Ruhen statt hetzen Meditation wirkt und wird längst nicht mehr belächelt

Mehrere Wochen besuchten die Studentinnen immer wieder den Unterricht und regten mit verschiedenen kleinen Übungen die Vorstellungskraft und Sinneswahrnehmung der Kinder an. Die fanden es toll, sagten, es helfe ihnen gegen den Druck durch Eltern, Hausaufgaben, Freizeitstress. Und die Lehrerinnen bemerkten, dass sich das Klassenklima besserte.

De Bruin zeigt seinen Studenten an diesem Nachmittag noch Filmsequenzen aus den USA, wo solche Projekte schon seit Jahren in vielen Städten laufen. In einer Highschool in Baltimore wird jeden Morgen meditiert. "Seither hat sich die Situation an unserer Schule komplett verändert", erzählt die Schulleiterin im Film. Die Lehrer wollten nicht mehr darauf verzichten. Denn die Kinder seien nicht nur konzentrierter, sie hätten auch gelernt, über Gefühle zu sprechen, anstatt zuzuschlagen, sie würden mehr Dankbarkeit und Mitgefühl zeigen. Der Erfolg war so überzeugend, dass etliche Schulen und Kindergärten in Baltimore das Konzept übernommen haben.

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"Meditation wirkt. Und sie wird längst nicht mehr belächelt", sagt de Bruin. Vom Kindergarten bis zur Hochschule, in der Lehrer- oder Erwachsenenbildung, in Gefängnissen und der Jugendhilfe - de Bruin sieht viele Möglichkeiten, um mit Meditation und Achtsamkeit das Miteinander friedlicher zu gestalteten.

Seit 25 Jahren meditiert der Holländer selbst: "Zweimal täglich zwanzig Minuten und zwei- bis dreimal die Woche zwei Stunden am Abend." Es ist zum Fokus seines Lebens geworden. Bis er diesen Fokus gefunden hatte, war es ein langer Weg. Aufgewachsen in der Maler-Stadt Delft, hat er zunächst technische Betriebswirtschaft studiert, in der Delfter Porzellanfabrik und in einer Flugzeugfabrik gearbeitet. Er hat dann angefangen, Psychologie zu studieren, wechselte nach München an die LMU, nahm Ethnologie und Musikpädagogik dazu und wurde 2003 promoviert.

Nebenbei hat er als Bademeister und im Gewächshaus gejobbt und Gitarre in einer Band gespielt. Zehn Jahre lang hat er mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. "Ich bin immer gerne in schwierige Felder gegangen", sagt er mit seinem kehligen Akzent, "man findet dort oft eine große Ehrlichkeit." Noch in Holland, an der Uni in Leiden, hatte ihn eines Tages ein Kommilitone zu einer Meditation mitgenommen. "Und das hat mich gleich gepackt: Die Ruhe und das Gefühl, geborgen zu sein."

Mehr als tausend Münchner Studenten hatten bisher bei ihm Gelegenheit, dieses Gefühl selbst zu erfahren. Sie bekommen Credit-Punkte und Noten fürs Meditieren. Anwesenheit und Mitarbeit zählen und das Meditationstagebuch, das sie - auch zu Hause - führen. Am Ende sollen sie reflektieren, wie sie Meditation in ihrem späteren Berufsfeld einsetzen können.

De Bruin stellt sein Projekt auf Tagungen und an Hochschulen im In- und Ausland vor. Er wirkt umtriebig, spricht schnell. Aber er will nichts erzwingen, sagt der Holländer, "das wächst von ganz allein, Schritt für Schritt".

Im Seminarraum in Pasing ist es jetzt wieder ganz still. Es gibt noch eine Abschlussmeditation, bevor alle wieder in den Alltag entschwinden. Sitzen und atmen. Die unruhige Welt noch für ein paar Minuten draußen lassen.

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