Oscars 2013 Singend geht die Show zugrunde

Es ist erfreulich, dass Christoph Waltz und Michael Haneke einen Oscar gewonnen haben. Auch Ben Afflecks Film "Argo" ist ein netter Überraschungserfolg. Dennoch: Die Oscar-Verleihung ist eine Veranstaltung aus dem vorigen Jahrhundert. Das kann auch ein frecher Jungmoderator nicht ändern.

Von Ruth Schneeberger und Paul Katzenberger

Seth MacFarlane macht normalerweise Witze über Hitler. Oder über Blähungen. Oder beides zusammen. Der Schöpfer der Zeichentrick-Serie "Family Guy" und der Kinokomödie "Ted" nahm sich als Moderator der Oscar-Nacht dann aber doch zurück - und schrammte nur vergleichweise harmlos an der politischen Korrektheit vorbei, als er den Auftakt der großen Galashow gleich mit einem Lied namens "We saw your Boobs" bestritt.

Ähnliches Liedgut würde genauso problemlos in eine Karnevalssitzung einer rheinischen Kleinstadt passen und niemanden wundern. Auch die sorgfältig gestylten Hollywoodstars in Los Angeles machten gute Miene zum leicht anstrengenden Spiel - und amüsierten sich zumindest für die Kameras prächtig. Denn, hey, das sind die Oscars! Big Business, great Show - was dann abseits der Preisverleihung passiert, ist doch egal. War es auch.

Noch nie wurde so viel gesungen in einer Oscarnacht. Das postpubertäre Einstimmungs-Liedchen des 39-jährigen Moderators war nur der Vorbote. Ständig wurde irgendwo geträllert, und meist nicht sonderlich gut. Das kennt man so eigentlich nur noch aus Musicals, den schon genannten Karnevalssitzungen - und von Filmen aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, wo Schauspieler nahtlos und ohne Vorwarnung von der Sprech- zur Sangesrolle wechselten und dazu noch tanzten oder gar steppten. Inzwischen hat sich diese nervige Unsitte wieder gelegt - nur für die Oscarnacht 2013, hey, da wurde sie einfach wiederentdeckt! Ganz großes Kino.

Wer zuletzt lacht

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Shirley Bassey schmetterte im Gold-und-Glitzer-Fummel angestrengt "Goldfinger", Barbra Streisand trällerte ebenfalls im Glitzerfummel für den verstorbenen Marvin Hamlisch "The way we were" und Sängerin Adele - in welcher Art Kleid wohl - sang immerhin sehr ordentlich ihren oscarprämierten Bond-Song "Skyfall". Tiefpunkt der Show war dann die Darbietung der Schauspieler des Musical-Films "Les Misérables" - zu viel des Guten.

Wofür stehen die Oscars noch mal? Ach ja: für die besten Filme der Welt, zumindest aus US-Sicht. Wer sich die Academy-Awards-Übertragungen der vergangenen Jahren angeschaut hat, wird attestieren: Die Oscar-Verleihung ist eine Veranstaltung aus dem vergangenen Jahrhundert. Was als eine der größten Shows der Welt gefeiert wird, ist bei genauerer Betrachtung rückwärtsgewandt, selbstreferentiell, überladen und zugleich eintönig ohne Ende.

Um diesen Eindruck zu übertünchen und auch jüngeres Publikum für die mehr als dreistündige Übertragung zu begeistern, sollte das Musikprogramm offenbar dazu beitragen, die Show lebendiger zu gestalten. Diese Rechnung konnte aber nur für Musical-Fans aufgehen. Deswegen jetzt zu den Filmen, um die es ja eigentlich gehen sollte.