Flops im Blockbuster-Kino Hollywood wird nervös

Riesige Aliens, eine verlassene Erde, das Weiße Haus in Trümmern, hat man alles schon gesehen. Der Erfolg teurer Projekte galt in Hollywood lange als garantiert, nun floppt eine Reihe aufwendig produzierter Filme. Hollywoods Reaktion? Man wird unruhig. Und plant die nächsten Blockbuster.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt eine interessante Profession in den Vereinigten Staaten. Sie wird mit etwa zehn Dollar pro Stunde entlohnt, man braucht dafür keine Ausbildung, kein Vorstellungsgespräch, keine Einarbeitung - die Aufgabe besteht darin, sich irgendwo anzustellen. Professionelle Schlangesteher warten an der Bar feiner Steakhäuser in New York, sie ziehen Nummern bei der Führerscheinstelle, sie lungern vor Clubs in Los Angeles. Hin und wieder formen sie eine Schlange bei Kinopremieren, damit es so aussieht, als würden viele Menschen "Lone Ranger" sehen wollen. Tatsächlich jedoch gehört der Film mit Johnny Depp zu den Flops des amerikanischen Kinosommers.

Der Ranger ist gar nicht so einsam, wenn es um Filme mit einem dreistelligen Millionenbudget geht, die keinen Erfolg an den Kinokassen haben - in Hollywood wird bereits vom "Sommer der Mega-Flops" gesprochen. Zwischen Mai und Juli kamen 17 "Tentpole-Movies" in die Kinos - so werden Filme genannt, die aufgrund phänomenaler Einspielergebnisse die Verluste riskanter Projekte ausgleichen. Sie sind die Zeltstangen, die dafür sorgen, dass es auch bei schlechtem Wetter schön trocken bleibt. Es kracht in diesen Filmen, die Protagonisten ballern mit riesigen Kanonen, sie fliegen in Raumschiffen herum, sie kämpfen gegen wütende Außerirdische, hungrige Fabelwesen und degenerierte Antagonisten. Wenn Roland Emmerich Regie führt, dann explodiert das Weiße Haus.

Allerdings wollen das in diesem Sommer zu wenige Amerikaner sehen, sieben der 17 prognostizierten Blockbuster floppten. "Lone Ranger" kostete 250 Millionen Dollar und spielte an den amerikanischen Kinokassen bislang gerade einmal 81 Millionen ein. Der Alien-Action-Streifen "Pacific Rim" (Produktionskosten: 180 Millionen) erreichte ebenso 68 Millionen wie Emmerichs "White House Down" (150 Millionen). Selbst Blockbuster-Garant Will Smith musste mit "After Earth" (Kosten: 130 Millionen, US-Umsatz bislang: 60 Millionen) einen Tiefschlag hinnehmen. Kürzlich setzte die Untoten-Polizisten-Ballerei "R.I.P.D." (130 Millionen) am wichtigen Startwochenende magere 12,6 Millionen um, am vergangenen Wochenende startete "The Wolverine" (Kosten: 100 Millionen) zwar ordentlich mit 55 Millionen Dollar Umsatz, blieb jedoch hinter den Prognosen von etwa 80 Millionen Dollar zurück.

Die Frage in Hollywood lautet: Warum funktionieren die Sommer-Blockbuster nicht? Die Strategie der bedeutenden Studios war in den vergangenen Jahren überaus erfolgreich und sorgte für finanzielle Stabilität. So paradox das klingen mag: Es war nicht so riskant, einen potenziellen Blockbuster mit einem Budget von 150 Millionen Dollar auszustatten und ihn mit weiteren 50 Millionen zu bewerben, als in fünf kleinere Filme jeweils 40 Millionen zu investieren. Der Erfolg der teuren Projekte galt als garantiert - so lange nur genügend Sachen explodierten und genügend Stars mitspielten, die ihre Filme in Marketing-Tourneen bewarben. So einfach war Popcorn- Kino.

In diesem Sommer klappt es jedoch nicht, die Filmindustrie könnte dadurch finanzielle Probleme bekommen. Steven Spielberg hatte vor diesem Szenario bereits im Juni gewarnt, als er an der University of Southern California mit Filmstudenten sprach: "Die Gefahr ist groß, dass es eine riesige Kernschmelze geben wird", sagte der Regisseur: "Es wird eine Implosion geben, bei der drei, vier oder gar ein halbes Dutzend Filme abstürzen."

In Hollywood bricht noch keine Panik aus, die Nervosität ist indes überall zu spüren. In den Cafés in West Hollywood wird heftig über die Gründe debattiert, es gibt zahlreiche Theorien: Es gebe zu viele Filme mit überdimensioniertem Budget innerhalb kurzer Zeit, sagen die einen. Waren es vor drei Jahren noch zehn, gibt es in diesem Sommer - rechnet man den August mit ein - 19 Tentpole-Filme. Produzent George Lucas dagegen macht die Entwicklung des Fernsehens verantwortlich. Kabelsender seien heutzutage "viel risikobereiter" als die Filmindustrie, weshalb die Menschen nicht mehr so viel Geld für Kinobesuche ausgeben würden.