat, oder das Interesse für die Taten anderer. In Deutschland gibt es noch kaum belastbare Forschung dazu. Dafür sind die Fallzahlen zu niedrig, was man ja nicht bedauern kann.

Und gewiss: Die Aufklärung besonders der Tat in München steht erst am Anfang, auch in Ansbach laufen die Ermittlungen noch. Wegen der zeitlichen Nähe zu München und dem Axt-Attentat in einem Würzburger Regionalzug steht hier ebenfalls die Vermutung im Raum, dass Nachahmung eine Rolle gespielt haben könnte.

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Über die psychologische Dynamik von Amok-Schießereien - das heißt, Verbrechen von Einzelnen, die töten, nur um zu töten und sich so der Welt mitzuteilen - weiß man inzwischen aber doch einiges mehr, und einiges davon wird nun auch für Deutschland auf traurige Weise relevant. In den USA sind die Fallzahlen sehr viel höher, dort werden Amok-Schießereien seit einigen Jahren mit großer Dringlichkeit untersucht, und dabei treten Muster zutage.

Die meisten und gründlichsten Spurensuchen in den Datenbergen zu Amok-Schießereien hat die in Arizona lehrende Statistikerin Sherry Towers unternommen. Sie zeigt: Amokläufe an Schulen, in Kinos oder in Gemeindezentren ereignen sich nicht gleichmäßig über die Jahre verstreut wie andere Verbrechen. Sondern es gibt immer wieder kleinere Wellen von ihnen.

Nach einem Amok-Verbrechen, so schrieb Towers in einem im Juli 2015 veröffentlichten Fachaufsatz gemeinsam mit vier Ko-Autoren, gebe es durchschnittlich 13 Tage lang ein messbar - um 22 Prozent - erhöhtes Risiko von weiteren Amoktaten im Land. Erst danach sinke die Wahrscheinlichkeit wieder. Vierzig Prozent der Taten, so zählt die Wissenschaftlerin, folgten unmittelbar auf eine andere Tat in den zwei Wochen zuvor. Und einzelne, besonders spektakulär in Szene gesetzte Amok-Schießereien schienen sogar Trends zu setzen: Nach dem Massaker in einem Kino in Aurora am 20. Juli 2012 etwa schlugen gleich zwei weitere Schützen in Kinos zu, einer in Louisiana, einer in Tennessee, beide innerhalb von nur zwei Wochen.

Kriminalpsychologen appellieren, das Spiel der Amoktäter nicht mitzuspielen

Towers interessiert sich als Statistikerin für das Phänomen der Ansteckung, sie hat früher mit der gleichen Akribie auch Grippewellen untersucht. Bei Grippewellen ist es das Virus, das die Verbindung zwischen den Erkrankten herstellt. Dort setzt dann auch die Gegenstrategie an. Bei Amok-Wellen, bei denen sich Täter ohne jeden persönlichen Kontakt zueinander "anstecken" lassen, sind es Medien, über welche die Täter voneinander hören.

Die eigentlich brisanteste These Towers': Je umfangreicher die Medienberichterstattung, desto wahrscheinlicher, dass einer der sehr seltenen, nachahmungsgeneigten Menschen im Publikum angesprochen werde. Je plastischer, je Actionfilm-hafter die Reportagen ausfallen, je mehr eine Identifikation mit dem Täter dadurch möglich werde, umso höher das Nachahmungsrisiko. Überraschend wäre ein solcher Effekt nicht. Es gibt ähnliche Erfahrungswerte zur Berichterstattung über Suizide, weshalb Zeitungen in den USA und Deutschland Ehrenkodizes und Selbstverpflichtungen entwickelt haben, sich hier mit plastischen Details zurückzuhalten.

Auch in Deutschland appellieren Kriminalpsychologen immer wieder, nicht das Spiel der Amoktäter mitzuspielen, ihrem Narzissmus nicht noch Futter zu geben, ihre Gesichter zu verpixeln oder zumindest nicht ihre vollen Namen zu nennen.

Als 2011 ein Mann auf der norwegischen Insel Utøya Dutzende Menschen erschoss, gab es hinterher durchaus ein Innehalten: Sollte man dem Täter, der das Licht der Kameras nun derart zu genießen schien, die Bühne bereiten?, diskutierten manche Journalisten. Der Damm riss dann freilich recht schnell, heute ist der Utøya-Attentäter ein bekanntes Gesicht weltweit, ein "household name", wie man in den USA sagt, er hat erreicht, was er wollte. Ein für vermurkst gehaltenes Leben, eine Existenz als Verkannter - und dann plötzlich Aufmerksamkeit. Das Manifest des Utøya-Täters, ein Troll-Werk von 1500 Seiten, fand nur durch die Wucht seiner Bluttat den Weg zu einer Öffentlichkeit, bis hinein sogar in Feuilletons. Jetzt hat der Münchner Amokschütze genau am fünften Jahrestag von Utøya losgeschlagen und auf seinem Computer seinerseits einen solchen Text hinterlassen.

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