Auf der Straße Chancenlos

15 Obdachlose fanden 2017 im Haus Schlickenrieder in der Münchner Straße eine vorübergehende Bleibe. Aktuell sind dort elf Platze belegt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Zahl der Wohnungslosen steigt. Die Caritas-Obdachlosenhilfe in Wolfratshausen fordert daher mehr Sozialwohnungen, um drohende Obdachlosigkeit von Geringverdienern abzuwenden und anerkannte Asylbewerber unterzubringen.

Von Katharina Schmid

17 Räumungsklagen hat es im vergangenen Jahr in Wolfratshausen gegeben. Zwölf Zwangsräumungen wurden durchgeführt. Damit steigt die Zahl derer, die gezwungen wurden, ihre Wohnungen aufzugeben, erneut. Im Jahr 2016 waren es noch zwölf Klagen und sechs Räumungen gewesen. Die Zahl der Zwangsräumungen hat sich damit verdoppelt. Das berichtete Ines Lobenstein, Leiterin der Caritas-Obdachlosenhilfe, am Donnerstagabend in ihrem Jahresbericht dem Ausschuss für Kultur, Jugend, Sport und Soziales. Lobenstein kritisiert vor allem die steigenden Mietpreise und den damit einhergehenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum. "Der Geldbeutel entscheidet", sagt sie. "Polizisten, Krankenschwestern, Erzieher - sogar sie finden teils keine bezahlbare Wohnungen mehr."

211 Haushalte haben im Jahr 2017 die Beratung der Caritas Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen. Durch eine engmaschige Betreuung, Zusammenarbeit mit Ämtern, das Aufstellen von Haushaltsplänen habe für sie eine drohende Obdachlosigkeit verhindert werden können. Dennoch waren 2017 insgesamt 33 Menschen in einer der drei Notunterkünfte in Wolfratshausen untergebracht, darunter auch ein Kind. Im Haus Schlickenrieder an der Münchner Straße wurden 15 Personen vorübergehend oder dauerhaft betreut. In der Sauerlacherstraße und im Steghiaslweg fanden zwölf beziehungsweise sechs Personen ein Dach über dem Kopf. Dort hat die Stadt insgesamt fünf Wohnungen angemietet.

Obdachlose Männer und Frauen halten sich in Wolfratshausen mittlerweile fast die Waage. Immer öfter müsse sie heute alleinerziehende Frauen betreuen, so Lobenstein. Ein Grund dafür sei auch, dass Menschen heute nicht mehr nur aus vermeintlich typischen Problemen wie Alkoholismus in die Obdachlosigkeit rutschen. Viele der Wohnungslosen hätten "mit mehr oder minder schweren psychischen Problemen zu kämpfen". Das seien zwar auch Suchtprobleme, so Lobenstein, hinzu kämen aber oft die Folgen von Psychosen. Oft hätten die Menschen die Helfersysteme schon vielfach durchlaufen, weshalb sie "extrem misstrauisch" gegenüber Hilfsangeboten seien. Die Folge davon: langwierige Beratungen und wenig sichtbare Erfolge.

Auf Nachfrage von Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW), welche Menschen von den Zwangsräumungen betroffen waren, sagte Lobenstein, dass die Zahl derer, "die nicht verstanden haben, dass sie Miete bezahlen müssen", von Jahr zu Jahr in etwa gleichbleibend sei. Viel mehr Sorgen bereite ihr, dass die zusätzlichen Räumungsklagen Menschen betreffen, die zwar Miete bezahlen wollten, es sich aber nicht mehr leisten können. Am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter, die plötzlich allein für die Miete aufkommen muss, machte sie deutlich, wo hier die Problematik liege. Ein Wohnungsberechtigungsschein, der für den Bezug einer Sozialwohnung nötig ist, werde in solchen Fällen erst ausgestellt, wenn bereits die Zwangsräumung anstehe. "Das ist ein absurdes System", sagte Lobenstein.

Die Leiterin der Obdachlosenhilfe resümierte, dass der Hilfsbedarf "riesig" sei und auch 2018 ansteigen werde. Immer mehr Anerkennungen von Asylbewerbern und Familiennachzügen würden den angespannten Wohnungsmarkt in der kommenden Zeit zusätzlich belasten, heißt es in Lobensteins Jahresbericht. Schon 2017 seien alle Notunterkünfte fast durchgängig voll belegt gewesen und es wurden zusätzliche Zimmer in Hotels und Pensionen angemietet. Die hohe Belegung macht Lobenstein anders als in früheren Jahren an der "extremen Wohnungsknappheit im Bereich der Sozialwohnungen" fest. Hinzu kämen Wartezeiten von mehreren Jahren bei Sozialwohnungsanträgen. "Wir erwarten eine weitere Verschärfung der Situation", so Lobenstein.