Zum 127. Todestag Ludwig II. "Ärgerlich, dass er immer Märchenkönig genannt wird"

Der Verstorbene ist ein exzellenter Werbeträger. Wenn es aber nach Christa Baumgartner, Vorsitzende der Vereinigung "Ludwig II. Deine Trauen", ginge, dürfte allenfalls Prinz Luitpolds Schlossbrauerei Kaltenberg mit dem toten König Geld verdienen.

Gerhard Summer

Die Königstreuen strömen an diesem Sonntag wieder zur Votivkapelle im Park von Schloss Berg. Die Gedenkmesse zum 127. Todestag von König Ludwig II. wird mehrere hundert Menschen anziehen, auch Politiker wie Peter Gauweiler oder der Bürgermeister von Berg, Rupert Monn, gehören regelmäßig zu den Gästen. Die SZ sprach mit der Vorsitzenden der veranstaltenden "Vereinigung Ludwig II. Deine Treuen", Christa Baumgartner aus Pleinting an der Donau, über die Feier und die Faszination, die nach wie vor von dem Märchenkönig ausgeht.

SZ: Wie kommt jemand, der aus Stettin stammt, dazu, Vorsitzende eines Ludwig- II.-Vereins zu werden?

Christa Baumgartner: Durch meinen Mann, den ich mit 17 Jahren kennengelernt habe. Wir hatten Ende der 50-er Jahre eine Druckerei in der St.-Paul-Straße in München gepachtet, und eines Tages kamen Karl Streb und Stadtrat Dr. Dr. Dr. Keller, der hatte drei Doktortitel. . .

Streb war der Gründer der Vereinigung?

Nein, das war schon der Sohn Karl, Johann war der Gründer. Und Streb und Keller haben damals Spenden für ein König-Ludwig-Denkmal in München gesammelt.

War Ihr Mann da schon Ludwig-Anhänger?

Nein, eigentlich nicht. Er war schon immer patriotisch, aber wie soll ich sagen: ein normaler Mensch. Wir konnten zu der Zeit keine Spende geben, die Druckerei war noch im Aufbau. Mein Mann hat dann gesagt: Ich kann Sie aber mit Drucksachen unterstützen. Und nach kurzer Zeit kamen sie auf uns zu mit der Bitte, Einladungen für die Gedenkmesse in Berg zu drucken. Damals ist er zum ersten Mal mitgefahren, das war aber alles noch sehr bescheiden.

Wie kann man sich das vorstellen?

Also ich bin seit 1960 dabei, ich kenne jede Gedenkmesse seither und habe immer meinen Mann und den späteren Vorsitzenden Günter Weinzierl unterstützt. Damals war schon der Trachtenverein "König Ludwig Stamm Schloss Berg" dabei und noch ein zweiter Verein, das war aber nicht so wie heute.

Wie viele Besucher waren es anfangs?

50 vielleicht. Normal sind inzwischen 150 bis 200.

Woher kommen die Leute?

Doch viel aus der Umgebung. Wir haben allerdings auch Mitglieder aus Toulouse in Frankreich, die eine Zeitlang jedes Jahr kamen. Und von den 65 König-Ludwig-Vereinen, die dem Landesverband der Königstreuen in Bayern angeschlossen sind, erscheinen in der Regel zehn Fahnenabordnungen, die in der Nähe sind, beispielsweise aus Peiting und Landshut. Heuer ist ein größerer Aufruf in der Verbandszeitung erschienen, da werden wohl mehr kommen.

Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?

Etwa 300, denn heuer stehen auch zwei Jubiläen an: Zum einen ist die Vereinigung "Ludwig II. Deine Treuen" im Mai 100 Jahre alt geworden. Und zum anderen war damals, am 13. Juni 1913, auch das erste schmiedeeiserne Kreuz zum Gedenken an den Tod des Königs im See aufgestellt worden.

Was fasziniert die Menschen nach wie vor an Ludwig?

Das Ideelle, dass er keine Kriege wollte, dass er die Schönheit und die Natur liebte. Wie er selber einmal sagte: Die Menschen werden erst später erkennen, wie recht ich hatte. Er ist ja in Hohenschwangau in der Natur aufgewachsen, das prägt einen. Das ist das Gleiche wie bei mir: Ich war mal durch die Kinderlandverschickung zwei Jahre auf der Insel Rügen. Und ich wollte auch nach 40 Jahren in München wieder in Pleinting an der Donau leben. Der Blick auf das Wasser von meinem Zimmerfenster aus - das ist etwas, das man in der Jugend schon erfährt, das hilft einem dann. So wird das bei ihm auch gewesen sein. Er hat aber nicht, wie manche immer sagen, die Regierungsgeschäfte vernachlässigt. Es gibt Unterlagen im Archiv, dass ihm Boten täglich Dokumente zum Unterschreiben überbrachten. Vergangenes Jahr ist auch in der Ausstellung in der Sparkasse Starnberg die Schatulle gezeigt worden, in der diese Papiere transportiert wurden.

