Neue Regeln für Windenergie Totale Flaute in Bayern

Flaute nicht nur im ländlichen Raum: Mit "10H" sind nicht alle zufrieden.

Foto: Stephan Rumpf, Imago / Illustration: Alper Özer

Einige bayerische Kommunen verdienen mit der Windkraft schon viel Geld. Andere stehen in den Startlöchern. Doch in dieser Woche will der Landtag größere Abstände für Windräder vorschreiben - und würgt diesen Teil der Energiewende ab.

Von Frank Müller und Christian Sebald

Rupert Monn sollte ein zufriedener Mann sein. Jahrelang hat der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Berg am Starnberger See dafür gekämpft, im Staatswald nahe der Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen vier Windräder aufstellen zu können. Nun ist es geschafft. Ende 2015 werden sich die vier Windräder drehen und Strom für 8000 Haushalte produzieren. Aber Rupert Monn ist nicht zufrieden, überhaupt nicht. Er ist tief verärgert. "Natürlich könnte ich jetzt sagen, gut, dass es noch mit unserem Windpark geklappt hat. Aber darum geht's doch nicht", schimpft er. "So wie ich die Energiewende vorabringen wollte, so wollen das zig Kollegen überall in Bayern. Sie stehen jetzt alleine da." Dann sagt Monn: "Was unser Ministerpräsident liefert, ist ein Trauerspiel."

Kein Platz für Windräder

Wenn es nach Bayerns Ministerpräsident Seehofer geht, dürfen die Länder künftig den Mindestabstand zwischen Windrädern und Wohnhäusern festlegen. Ein entsprechendes Gesetz ist schon in Arbeit und für Bayern hat sich Seehofer bereits eine Formel ausgedacht. Die würde den Bau neuer Anlagen allerdings praktisch unmöglich machen. Von Michael Bauchmüller mehr ...

Horst Seehofer steht im Kuppelsaal der Staatskanzlei und versteht nicht, was Menschen wie Monn meinen. "Alle sind eigentlich zufrieden", sagt Seehofer. "Die Versorgung mit erneuerbaren Energien und die Rücksichtnahme auf unsere wunderschöne bayerische Landschaft funktioniert."

Landtag will "10H" verabschieden

In dieser Woche kommt es zum Schwur bei der neuen Windkraftregel im Freistaat mit dem schon legendären Kürzel "10H". Neue Anlagen nur noch, wenn ihre Entfernung zur Wohnbebauung mindestens das Zehnfache ihrer Höhe beträgt - außer die Kommune stimmt kürzeren Abständen ausdrücklich zu: Das ist die neue Linie, die der Landtag nach Monaten voller erbitterter Debatten am Mittwoch endgültig verabschieden will. Für die Opposition ist das der Todesstoß für die Windkraft. Zwei Kilometer Mindestabstand bei den in der Regel 200 Meter hohen Anlagen sei kaum zu schaffen, sagt SPD-Energieexpertin Natascha Kohnen. Regierungschef Seehofer kontert: "Das wird den Ausbau nicht behindern."

Wer hat recht? Jahrelang war der Freistaat auf diesem Feld Schlusslicht in ganz Deutschland. Der Grund war, dass die Staatsregierung die Windkraft strikt ablehnte. Der Wind in Bayern sei viel zu lau, sagten die Minister stets, außerdem seien Windräder hässlich und zerstörten das Landschaftsbild. Erst nach der Atomkatastrophe von Fukushima dachte die Staatsregierung um. Bis 2021 sollten in Bayern tausend bis 1500 neue Windräder aufgestellt werden und einmal bis zu zehn Prozent des Stromverbrauchs decken.

Nur 1,5 Prozent des Stroms kommen aus Wind

Tatsächlich könnte aber sehr viel mehr Windstrom produziert werden in Bayern. So sagten es schon damals alle Fachleute - von Günther Beermann, dem Vorsitzenden des bayerischen Windenergie-Verbands, bis hin zum Bund-Naturschutz-Chef Hubert Weiger. Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik hat 2011 das bayerische Windstrompotenzial auf 80 Milliarden Kilowattstunden im Jahr beziffert. Das entspricht beinahe dem gesamten Stromverbrauch des Freistaats.

Energiepolitik paradox

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Aber nicht einmal von den einst angestrebten zehn Prozent spricht jetzt noch einer. Magere 1,5 Prozent an der Stromerzeugung kommen jetzt aus dem Wind. Eine Verdoppelung sei machbar, sagt der CSU-Wirtschaftspolitiker Erwin Huber. Selbst fünf Prozent seien schon "sehr ehrgeizig und sportlich". Anders als Seehofer räumt Huber unumwunden ein, "dass der Weg zur Windkraft etwas schwieriger wird und etwas langwieriger. Aber deutlich friedvoller." Denn die Ausbaupläne hätten für sehr viel Unfrieden im Land gesorgt.

Dabei kam der Ausbau nach Fukushima schnell voran. Allein von 2011 bis 2012 kletterte die Zahl der Windräder um 149 auf 559 Stück. 2013 waren es 652 Anlagen, Ende Juni 2014 bereits 703. In diesem Tempo hätte es freilich weitergehen müssen, wenn die Ziele der Staatsregierung erreicht werden sollten.