Kultur und Öffentlichkeit Die Rückkehr der Sekte in Zeiten der Filterblase

Unerreichbar für die traditionellen Wahrheitsproduzenten in den Universitäten und Medienhäusern: Trump-Anhänger während des Wahlkampfs 2016

(Foto: AFP)

Dercon, Tellkamp, Kollegah, Trump: Mancher Kulturstreit zeigt durchaus wahnhafte Züge und spielt mit imaginierten Bedrohungen.

Von Felix Stephan

Vielleicht wäre es am einfachsten, wenn die Kulturlandschaft sich zu einer großen Umsiedlung entschließen könnte: Matthias Lilienthal würde nach Berlin ziehen, Chris Dercon nach München, und für Kollegah hat Bushido in Kleinmachnow sicher auch noch eine Etage frei. Die einzigen, die in dieser Rochade nicht umziehen müssten, wären Uwe Tellkamp und Durs Grünbein, die sind schon angekommen im Schoße ihrer Peer Group, und das wird vermutlich so bleiben, bis ein Sender sich das Format "Poetentausch" ausdenkt und die beiden Dichter für eine Staffel das Viertel tauschen müssen.

Die Fälle haben allesamt ihre eigene Geschichte, die Koordinaten, Verläufe, Argumente der einzelnen Debatten sind höchst unterschiedlich und nur bedingt vergleichbar. Aber sie fanden allesamt in der Öffentlichkeit statt, weshalb in der Häufung auch die neue Struktur hervortritt, die diese Öffentlichkeit angenommen hat: Dass die Community die Nation als primäre Erregungsgemeinschaft (Sloterdijk) abgelöst hat, ist auch in der Kultur zu beobachten. Im Falle von Lilienthal, Noch-Intendant der Münchner Kammerspiele, und Dercon, Ex-Intendant der Berliner Volksbühne, waren es ideologisch geschlossene Communitys, die einen Künstler in ihren Reihen nicht dulden wollten. Und im Falle des Deutschrappers Kollegah und des Schriftstellers Tellkamp waren es die entkoppelten Wahrheitssysteme, die aus den Künstlern mit der Öffentlichkeit sprachen.

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In allen Fällen wurden auf großer Bühne Kämpfe ausgetragen gegen imaginierte Bedrohungen: Der Münchner CSU-Stadtrat Richard Quaas erkannte in Lilienthals Theater den kalten Atem der bolschewistischen Revolution, Chris Dercon wurde von Anfang an, als man von seiner desaströsen Bilanzplanung noch nichts wissen konnte, als Globalist und apokalyptischer Reiter der neoliberalen Mietmarkt-Kolonialisierung dämonisiert. Uwe Tellkamp fühlte sich von arbeitsfaulen Sozialhilfeempfängern überflutet, die 95 Prozent der in Deutschland ankommenden Migranten ausmachen, und der Rapper Kollegah widersetzt sich vor den Augen eines Millionenpublikums standhaft einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung.

Keiner dieser Gegner, gegen die die Aufständischen hier zu Felde zogen, existiert in der Realität. Während es noch vor Kurzem einzelnen verwirrten Demonstranten vorbehalten war, auf selbstgemalten Schildern in Einkaufsstraßen vor der Überflutung, dem Untergang, der Offenbarung zu warnen, werden Wahnsysteme heute in Landtagen und Stadttheatern verhandelt.

Der Charles-Manson-Moment: das Umkippen von Weltverbesserungsfantasien in rohe Gewalt

Und weil ein ähnlicher Fall seit 2016 im Weißen Haus zu beobachten ist, kehrt in Film und Literatur gerade ein Topos zurück, von dem lange keine Rede mehr war: die Sekten. Netflix etwa stellt ein ganzes Themen-Paket bereit und strahlt weltweit die Doku "Wild Wild Country" über die Bhagwan-Sekte aus, die 1981 in Oregon ein riesiges Gebiet gekauft hat. Außerdem im Angebot: die Dokumentation "Holy Hell", die in Sundance Premiere hatte und Filmmaterial zeigt, das über 22 Jahre von einem ehemaligen Mitglied der hawaiianischen Buddhafield-Sekte gedreht wurde. Und weiterhin die Doku "Deprogrammed", die von einem Mann handelt, der es sich in den Siebzigerjahren zur Aufgabe gemacht hat, Sektenmitglieder anhand von mentaler Reprogrammierung in Nicht-Sektenmitglieder zu verwandeln, und dafür so viele Anhänger fand, dass seine Initiative selbst von einer Sekte kaum mehr zu unterscheiden war.

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All diese Filme sind vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Donald Trump entstanden, dessen Anhänger in großer Zahl Barack Obama für einen Muslim und Hillary Clinton für die Betreiberin eines Kinderpornorings halten und für die traditionellen Wahrheitsproduzenten in den Universitäten und Medienhäusern kaum mehr zu erreichen sind.

In Deutschland hat die Stadt Leipzig den renommierten "Buchpreis für europäische Verständigung" an die norwegische Journalistin Åsne Seierstad verliehen, die ebenfalls zwei Bücher geschrieben hat über Menschen, die sich im Internet Wahnsystemen angeschlossen haben und darüber zu Fanatikern wurden: Das erste Buch heißt "Einer von uns" und handelt von Anders Breivik, der mit einem Massaker an Schülern die Islamisierung Europas verhindern wollte. Und das zweite Buch, "Zwei Schwestern", erzählt die Geschichte zweier Mädchen, die nach Syrien gegangen sind, um sich dem IS anzuschließen.

Was für die Flower-Power-Bewegung in den Sechzigerjahren der Charles-Manson-Moment gewesen ist, das Umkippen von Weltverbesserungsfantasien in rohe Gewalt, vollzieht sich heute eher schleichend. Auch die Attentäterin, die in das Youtube-Hauptquartier gestürmt ist, um dort erst um sich zu schießen und sich dann selbst umzubringen, gab sich auf ihrem Youtube-Kanal als Anhängerin eines Wahnsystems zu erkennen: als radikale Veganerin, die sich von Youtube zensiert fühlte. Dass militante Veganer-Sekten ihr Anliegen teilweise mit Gewalt durchsetzen wollen, davon wissen deutsche Bauern zu berichten.