Er war kein müßiger Regent?

Nein, das wird auch jetzt immer wieder in Büchern bestätigt.

Es gibt auch andere Leute, die Naturliebhaber und Naturschützer sind, und trotzdem entsteht kein Kult um sie herum. In Ludwigs Fall kommt doch noch einiges dazu: die besonderen Umstände des Todes, die Schlösser, das Rätselhafte an seiner Person.

Sein tragischer Tod gehört eben auch zu dieser Verehrung. Ich ärgere mich jetzt immer, wenn Werbung mit ihm gemacht wird. In Vilshofen gibt es jetzt König-Ludwig-Brot mit so einer Banderole, so etwas finde ich unmöglich. Dass Prinz Luitpolds Schlossbrauerei Kaltenberg König-Ludwig-Bier verkauft, das kann ich ja noch akzeptieren. Aber dass in seinem Namen solche Werbung gemacht wird und dass er jetzt immer Märchenkönig genannt wird, das nimmt überhand.

Zumindest die Schlösser sind märchenhaft. Neuschwanstein etwa.

Ja schon. Trotzdem geht's da in mir hoch, muss ich sagen.

Sie wollen einen eher nüchternen Blick auf Ludwig II.? Dabei verehren Sie ihn doch auf eine Weise, die etwas sehr Irrationales hat.

Natürlich war er, wenn man seine vielen Bauten betrachtet, kein Realist. Er wollte ja noch Schloss Falkenstein bei Pfronten bauen und hat die Ruine anonym durch einen Strohmann gekauft. Als das bekannt wurde, kam das Ende. Da hatte er schon den normalen Blick verloren gehabt.

Wie ist das bei König-Ludwig-Anhängern: Wünschen Sie sich die Monarchie zurück?

Nein, überhaupt nicht. Dafür gibt es einen anderen Verein, die Monarchisten, die das Kaiserreich zurück wollen, die kommen jedes Jahr zur Gedenkfeier nach Berg und legen einen Kranz nieder. Die haben mit uns nichts zu tun. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Haus Wittelsbach, ich bin jetzt eingeladen zur Geburtstagsfeier von Herzog Franz, der 80 wird und in Schloss Schleißheim feiert.

Das ist wichtig für Sie, dass Sie eingeladen sind?

Klar. Das ist eine Ehre. So viele werden da nicht eingeladen.

Also auch eine Anerkennung Ihres Vereins, der ja eher klein ist.

Sicher, unsere Mitglieder sind im Übrigen über ganz Deutschland verstreut, sie kommen aus Potsdam, Witten, Hamburg oder aus Bietigheim. Direkt in München lebt nur einer, in Ismaning und Fürstenfeldbruck wohnen die nächsten.

Sie haben derzeit 48 Mitglieder. Angesichts des König-Ludwig-Hypes und der Besucherzahlen in den Schlössern Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee denkt man eher, dass Sie mehr Zulauf haben müssten.

Ich bin ohnehin froh, dass es jetzt so viele sind. Als mein Mann 2006 starb und ein halbes Jahr darauf sein Nachfolger Günter Weinzierl, waren es zehn Mitglieder. Der Verein ist eben nicht so bekannt, und wir machen auch nichts außer der Gedenkmesse, weil alle zu weit voneinander entfernt leben. Der Jahresbeitrag von 24 Euro ist auch nicht gerade billig. Das sind Idealisten, die kriegen von mir ein Jahresrundschreiben. Und wenn ich etwas Besonders wie eine seltene Postkarte habe - da gibt es beispielsweise ein Bild von ihm in jungen Jahren mit Trachtenhut - schicke ich es mit.

Ist es aufwendig, die Gedenkmesse zu organisieren? Sie müssen ja immer auch einen Pfarrer finden.

Früher war das kein so großes Problem, aber jetzt gibt es immer weniger Pfarrer. Ich habe vergangenes Jahr alle Klöster abtelefoniert, ob St. Bonifaz, Ettal oder Schäftlarn - vergebens. In letzter Minute konnte ich Kirchenrektor Kern von den Jesuiten in München gewinnen.

Und jetzt würdigt ein Militärdekan den Pazifisten Ludwig II.?

Ja, Dr. Jochen Folz. Er soll König-Ludwig-Fan sein. Er wird auch unsere Standarte weihen. Und ich hoffe, dass das Wetter schön bleibt. Scheinbar haben wir Glück. Man spricht ja schon immer von König-Ludwig-Wetter. Nur einmal in den 52 Jahren, in denen ich dabei bin, hat es bei der Gedenkmesse so geregnet, dass wir die Ansprache in der Kapelle halten mussten.